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Rohstoffe vor neuem Superzyklus: Warum strukturelle Kräfte die Märkte neu ordnen

Öl bleibt heiß begehrt
Rohstoffe

Geopolitische Spannungen, Energiewende und jahrelange Unterinvestitionen treiben die Rohstoffmärkte in eine Phase struktureller Knappheit. Während die Nachfrage robust bleibt und das Angebot kaum Schritt hält, stellt sich für Kerstin Hottner, Head of Commodities bei Vontobel, die Frage: Spiegelt ihre Allokation den Beginn eines langfristigen Rohstoffbooms bereits wider?

15.06.2026 | 15:45 Uhr von «Kerstin Hottner»

Ein Jahrzehnt der unterdurchschnittlichen Wertentwicklung bei Rohstoffen hat dazu geführt, dass viele Anleger in dieser Anlageklasse deutlich untergewichtet sind, was angesichts der strukturellen Kräfte, die die Rohstoffmärkte derzeit bestimmen, zunehmend unpassend erscheint.

Die Rohstofflandschaft durchläuft einen tiefgreifenden Wandel, der von radikalen strukturellen Veränderungen geprägt ist. Das Zusammenspiel von geopolitischen Spannungen, Sorgen um die Energiesicherheit und dem Materialbedarf der Energiewende dürfte die Aussichten und die Struktur der Rohstoffmärkte im kommenden Jahrzehnt neu gestalten.

Die jüngsten und anhaltenden geopolitischen Entwicklungen haben die Fragilität und die Verflechtung der globalen Rohstoffmärkte und Energiesysteme deutlich unterstrichen. Störungen wichtiger Transitrouten, insbesondere der Straße von Hormus, wirken sich nicht nur auf einzelne Märkte oder Anlageklassen aus, sondern breiten sich rasch auf alle Bereiche aus – von Rohöl über Petrochemikalien und Düngemittel bis hin zu Industriemetallen. All dies bedeutet, dass Schocks in einem Bereich schnell zu Preisvolatilität und einer Verknappung des Angebots in mehreren Rohstoffsektoren führen.

Infolgedessen rückt die Bedeutung der Energiesouveränität wieder stärker in den Fokus. Mittelfristig streben Regierungen den Wiederaufbau und die Ausweitung strategischer Reserven an, da sie sicheren, inländischen oder verbündeten Lieferketten Vorrang vor dem Preis einräumen. Dieser strategische Kurswechsel ist naturgemäß rohstoffintensiv, da der Wiederaufbau von Lagerbeständen und die Sicherung von Lieferketten die Nachfrage weiter ankurbeln und die ohnehin schon angespannten Märkte weiter verknappen.

Entscheidend ist jedoch, dass das Angebot kaum Schritt halten kann. Jahrelange Unterinvestitionen in den Bergbau und die Ressourcenerschließung haben strukturelle Defizite geschaffen, die sich wahrscheinlich nicht schnell beheben lassen. Höhere Preise sind auf Dauer angelegt, da sie als Anreiz für neue Produktion benötigt werden.

Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Öl bestehen. Tatsächlich hat sich die Nachfrage als widerstandsfähiger erwiesen als von vielen erwartet, und es wird nun allgemein davon ausgegangen, dass der Höhepunkt der Ölnachfrage erst Mitte der 2030er Jahre erreicht wird, gefolgt von einem allmählichen Rückgang statt eines abrupten Einbruchs.

All diese Faktoren deuten auf einen neuen Rohstoffzyklus hin, der möglicherweise umfassender und langanhaltender sein wird als alles, was wir bisher gesehen haben. Selbst im historischen Vergleich erstrecken sich Rohstoffzyklen in der Regel über mehr als ein Jahrzehnt, und es gibt allen Grund zu der Annahme, dass der aktuelle Zyklus, der 2020 begann, sich möglicherweise noch in einem sehr frühen Stadium befindet.

Es gibt mehrere strukturelle Kräfte, die diese Ansicht stützen, nämlich das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, steigender Investitionsbedarf, die durch die Energiewende getriebene Nachfrage sowie die geopolitische Fragmentierung und die daraus resultierende Bevorratung. Dieser strukturelle Wandel wird durch zyklische „Beschleuniger“ wie geopolitische Krisen, politische Kurswechsel hin zur Energieunabhängigkeit und den dringenden Bedarf an mehr Infrastruktur noch verstärkt.

Betrachtet man die strukturelle Dynamik aus der Distanz, bieten Rohstoffe für Anleger, die auf wirklich diversifizierte Portfolios setzen, in diesem neuen Umfeld eine Reihe einzigartiger Vorteile: eine geringe Korrelation zu traditionellen Anlageklassen und eine wirksame Absicherung gegen Inflation.

Zusammengenommen deutet all dies darauf hin, dass Rohstoffe in eine Phase eintreten, die weniger durch zyklische Erholung als vielmehr durch strukturelle Verknappung geprägt ist. Doch trotz dieses Hintergrunds spiegelt die Positionierung der Anleger weiterhin eher kurzfristige Anpassungen wider als eine nachhaltige Verschiebung der zugrunde liegenden Dynamik.

Diese Diskrepanz zwischen strukturellen Kräften und Marktpositionierung verdeutlicht, inwieweit Rohstoffe nach wie vor durch eine zyklische Brille betrachtet werden. Da sich die zugrunde liegenden Faktoren von Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, könnte sich diese Sichtweise zunehmend als überholt erweisen.

Für Anleger stellt sich nicht mehr die Frage, ob sich Rohstoffe kurzfristig gut entwickeln werden, sondern ob die aktuellen Allokationen die laufenden strukturellen Veränderungen angemessen widerspiegeln.

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