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Brief an Olaf Scholz zur Steuerbelastung bei Aktienverkauf

Birte S. wollte privat mit Aktien fürs Alter vorsorgen. Als sie ihre Gewinne realisieren wollte, musste sie feststellen, dass die Abgeltungsteuer einen erheblichen Anteil der Rendite aufzehrt. Sie schrieb deshalb einen Brief an Bundesfinanzminister Olaf Scholz.

04.05.2021 | 12:05 Uhr

Sehr geehrter Herr Scholz,

ich bin 50 Jahre alt, habe studiert, sehr viel gearbeitet und familienbedingt eine Auszeit zur Pflege meiner Angehörigen genommen - mit den entsprechenden Nachteilen, überhaupt wieder in das Berufsleben einsteigen zu können. Dies hat zwar funktioniert, bringt aber finanzielle Einbußen mit sich.

Wenn alles gut geht und ich gesund bleibe, werde ich vermutlich um die 1000 Euro Rente bekommen. Ein Betrag, der mir Angst macht. Aus diesem Grund versuche ich, privat vorzusorgen. Dies wird ja auch überall vorgeschlagen.

Ich bin kein Mensch, der aus Gewinnsucht große Risiken eingeht. Einer Altersvorsorge durch Aktien stand ich zuerst sehr skeptisch gegenüber. Ich habe mich gründlich informiert und mich überzeugen lassen, dass es Anlagestrategien gibt, die für die Rente (und nur dafür mache ich es) sinnvoll sein können.

Jetzt habe ich Geld angelegt und über einige Jahre tatsächlich etwas Gewinn gemacht. Diese Gewinne wollte ich sichern, aber was habe ich mit Entsetzen festgestellt? Meine "Altersvorsorge" wird mit fast 30 Prozent Abzügen belegt! Wie soll ich so sinnvoll für die Rente vorsorgen? Wenn ich schon keine ausreichende gesetzliche Rente bekomme, muss der Staat mir doch meine private Vorsorge nicht so zerstören. Das macht mir richtig Angst.

Ich gehöre zu der Schicht, die, alleinstehend und ohne Kinder, immer zu viel verdient, um Unterstützungen zu bekommen, immer genug verdient, um ständig neue Abgaben zu zahlen, aber immer zu wenig verdient, um im Alter sicher zu sein. Ich bin sehr dafür, dass man schwächere Menschen in der Gesellschaft auffangen und mittragen muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass "jeder arbeiten kann, wenn er nur will". Solche Sätze halte ich für Schwachsinn. Es gibt Menschen, denen man einfach helfen muss.

Ich verstehe aber nicht, warum ich mir nicht selber (für meine Rente) helfen darf. Gerne soll der Staat von Spekulation und Gewinnstreben profitieren und diese besteuern. Aber wenn ich langfristig über die Aktivität an der Börse versuche, dem Staat im Rentenalter nicht "auf der Tasche zu liegen", verstehe ich nicht, wie diese Anlagen im Übermaß besteuert werden können. Es gibt so doch überhaupt keinen Anreiz, auf diesem Weg oder überhaupt vorzusorgen.

Ich werde doppelt und dreifach bestraft: Zum einen spare ich mir das Geld heute vom Munde ab, während andere regelmäßig in den Urlaub fahren (ich war 2009 das letzte Mal im Urlaub). Zum anderen gehe ich Risiken mit dieser Aktienvorsorge ein. Und schließlich wird mir die Mühe, die ich mir mit dieser Vorsorge mache, auch noch "vergolten", indem mir 30 Prozent des Wertzuwachses abgezogen werden.

Wie gesagt: Man muss schwächeren Menschen helfen. Keine Frage - aber ich muss doch auch für mich vorsorgen dürfen. Eine Senkung der Steuern für diese Vorsorgefälle oder ein Hochsetzen des Sparerfreibetrags wäre mehr als wünschenswert - insbesondere auch für Alleinstehende, die niemanden haben, der sie später auffängt.

Mit freundlichem Gruß
Birte S.

Dieser Artikel erschien zuerst am 04.05.2021 auf boerse-online.de

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