Die Welt der Investoren ist aktuell turbulent. Die Disruptionen reichen von den Rohstoffpreis wegen des Konfliktes im Nahen Osten bis zu den nicht kalkulierbaren Kosten und damit künftige Lasten auf Grund des Krieges in der Ukraine.
30.06.2026 | 12:15 Uhr von «Edmund Pelikan»
Weiter stellt sich die Frage, wie es in den USA weitergeht. Einer scheint die Frage auf seine Weise zu beantworten: Peter Thiel, undurchsichtiger Silikon-Valey-Milliardär will nicht mehr unter den Geistern – namentlich wohl Trump und Vance – die er selbst rief, weilen. Er scheint nach Argentinien weiterzuziehen. Warum diese eher überraschende Entscheidung?
Es sind selten Steuersätze allein, die Vermögende dazu bewegen, einen Staat zu verlassen. Viel häufiger sind es Signale. Signale politischer Unsicherheit. Signale regulatorischer Willkür. Und vor allem Signale, dass Eigentum künftig weniger geschützt sein könnte als bisher.
Der Henley Private Wealth Migration Report 2026 dokumentiert eine Entwicklung, die inzwischen globale Dimensionen erreicht hat. Weltweit werden in diesem Jahr voraussichtlich rund 165.000 vermögende Privatpersonen ihren steuerlichen und wirtschaftlichen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land verlagern – mehr als jemals zuvor und Peter Thiel ist voraussichtlich einer davon. Bereits 2025 lag die Zahl bei 142.000 vermögenden Migranten. Henley spricht von der größten freiwilligen Kapitalverlagerung der modernen Wirtschaftsgeschichte. Die Gewinner dieser Entwicklung sind Länder mit hoher Rechtssicherheit, stabilen Institutionen und berechenbarer Eigentumsordnung. Zu den Spitzenreitern zählen Singapur, die Schweiz, die Vereinigten Arabischen Emirate, Australien und die USA. Die Verlierer sind Staaten, deren politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zunehmend als unberechenbar wahrgenommen werden.
Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um die Höhe der Steuerlast. Andrew Amoils, Head of Research bei New World Wealth, dem Forschungspartner von Henley & Partners, formuliert es deutlich: „Millionaires are voting with their feet“ oder „Vermögende Menschen stimmen mit ihren Füßen ab“. Sie verlassen nicht zwangsläufig die Staaten mit den höchsten Steuern, sondern jene Länder, in denen sie eine schleichende Erosion von Eigentumsschutz, Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Freiheit erkennen. Wenn Thiel die USA verlässt, ist das ein eindeutiges Signal. Spannend wird die Frage sein, ob Peter Thiel bei Javier Milei in Argentinien sein Investoren Glück findet. Nach einem Gespräch zwischen den beiden muss Milei gesagt haben: „Es war ein Treffen zweier Anarchokapitalisten!“
Gerade aus deutscher Perspektive gewinnt diese Entwicklung eine bemerkenswerte Aktualität. Denn während internationale Vermögensmigration häufig unter dem Gesichtspunkt steuerlicher Attraktivität diskutiert wird, rückt zunehmend ein anderer Faktor in den Mittelpunkt: das Vertrauen in die Unverletzlichkeit privaten Eigentums.
Ein besonders sensibles Beispiel liefert die aktuelle Berliner Debatte um die Enteignung großer Wohnungsunternehmen. Bereits der geplante Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ hatte international Aufmerksamkeit erzeugt. Im Juni 2026 griff das Handelsblatt das Thema unter der Überschrift „Risiko Enteignung“ erneut auf und beleuchtete die anhaltende politische Diskussion über eine mögliche Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände. Auch wenn die juristische Umsetzung einer solchen Maßnahme weiterhin umstritten ist und hohe verfassungsrechtliche Hürden bestehen, entfaltet bereits die politische Debatte selbst eine erhebliche Wirkung.
Für institutionelle Investoren, Family Offices und vermögende Privatanleger ist dabei weniger entscheidend, ob eine Enteignung tatsächlich erfolgt. Entscheidend ist die Frage, warum ein solcher Eingriff überhaupt öffentlich diskutiert wird. Denn Kapital reagiert nicht erst auf politische Entscheidungen. Kapital reagiert auf Erwartungen.
Wer Aktien, Anleihen oder liquide Beteiligungen hält, kann Vermögen vergleichsweise unkompliziert über Landesgrenzen hinweg verlagern. Immobilien, Infrastrukturprojekte, Waldflächen, Landwirtschaftsbetriebe oder Unternehmensbeteiligungen mit regionalem Bezug sind dagegen standortgebunden. Sie können nicht einfach „auswandern“.
Gerade deshalb ist das Vertrauen in die politische und rechtliche Stabilität eines Landes für Sachwertinvestoren von herausragender Bedeutung. Wer einen Wohnungsbestand in Berlin, ein Logistikzentrum in Nordrhein-Westfalen oder eine Beteiligung an einem mittelständischen Unternehmen erwirbt, bindet Kapital oftmals für Jahrzehnte an einen konkreten Rechtsraum. Der Investor wird damit unweigerlich zum Partner des Staates.
Wird dieses Partnerschaftsverhältnis belastet, verändert sich das Investitionsverhalten. Nicht zwingend durch einen sofortigen Kapitalabzug, sondern häufig bereits durch eine veränderte Vermögensallokation.
Für wanderungswillige Vermögende ergibt sich daraus ein bemerkenswertes Dilemma. Wer seinen Wohnsitz in einen anderen Rechtsraum verlagert, möchte sein Vermögen häufig möglichst flexibel und international strukturieren. Sachwerte stehen diesem Wunsch teilweise entgegen. Sie sind immobil, regulatorisch gebunden und oftmals politisch exponiert.
Die Konsequenz könnte eine Entwicklung sein, die bislang kaum untersucht wird: Vermögende Privatpersonen reduzieren möglicherweise künftig ihre Sachwertquote in politisch unsicher wahrgenommenen Staaten und erhöhen stattdessen den Anteil liquider, international transferierbarer Vermögenswerte. Nicht weil Sachwerte ihre ökonomischen Vorteile verlieren würden, sondern weil ihre mangelnde Mobilität zum Risikofaktor wird. Dieser Zusammenhang verdient besondere Aufmerksamkeit, da die Attraktivität von Sachwertinvestments immer auf einer Voraussetzung: dem Vertrauen in stabile Eigentumsrechte beruht.
Wo dieses Vertrauen schwindet, beginnt Kapital nicht zwangsläufig zu fliehen. Aber es beginnt, vorsichtiger zu werden. Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft des Henley Global Private Wealth Migration Report 2026 für Deutschland und Berlin: Vermögensmigration ist ein Frühindikator. Im globalen Wettbewerb um Vermögen entscheidet nicht allein die Rendite. Entscheidend ist die Frage, welchem Staat Investoren zutrauen, Eigentum auch morgen noch genauso konsequent zu schützen wie heute.
Edmund Pelikan ist Gastautor TiAM mit dem Schwerpunktthema Sachwerte, daneben leitet er die Stiftung Finanzbildung und ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Landshut
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