In der dreiteiligen Serie beleuchtet Finanz- und Rohstoffexperte Tim Bröning im Auftrag von TiAM FundResearch die Hintergründe und Chancen für Investoren. Teil 2: Warum Kupfer für die Elektrifizierung der Welt so dringend benötigt wird und warum das Angebot nicht einfach mitwächst
14.08.2026 | 13:30 Uhr von «Tim Bröning»
Im ersten Teil dieser Serie ging es um die Nachfrageseite des Kupfermarktes. Die Welt elektrifiziert sich. Stromnetze werden ausgebaut, Elektroautos ersetzen Verbrenner, Rechenzentren verbrauchen immer mehr Energie und die Energiewende entpuppt sich bei genauerem Hinsehen weniger als Geschichte über Windräder, sondern vor allem als Geschichte über Kabel. Damit stellt sich zwangsläufig die nächste Frage. Wenn die Welt künftig so viel mehr Kupfer benötigt, warum fördert sie dann nicht einfach mehr davon?
Die Antwort klingt zunächst banal, ist aber für Anleger von entscheidender Bedeutung. Eine Kupfermine ist keine Fabrik, deren Produktion man bei steigender Nachfrage kurzfristig hochfahren kann. Wer mehr Autos bauen will, kann zusätzliche Schichten einführen oder neue Werke errichten. Wer mehr Kupfer fördern will, benötigt eine Lagerstätte, Genehmigungen, Milliardeninvestitionen, Wasser, Energie, Infrastruktur und vor allem Zeit.
Genau hier beginnt die eigentliche Kupfergeschichte.
Die offiziellen Marktbilanzen schwanken regelmäßig zwischen kleinen Überschüssen und Defiziten. Für 2025 sieht die International Copper Study Group übrigens ein leichtes Defizit. Für Anleger ist jedoch weniger entscheidend, ob in einem einzelnen Jahr einige hunderttausend Tonnen fehlen oder zu viel produziert werden. Entscheidend ist eher die langfristige Entwicklung.
S&P Global erwartet, dass die weltweite Kupfernachfrage von derzeit rund 28 Millionen Tonnen auf etwa 42 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2040 steigen könnte. Ohne erhebliche Investitionen in neue Projekte könnte daraus ein Angebotsdefizit von bis zu zehn Millionen Tonnen jährlich entstehen. Das entspräche nahezu einem Viertel der dann erwarteten Nachfrage.
Die eigentliche Herausforderung liegt also nicht in kurzfristigen Marktbewegungen, sondern in der Frage, ob die Angebotsseite mit dem strukturellen Nachfragewachstum Schritt halten kann.
Grafik: Kupferversorgung und -nachfrage

Quelle: J.P. Morgan, Guide to the Markets, Q2/26
Steigende Preise führen normalerweise zu einem höheren Angebot. Im Kupfermarkt funktioniert dieser Mechanismus jedoch nur mit erheblicher Verzögerung. Bevor eine neue Mine überhaupt Kupfer produziert, müssen Lagerstätten entdeckt, Ressourcen nachgewiesen, Machbarkeitsstudien erstellt und umfangreiche Genehmigungsverfahren durchlaufen werden. Erst danach folgen Finanzierung, Bau und schließlich die Produktion.
Heute vergehen zwischen Entdeckung und Produktionsbeginn häufig 15 bis 20 Jahre – deutlich länger als noch vor zwei Jahrzehnten. Für die Kapitalmärkte mag das eine Ewigkeit sein. Für die Bergbauindustrie ist es Alltag. Genau darin liegt das Problem. Die Nachfrage kann deutlich schneller steigen als das Angebot.
Hinzu kommt ein geologisches Problem, das sich weder durch politische Programme noch durch niedrigere Zinsen lösen lässt. Viele der hochwertigsten Kupfervorkommen wurden bereits vor Jahrzehnten entdeckt. Neue Lagerstätten befinden sich häufig in abgelegenen Regionen, liegen tiefer im Boden oder weisen geringere Erzgehalte auf.
Sinkende Erzgehalte bedeuten, dass mehr Gestein bewegt und verarbeitet werden muss, um dieselbe Menge Kupfer zu gewinnen. Das erhöht den Energieverbrauch, die Kosten und den Wasserbedarf. Die Welt benötigt also mehr Kupfer, aber das leicht zugängliche Kupfer wird zunehmend knapper.
Grafik: Globale Kupferminenproduktion

Quelle: International Copper Study
Ein weiterer Aspekt wird häufig unterschätzt. Die globale Kupferproduktion konzentriert sich auf wenige Regionen. Chile ist mit Abstand der wichtigste Produzent der Welt, gefolgt von Peru und der Demokratischen Republik Kongo. Alle drei Länder sind für die zukünftige Versorgung unverzichtbar. Gleichzeitig zeigen sie exemplarisch die Herausforderungen des Sektors.
In Chile sinken vielerorts die Erzgehalte, Wasser wird knapper und Genehmigungsverfahren dauern länger. In Peru kommt es immer wieder zu politischen Spannungen und sozialen Konflikten. Im Kongo bestehen erhebliche infrastrukturelle und politische Risiken.
Das bedeutet nicht, dass aus diesen Ländern künftig kein Kupfer mehr kommen wird. Es bedeutet lediglich, dass das Angebot anfälliger geworden ist, als viele annehmen.
Noch vor wenigen Jahren galt die Vorstellung als selbstverständlich, dass Rohstoffe jederzeit auf dem Weltmarkt verfügbar seien. Diese Sichtweise hat sich verändert. Pandemie, geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und der zunehmende Wettbewerb zwischen den großen Wirtschaftsblöcken haben das Thema Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt gerückt.
Die Vereinigten Staaten, Europa, Japan und zahlreiche weitere Staaten investieren inzwischen Milliardenbeträge in die Sicherung kritischer Rohstoffketten. Auch Kupfer wird zunehmend nicht mehr nur als Industriemetall betrachtet, sondern als strategischer Rohstoff.
Für Anleger ist das eine wichtige Entwicklung. Denn politische Entscheidungen beeinflussen heute Genehmigungen, Investitionen und Lieferketten stärker als noch vor ein paar Jahren.
Grafik Kupferminenproduktion je Land

Quelle: International Copper Study
Natürlich wird häufig darauf verwiesen, dass Kupfer sehr gut recycelt werden kann. Das stimmt. Kupfer lässt sich nahezu ohne Qualitätsverlust wiederverwenden und wird auch künftig eine wichtige Rolle bei der Versorgung spielen.
Das Problem besteht allerdings darin, dass ein Großteil des heute verwendeten Kupfers über Jahrzehnte in Stromnetzen, Gebäuden, Maschinen oder Industrieanlagen gebunden bleibt. Kupfer, das heute in einem Windpark oder Rechenzentrum verbaut wird, steht morgen nicht als Schrott zur Verfügung. Recycling kann daher die Versorgung verbessern, den steigenden Bedarf aber voraussichtlich nicht vollständig decken.
Am Ende lässt sich das Angebotsproblem auf einen einfachen Nenner bringen. Die Welt braucht mehr Kupfer - viel mehr Kupfer. Doch neue Minen entstehen nicht schnell genug, um auf diese Nachfrage kurzfristig zu reagieren.
Genau deshalb liegt die eigentliche Knappheit nicht nur im Metall selbst. Knapp sind hochwertige Lagerstätten, Genehmigungen, qualifizierte Arbeitskräfte, Infrastruktur, Wasser und vor allem Zeit. Diese zeitliche Lücke zwischen wachsender Nachfrage und langsam reagierendem Angebot ist möglicherweise der wichtigste Aspekt des gesamten Kupfermarktes.
Natürlich bleibt Kupfer ein zyklischer Rohstoff. Eine schwächere Weltkonjunktur, ein starker US-Dollar, höhere Zinsen oder eine vorübergehende Nachfrageschwäche können jederzeit zu sinkenden Preisen führen. Auch kurzfristige Marktüberschüsse sind dadurch keineswegs ausgeschlossen. Das ändert jedoch wenig an der langfristigen Entwicklung.
Wenn Stromnetze ausgebaut, Rechenzentren errichtet, Elektrofahrzeuge produziert und Energiesysteme elektrifiziert werden, wächst die Nachfrage nach Kupfer weiter. Gleichzeitig bleibt die Angebotsseite durch lange Projektlaufzeiten und geologische Grenzen eingeschränkt.
Genau diese Kombination macht den Markt so interessant.
Kupfer ist nicht knapp, weil es auf der Erde kein Kupfer mehr gibt. Kupfer wird knapp, weil wirtschaftlich attraktive Lagerstätten schwerer zu finden sind, weil Genehmigungen länger dauern, weil bestehende Minen altern und weil die Nachfrage aus mehreren strukturellen Megatrends gleichzeitig wächst.
Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht in der Frage, ob die Welt künftig mehr Kupfer benötigt. Darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob die Bergbauindustrie dieses zusätzliche Kupfer rechtzeitig bereitstellen kann. Genau daran bestehen zunehmend Zweifel.
Für Anleger entsteht daraus ein interessantes Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht ein Rohstoff, dessen Bedeutung für die Weltwirtschaft kontinuierlich zunimmt. Auf der anderen Seite steht eine Industrie, die ihr Angebot nur langsam ausweiten kann.
Das ist der Kern der Investmentthese.
Im dritten und letzten Teil dieser Serie stellt sich deshalb die entscheidende Anlegerfrage: Wie kann man von diesem langfristigen Trend profitieren, ohne die Risiken des Bergbausektors zu unterschätzen? Diese Folge lesen Sie in einer Woche an dieser Stelle.
Hier geht es zu Teil 1: Investmentchance Kupfer: das Metall für eine goldene Zukunft
Zum Autor: Tim Bröning ist Diplom-Ökonom und Betriebswirt und bereits seit über 30 Jahren an der Börse und im Finanzmarkt aktiv. Er arbeitete viele Jahre bei der Siemens AG sowohl im Energiebereich als auch für den Zentralvorstand in der Strategie- sowie M&A-Abteilung, wo er sich früh mit Marktanalysen, strategischer Ausrichtung und Unternehmensbewertung beschäftigte. Die letzten 15 Jahre war er ausschließlich in hohen Führungspositionen im Finanzdienstleistermarkt tätig, wo er sich u.a. auf makroökonomische Fragestellungen, die Fondsanalyse und die Fondsauswahl fokussierte. Ein besonderer Fokus gilt seit Jahren dem Rohstoffmarkt. Tim Bröning ist heute selbstständig. Mehr unter www.broening-investment.de.
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