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Der TiAM FundResearch Wochenrück- und -ausblick.
Kolumne

KI-Finanzierung in den USA: Der große Raubzug

TiAM FundResearch blickt auf die Woche zurück und gibt einen Ausblick auf die kommenden Tage. Diesmal im Fokus: Wie die USA ihre Technologieführerschaft ausbauen und die Welt doppelt dafür bezahlen lassen wollen.

17.08.2026 | 07:15 Uhr von «Matthias von Arnim»

Rückblick auf die zurückliegende Woche

Am vergangenen Dienstag hat die weltgrößte Terminbörse CME Group bekanntgegeben, dass sie gemeinsam mit dem Indexanbieter Silicon Data zwei neue Terminkontrakte auf die Mietpreise von Nvidia-H100- und B200-Grafikprozessoren auf den Markt bringen wird. Geplanter Start ist der 5. Oktober. Die Idee dahinter: Rechenleistung ist zur knappsten Ressource der KI-Ökonomie geworden. Die Preise für die Miete von Rechenkapazität schwanken heftig, und ein öffentlicher Referenzwert fehlt bislang komplett. Wer heute GPU-Kapazität mietet, verhandelt im Dunkeln. Die neuen Kontrakte sollen daraus einen transparenten, standardisierten Markt machen. In Zukunft soll man also mithilfe von Futures Rechenleistung an der Terminbörse handeln können – ähnlich wie Öl oder andere Rohstoffe.

Der Vorteil insbesondere für KI-Unternehmen, die immer größere Mengen an Rechenleistung benötigen: Sie können künftig über Terminkontrakte die Kosten für die benötigte Rechenleistung besser planen. Auf der anderen Seite können sich Rechenzentren mit dem Verkauf von Kontrakten gegen künftige mögliche Preisrückgänge absichern.

Das Tor zur Selbstbereicherung steht offen

Das Prinzip klingt zunächst plausibel. Problematisch ist allerdings, dass diejenigen, die diese Struktur gerade aufbauen, sich die Möglichkeit geschaffen haben, gleich an mehreren Stellen mitzuverdienen, ohne dass eine unabhängige Instanz die Strukturen überprüft: Am selben Tag, an dem CME Group und Silicon Data ihre Compute-Futures bekanntgegeben haben, meldete Silicon Data über Business Wire den Abschluss einer Series-A-Finanzierungsrunde über 30,5 Millionen Dollar. Unter den namentlich genannten Investoren findet sich auch die CME Group. Die Börse, die den neuen Markt betreibt und ihn öffentlich als Instrument für Transparenz und verlässliche, regulierte Preisfindung bewirbt, ist damit zugleich Gesellschafterin jenes Unternehmens, dessen Index darüber entscheidet, wer bei der Abrechnung jedes einzelnen Kontrakts gewinnt, und wer verliert. Das steht schwarz auf weiß in der eigenen Pressemitteilung von Silicon Data – kein Interpretationsspielraum, keine Spekulation.

Mit im selben Atemzug genannt sind Kapitalgeber wie die Handelshäuser DRW, Jump und Wintermute, dazu Samsung und der Vermögensverwalter VanEck. Besonders bemerkenswert ist der Fall Samsung. Der Konzern ist einer der weltweit größten Hersteller von Speicherchips (HBM), die neben der GPU selbst maßgeblich über die Leistungsfähigkeit von KI-Rechenclustern mitentscheiden und deren Verfügbarkeit die Mietpreise für H100- und B200-Kapazität mitbestimmt. Samsung verdient damit potenziell doppelt: Als Zulieferer profitiert der Konzern von hohen Compute-Preisen. Als Investor bei Silicon Data hat er zugleich Einblick in das Unternehmen, das genau diese Preise als Referenzwert veröffentlicht.

Hier drängt sich ein Vergleich zum Libor-Skandal auf. Damals manipulierten Banken jahrelang unbemerkt den Libor-Zinssatz, an dem weltweit Billionen Dollar an Verträgen hingen. Die Banken waren gleichzeitig Index-Ersteller, Händler und Aufseher in einem. Dass das nicht gutgehen konnte, war eigentlich klar, wurde aber viel zu spät korrigiert. Europas Regulierer haben seither eigene Regelwerke für Finanzbenchmarks geschaffen – aus genau diesem Grund. Für Rechenleistungsbenchmarks gelten vergleichbare Regeln noch nicht. Wie auch? Die Idee der Messung und Verbriefung von GPU-Mieten wurde ja gerade erst geboren. Doch es ist schon bemerkenswert, wenn hier neue Finanzderivate auf den Markt gebracht werden und die einzige mögliche Kontrollinstanz nicht neutral, sondern Inhaber der Handelsplattform und Teilhaber des Indexherstellers für den Basiswert ist. Die Erfahrung lehrt: Ein Referenzpreis ist nur so glaubwürdig wie seine Unabhängigkeit – und der Markt, den er bedienen soll, ist derzeit noch winzig. Bevor am 5. Oktober der erste Kontrakt gehandelt wird, wäre es an der Zeit, dass CME Group und Silicon Data offenlegen, wie sie diese Unabhängigkeit sicherstellen wollen. Bislang haben sie das nicht getan.

Stupid European Money?

Der geplante Terminhandel der beiden GPU-Futures ist nicht nur wegen der offensichtlichen Interessenkonflikte innerhalb der Struktur brisant, sondern auch deshalb, weil er nur ein Baustein eines ganz neuen Ökosystems ist, das auch aus Anleihen und Verbriefungen besteht. Die US-Finanzindustrie zimmert sich in Kooperation mit den US-Techgiganten derzeit eine komplett neue, eigene Finanzierungsarchitektur zusammen, die einem Muster folgt, das an die US-Immobilienblase vor rund 20 Jahren erinnert. Damals schnürten US-Banken und Hedgefonds Hypothekenkredite in sogenannten Asset-Backed-Securities, kurz ABS, zusammen und verkauften sie in alle Welt. Als die Zinsen stiegen und immer mehr US-Schuldner ausfielen, platzte die Blase. Europäische Investoren, darunter nicht wenige deutsche große Finanzinstitute, die blauäugig massiv zugegriffen hatten, waren betroffen.

Die Geschichte könnte sich wiederholen, wenn man hierzulande nicht aufpasst. Denn fast zeitgleich zu den Terminkontrakt-Plänen der CME Group beginnen Banken wie J.P. Morgan gerade in großem Stil, die langfristigen Mietverträge zwischen Rechenzentrumsbetreibern und Hyperscalern wie Google oder Microsoft in Anleihen zu verpacken und diese an institutionelle Investoren weiterzuverkaufen. Ein Beispiel dafür ist die 4,25-Milliarden-Dollar-Anleihe für das texanische Hut-8-Rechenzentrum Beacon Point, abgesichert durch einen 15-jährigen Mietvertrag. JPMorgan selbst rechnet damit, dass solche Rechenzentrums-Verbriefungen 2026 und 2027 auf jährlich 30 bis 40 Milliarden Dollar anwachsen – Tendenz schnell steigend. Dafür sorgt schon allein Nvidia-Chef Jensen Huang, der eine Partnerschaft mit sechs großen Finanzinstituten eingegangen ist, die insgesamt 500 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren wollen. Die Kreditgeber wollen die Forderungen allerdings nicht in ihren Büchern behalten. Sondern sie wollen diese bündeln, in Tranchen mit unterschiedlichen Risikostufen schneiden und dann als strukturierte Anleihepakete an Versicherer, Pensionsfonds und andere Investoren weiterverkaufen. Mit Vorliebe auch ins Ausland.

Jensen Huang sorgt in Kooperation mit den Finanzinstituten also dafür, dass sich die Betreiber von Rechenzentren den Kauf von Nvidia-Chips leisten können, weil er ihnen das Geld dafür organisiert. Ein super Deal ohne Risiko für Nvidia. Dadurch, dass die US-Banken die Kredite verbriefen und in die Welt verkaufen, wandert das Risiko auch aus ihren Büchern.

Die Frage ist: Wo landet das Risiko am Ende? Vielleicht bald in unseren Depots. Denn die Idee ist, dass die Welt, insbesondere Europa, mit gigantischen Summen den Ausbau der IT-Infrastruktur in den USA finanzieren und damit selbst dafür sorgen soll, dass die großen US-Unternehmen Technologieführer bleiben. Ironischerweise unter anderem basierend auf Daten, die die großen US-amerikanischen KI-Unternehmen weltweit absaugen, ohne die Rechteinhaber dafür zu bezahlen. Aber das ist ein anderes Thema. Das Risiko, dass die Rechnung der US-Techgiganten nicht aufgeht, tragen also letztendlich praktischerweise die Investoren, die bereit waren, viel Geld in die neuen Kreditderivate zu stecken.

Fassen wir das Ganze einmal so zusammen: Erst wird der Bau großer Rechenzentren fremd finanziert. Die Kredite werden verbrieft und in die Welt verkauft – und damit auch das Finanzierungsrisiko. Zusätzlich wird das, was aus den Rechenzentren herauskommt, zum Spekulationsobjekt an der Terminbörse CME, die Miteigentümerin des Indexanbieters Silicon Data ist, der die Basispreise für die Compute-Kontrakte berechnet. Die KI-Industrie finanziert sich damit nicht mehr nur über Eigenkapital und klassische Kredite, sondern schafft sich Stück für Stück eine eigene, in sich geschlossene Kapitalmarktinfrastruktur – vom Fundament bis zur letzten GPU-Stunde. Und die US-Finanzindustrie verdient daran kräftig mit.

Am Ende der Verwertungskette sitzen wir Europäer. Als Nutzer von US-Technologie, als ahnungsloser Datenlieferant und vielleicht auch bald als blauäugige Financiers. Es geht hier nicht um Peanuts. Der Finanzierungsbedarf für Chips, Rechenzentren und Energie ist beispiellos. Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, hat am vergangenen Montag im US-Börsensender CNBC vorgerechnet, dass in den USA rund 70 Gigawatt an zusätzlicher Energie für den massiven Ausbau von KI benötigt würden. Der Bau von Kraftwerken kostet nach seiner Berechnung zwischen 50 und 60 Milliarden Dollar pro Gigawatt-Leistung. Damit liege der Investitionsbedarf bei 4,2 Billionen Dollar.

Da stellt sich aus europäischer Sicht die Frage: Warum sollten ausgerechnet wir diese Rechnung bezahlen, uns weiter in noch größere US-Abhängigkeit begeben und dann auch noch das Risiko dafür tragen? Das Geld wäre besser investiert, wenn man dafür Europas eigene Wirtschaft stärken würde. Ist nur so ein Gedanke.

Interessante Termine in den kommenden Tagen

Am Dienstag zieht der Deutsche Bauernverband (DBV) seine Erntebilanz 2026. Die Witterung mit Hitze, Trockenheit und in vielen Regionen fehlenden Niederschlägen hat die Bauern in diesem Jahr bei der Getreideernte, aber auch bei Obst und Gemüse vor enorme Herausforderungen gestellt. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, wird nach der Meldung der Daten aus den Landesbauernverbänden eine Erntebilanz vorlegen und die Auswirkungen des Wetters und des Klimawandels auf die Ernten und die gesamte Landwirtschaft beschreiben. Prognose: Die Bauern werden mehr staatliche Unterstützung fordern. Also im Ergebnis eigentlich alles wie immer.

Ab Mittwoch werden in den USA bestimmte kanadische Produkte mit Zusatzzöllen von 50 Prozent belegt. Hintergrund: Am 20. Juli hat die US-Regierung Zusatzzölle von 50 Prozent auf zahlreiche Güter in Kanada bei Import in die USA angekündigt. Dazu zählen nach damaligen US-Angaben unter anderem Wein, Zement und Hockeyschläger. Weinfest, Hausbau und Golfen werden damit teurer. Ausgerechnet unter Trump. Ein klassisches Eigentor. Seine Milliardärs-Freunde dürften ebenfalls darüber nicht begeistert sein.

Am Donnerstag findet in Berlin die Podiumsdiskussion „Macht ohne Mandat – die Geldspur“ statt. Es diskutieren Fabio De Masi, Co-Vorsitzender des BSW, Heribert Hirte, Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland, und Erika Zender, ehemalige Mitgesellschafterin und CEO der Aluminium Rheinfelden GmbH. Ja, es ist manchmal schon arg, wie sich Geldeliten ihre eigenen Regeln schaffen. Insbesondere in den USA, siehe oben. Ob aber eine Diskussionsrunde ausgerechnet mit Kreml-Freund Fabio de Masi hier neue Erkenntnisse bringt, sei dahingestellt.

Am Freitag gibt die Europäische Zentralbank (EZB) wichtige Kennzahlen zur Entwicklung in der Eurozone bekannt, unter anderem die aktuellen Zahlen zur Entwicklung der Tariflöhne in der Eurozone. Um es vorwegzunehmen: Die Tariflöhne entwickeln sich ähnlich wie die Preise – auf Dauer steigen sie. Im Unterschied zu Unternehmern und Selbstständigen müssen Angestellte sich allerdings nicht darum sorgen, wie sie die Preissteigerungen durch Innovation oder Investitionen auffangen können. Sondern sie streiken, wenn sie mehr Geld wollen. Wie praktisch.

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