Deutsche Haushalte haben seit Beginn der Pandemie 906 Milliarden Euro zusätzlich auf Tages- und Festgeldkonten geparkt. Eine Modellrechnung von J.P. Morgan Asset Management zeigt, welches Vermögen daraus bei einer Aktienanlage hätte entstehen können.
16.09.2026 | 10:00 Uhr
Die Deutschen sparen viel – doch beim langfristigen Vermögensaufbau lassen sie offenbar Chancen liegen. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die privaten Haushalte hierzulande zusätzlich rund 906 Milliarden Euro in Sparanlagen wie Tages- und Festgeldern angelegt. Wäre dieses Geld stattdessen in Aktien aus Industrieländern investiert worden, hätte sich der Wert laut einer Modellrechnung von J.P. Morgan Asset Management bis heute nahezu verdoppelt. Aus den 906 Milliarden Euro wären demnach rund 1,8 Billionen Euro geworden. Tatsächlich wuchs die Summe auf etwa 987 Milliarden Euro. Die Differenz von rund 843 Milliarden Euro bezeichnet J.P. Morgan Asset Management als entgangenen Vermögenszuwachs.
„Deutschland hat kein Sparproblem, sondern ein Investmentproblem“, sagt Christoph Bergweiler, Leiter des kontinentaleuropäischen Fondsgeschäfts bei J.P. Morgan Asset Management. Wenn langfristig benötigte Ersparnisse überwiegend auf Konten liegen, entgeht den Sparern nicht nur Rendite. Nach Einschätzung von J.P. Morgan fehlt dadurch zugleich Kapital für Investitionen, Innovation und Wachstum. Das Phänomen ist allerdings nicht auf Deutschland beschränkt.
Die europäische Studie „Vom Sparen zum Anlegen: Die Chance für Europa“ kommt zu dem Ergebnis, dass die Haushalte in den untersuchten Ländern seit Beginn der Pandemie insgesamt rund 2,8 Billionen Euro zusätzlich angespart haben. Durch die geringe Verzinsung sei daraus ein Vermögen von etwa 3,0 Billionen Euro geworden. Bei einer Anlage in globale Aktien hätte der rechnerische Wert laut Studie bei rund 5,4 Billionen Euro gelegen. Die Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von 17.000 Menschen zwischen 18 und 65 Jahren in neun europäischen Ländern. In Deutschland wurden 2.000 Personen befragt. Die Erhebung wurde im Juli 2026 durchgeführt.
Dabei sind die Deutschen beim Thema Kapitalmarkt keineswegs Schlusslicht. Fast 30 Prozent der Befragten nennen Aktien als häufigste Anlageform für zweckgebundenes Sparen. Damit liegt Deutschland über dem europäischen Durchschnitt. Auch bei der privaten Altersvorsorge zeigen sich die Deutschen vergleichsweise selbstbewusst. Mehr als 60 Prozent sind zuversichtlich oder sehr zuversichtlich, ihren gewünschten Lebensstandard im Ruhestand finanzieren zu können. 47 Prozent erwarten, dass dies vor allem durch private Vorsorge gelingt. Zwischen Anspruch und tatsächlichem Handeln klafft allerdings eine Lücke. Nur 31 Prozent der Deutschen verfolgen einen konkreten Plan für ihre Altersvorsorge und sparen gezielt dafür. Ein weiteres Drittel hat sich zumindest schon einmal mit dem Thema beschäftigt. „Auch wenn die Zuversicht hoch ist, hapert es doch deutlich an der Umsetzung“, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. Entscheidend sei, die eigene Rentenlücke zu ermitteln und daraus den tatsächlichen Sparbedarf abzuleiten.


Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung sind offenbar fehlende Kenntnisse und die Angst vor Verlusten. Von den Deutschen, die nicht in Aktien investieren, nennen 36 Prozent die Sorge vor Verlusten als Grund. Weitere 23 Prozent wissen nach eigenen Angaben nicht, wie sie investieren sollen. Mehr als jeder Fünfte hat eine Aktienanlage bislang überhaupt nicht in Betracht gezogen. Gleichzeitig überschätzen viele Anleger offenbar die langfristige Sicherheit von Sparanlagen. 15 Prozent der Deutschen halten Tages- und Festgeld für die Anlageform, mit der sich langfristig die besten Erträge für den Ruhestand erzielen lassen. Für Galler liegt hier ein grundlegendes Missverständnis: Anleger konzentrierten sich häufig auf kurzfristige Kursschwankungen und unterschätzten das Risiko, über Jahrzehnte nicht ausreichend investiert zu sein. Gerade bei langen Anlagehorizonten seien Zeit, Diversifikation und der Zinseszinseffekt wichtige Faktoren für den Vermögensaufbau.
J.P. Morgan Asset Management sieht deshalb nicht nur bei den Sparern, sondern auch bei Finanzbildung und politischen Rahmenbedingungen Handlungsbedarf. 41 Prozent der Deutschen nennen ihre Bank als wichtigste Informationsquelle bei Finanzentscheidungen. Rund ein Viertel setzt auf freie Finanzberatung. Persönliche Beratung ist damit für viele wichtiger als technologische Angebote. Einen weiteren Hebel sieht J.P. Morgan im geplanten Altersvorsorgedepot. Mit dessen Einführung zum 1. Januar 2027 soll langfristiges Sparen am Kapitalmarkt stärker mit der staatlich geförderten Altersvorsorge verbunden werden. „Dies ist eine großartige Chance, die Rentenlücke mit staatlicher Unterstützung zu schließen“, sagt Bergweiler.
Entscheidend wird allerdings sein, ob das neue Angebot tatsächlich dazu beiträgt, Geld von niedrig verzinsten Sparanlagen in langfristige Kapitalmarktanlagen umzuschichten. Die Modellrechnung von J.P. Morgan macht zumindest deutlich, wie groß die Unterschiede über einen längeren Zeitraum ausfallen können. Wer sein Geld langfristig ausschließlich auf dem Konto parkt, trägt nicht nur das Risiko von Inflation – sondern möglicherweise auch hohe Opportunitätskosten. (jk)


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