• DAX----
  • ES50----
  • US30----
  • EUR/USD----
  • BRENT----
  • GOLD----

Starinvestorin Cathie Wood erwartet neuen Wirtschaftsboom

Cathie Wood
Märkte

Sieben Prozent Wirtschaftswachstum, sinkende Inflation und langfristig höhere Zinsen: ARK-Invest-Chefin Cathie Wood erwartet eine technologische Revolution, die bisherige ökonomische Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf stellen könnte. Für Anleger hat sie eine klare Botschaft: Das klassische 60/40-Portfolio könnte ausgedient haben.

25.09.2026 | 08:00 Uhr

Cathie Wood: Die nächste industrielle Revolution steht bevor

Steigende Zinsen gelten gewöhnlich als Gift für die Aktienmärkte. Doch nach Ansicht von Cathie Wood könnte sich diese vermeintliche Gewissheit in den kommenden Jahren als falsch erweisen. Die Gründerin und Chefin von ARK Invest erwartet einen Technologieschub, der das weltweite Wirtschaftswachstum kräftig beschleunigt, die Inflation drückt und gleichzeitig die Zinsen steigen lässt. In ihrem Investorenbrief zieht sie Parallelen zur industriellen Revolution und zum Aktienboom der 1980er- und 1990er-Jahre. Wood geht dabei weit über die üblichen Wachstumsprognosen hinaus. 

Nach ihren Berechnungen könnte das reale Wirtschaftswachstum in den kommenden fünf Jahren auf sieben Prozent oder mehr steigen. Gleichzeitig hält sie einen Rückgang der Inflation auf deutlich unter zwei Prozent für möglich. Treiber dieser Entwicklung seien vor allem künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Energiespeicherung, Blockchain-Technologie und moderne Genomforschung. Die Fondsmanagerin spricht von einem Innovationszyklus, dessen wirtschaftliche Auswirkungen sogar jene der industriellen Revolution übertreffen könnten. Für Anleger hätte ein solches Szenario weitreichende Konsequenzen: Aktien könnten gegenüber Anleihen deutlich an Attraktivität gewinnen. 

KI könnte die Produktivität auf ein neues Niveau heben 

Im Mittelpunkt von Woods Prognose steht die Erwartung, dass technologische Innovationen die Produktivität der Unternehmen erheblich steigern. Besonders große Hoffnungen setzt sie auf künstliche Intelligenz. Nach Berechnungen von ARK Invest sinken die Kosten für die Nutzung leistungsfähiger KI-Modelle derzeit um mehr als 99 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig wächst die Nachfrage rasant. Als Beispiel führt Wood den KI-Entwickler Anthropic an. Dessen annualisierter Umsatz sei innerhalb von sieben Monaten von neun auf 65 Milliarden Dollar gestiegen. Bis zum Jahresende könnte er nach Schätzungen von ARK Invest sogar die Marke von 100 Milliarden Dollar überschreiten. Ähnliche Entwicklungen beobachtet Wood in anderen Technologiebereichen. Die Kosten für die Sequenzierung eines menschlichen Genoms sind massiv gefallen. Fortschritte bei Robotik, autonomem Fahren und Energiespeichern könnten weitere Produktivitätsschübe auslösen. 

Wood erwartet deshalb, dass das jährliche Produktivitätswachstum in den kommenden Jahren nachhaltig fünf bis sechs Prozent erreichen könnte. Zum Vergleich: Während des Technologiebooms der 1980er- und 1990er-Jahre beschleunigte sich das Produktivitätswachstum in den USA auf rund 3,5 Prozent. Unternehmen könnten die daraus resultierenden Kosteneinsparungen nutzen, um ihre Gewinnmargen zu steigern, stärker in Forschung und Entwicklung zu investieren, höhere Löhne zu zahlen oder ihre Preise zu senken. Insbesondere die Kombination aus steigender Produktivität und fallenden Preisen könnte nach Woods Einschätzung einen außergewöhnlichen Wirtschaftsboom auslösen. 

Inflation: Warum Wood mit deutlich sinkenden Preisen rechnet

Während viele Marktteilnehmer weiterhin über Inflationsrisiken diskutieren, erwartet Wood eine ganz andere Entwicklung. Ihrer Ansicht nach könnten technologische Fortschritte und sinkende Energiepreise die Teuerung erheblich stärker drücken, als es die meisten Ökonomen derzeit prognostizieren. Dabei verweist sie auf erhebliche Unterschiede zwischen den offiziellen Inflationsdaten und alternativen Messverfahren. Während die offiziellen amerikanischen PCE-Inflationsraten im Juli 2026 bei 3,7 Prozent beziehungsweise 3,3 Prozent ohne Energie und Lebensmittel lagen, meldete der private Datenanbieter Truflation Mitte September lediglich 2,5 beziehungsweise 2,1 Prozent. Nach Woods Interpretation könnte die US-Notenbank ihrem Inflationsziel von zwei Prozent damit bereits wesentlich näher sein, als es die amtlichen Statistiken vermuten lassen. Allerdings handelt es sich bei Truflation um eine alternative Berechnungsmethode, deren Ergebnisse nicht unmittelbar mit den offiziellen Daten gleichgesetzt werden können. 

Zusätzlichen Rückenwind für eine sinkende Inflation erwartet Wood vom Ölmarkt. Sobald die kriegsbedingten Angebotsengpässe nachlassen, könnte der Ölpreis ihrer Einschätzung nach erheblich fallen. Mittelfristig hält sie sogar Preise zwischen 30 und 35 Dollar je Barrel für möglich. Neben einem steigenden Angebot könnte insbesondere die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrs die Nachfrage nach Öl strukturell schwächen. Ein deutlicher Rückgang der Energiepreise würde Verbraucher und Unternehmen finanziell entlasten und könnte den disinflationären Effekt neuer Technologien verstärken. 

Sieben Prozent Wachstum und trotzdem höhere Zinsen?

Besonders bemerkenswert ist Woods Einschätzung zur weiteren Zinsentwicklung. Obwohl sie mit einer deutlich niedrigeren Inflation rechnet, erwartet sie langfristig steigende Zinsen. Der Grund: Ein außergewöhnlich starkes Wirtschaftswachstum dürfte die Nachfrage nach Kapital erheblich erhöhen. Unternehmen müssten gewaltige Summen in neue Technologien, Rechenzentren, autonome Transportsysteme und die dafür notwendige Infrastruktur investieren. In Woods Szenario könnte das reale Wirtschaftswachstum auf sieben Prozent oder mehr steigen, während sich die Inflation in einer Bandbreite von minus zwei bis plus zwei Prozent bewegt. Kurzfristige Zinsen könnten dann sechs bis acht Prozent erreichen, während langfristige Anleiherenditen auf fünf bis sechs Prozent steigen. Damit wäre sogar eine dauerhaft inverse Zinsstrukturkurve denkbar. Normalerweise gelten höhere kurzfristige als langfristige Zinsen als Warnsignal für eine bevorstehende Rezession. Wood hält es jedoch für möglich, dass sich dieses Verhältnis künftig umkehrt, ohne dass eine wirtschaftliche Krise folgt. Als historisches Vorbild nennt sie die industrielle Revolution. In den fünf Jahrzehnten bis 1929 sei die amerikanische Zinsstrukturkurve mehr als 60 Prozent der Zeit invers gewesen. Dennoch habe die Wirtschaft über längere Zeiträume kräftig expandiert. Eine solche Entwicklung würde nach ihrer Einschätzung die traditionellen Bewertungsmodelle und Anlageentscheidungen erheblich verändern. 

Gold und Dollar: Wood erwartet eine Trendwende 

Auch für den Goldmarkt hat die ARK-Chefin eine ungewöhnliche Prognose. Nachdem der Goldpreis Ende Januar 2026 zwischenzeitlich ein Rekordhoch von 5.595 Dollar je Feinunze erreicht hatte, hält Wood in den kommenden beiden Jahren einen deutlichen Rückgang für möglich. Ihre Argumentation: Steigende Produktivität, eine wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik und eine disziplinierte Geldpolitik könnten die Attraktivität des US-Dollars erhöhen und gleichzeitig den Inflationsdruck reduzieren. Wood verweist auf die Entwicklung während der Amtszeit des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker. Anfang der 1980er-Jahre fiel der Goldpreis innerhalb von rund zweieinhalb Jahren um mehr als 50 Prozent. Auch diesmal könnte der Dollar nach ihrer Einschätzung deutlich aufwerten. Dabei widerspricht sie der verbreiteten Darstellung eines strukturell schwachen Greenbacks. Gemessen am breiten handelsgewichteten Dollarindex der US-Notenbank habe die amerikanische Währung seit der globalen Finanzkrise rund 36 Prozent zugelegt. Woods Prognose eines fallenden Goldpreises ist allerdings kein grundsätzlich negatives Urteil über das Edelmetall. Angesichts möglicher Verwerfungen an den Kreditmärkten betrachtet sie Gold ebenso wie Bitcoin weiterhin als potenzielle Absicherung gegen systemische Risiken. 

Die große Gefahr: Hoch verschuldete Unternehmen 

Denn Woods optimistisches Wachstumsszenario hat auch eine Schattenseite. Nicht jedes Unternehmen dürfte von der technologischen Revolution profitieren. Im Gegenteil: Firmen, deren Geschäftsmodelle durch künstliche Intelligenz und Automatisierung unter Druck geraten, könnten gleichzeitig mit deutlich höheren Finanzierungskosten konfrontiert werden. Besonders gefährdet sieht Wood hoch verschuldete Unternehmen mit variabel verzinsten Krediten. Ein erhebliches Risiko verortet sie deshalb in den Märkten für Private Equity und Private Credit. Nach ihren Angaben könnten dort Vermögenswerte im Umfang von rund 16 Billionen Dollar von technologischen Umbrüchen betroffen sein. Ein Zinsanstieg um zwei Prozentpunkte würde bei vollständiger Übertragung auf diesen Betrag rechnerisch zusätzliche jährliche Finanzierungskosten von rund 320 Milliarden Dollar verursachen. Hinzu kommt die hohe Verschuldung des amerikanischen Staates. Bei einer Staatsverschuldung von rund 40 Billionen Dollar würde ein entsprechender Zinsanstieg langfristig erhebliche zusätzliche Haushaltsbelastungen verursachen. Wie schnell diese tatsächlich entstehen, hängt allerdings von der Laufzeitstruktur und der Refinanzierung der Schulden ab. Wood sieht darin die Gefahr einer Welle von Unternehmensinsolvenzen und daraus resultierender Ansteckungseffekte im Finanzsystem. Gleichzeitig argumentiert sie, dass ein außergewöhnlich hohes Wirtschaftswachstum die Tragfähigkeit der amerikanischen Staatsverschuldung verbessern könnte. Sie hält es sogar für möglich, dass die USA innerhalb der kommenden fünf bis zehn Jahre wieder einen Haushaltsüberschuss erzielen. 

Wood stellt das klassische 60/40-Portfolio infrage 

Für die Kapitalmärkte leitet Wood aus ihrem Szenario eine weitreichende Konsequenz ab. Die traditionelle Aufteilung eines ausgewogenen Portfolios auf 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen könnte in den kommenden Jahren an Attraktivität verlieren. Zwischen 1981 und 2021 profitierten Anleger von einem jahrzehntelangen Rückgang der Zinsen. Dadurch erzielten sowohl Aktien als auch Anleihen über längere Zeiträume attraktive Renditen. Sollten die Zinsen künftig jedoch strukturell steigen, könnte sich dieses Verhältnis verändern. Insbesondere langfristige Anleihen wären dann einem erhöhten Kursrisiko ausgesetzt. Gleichzeitig könnten innovative Unternehmen von steigender Produktivität, höheren Umsätzen und wachsenden Gewinnen profitieren. Wood regt deshalb an, den Aktienanteil in ausgewogenen Portfolios zulasten von Anleihen zu erhöhen. Auch Bitcoin könnte ihrer Einschätzung nach eine größere Rolle spielen. Entscheidend sei allerdings, auf Unternehmen zu setzen, die von den technologischen Veränderungen profitieren, statt durch sie verdrängt zu werden. 

Außergewöhnlich optimistische Prognose

Cathie Woods Szenario zentrale These lautet, dass die technologische Revolution gleichzeitig deutlich höheres Wirtschaftswachstum, sinkende Inflation und steigende Zinsen ermöglichen könnte. Ob sich diese Kombination tatsächlich einstellt, ist offen. Die erwarteten Produktivitätsgewinne müssten zunächst in der Breite der Wirtschaft ankommen. Zudem könnten geopolitische Konflikte, hohe Finanzierungskosten und mögliche Kreditausfälle den prognostizierten Aufschwung gefährden. Für Anleger liegt die entscheidende Aussage ihres Investorenbriefs deshalb nicht allein in der optimistischen Wachstumsprognose. Wood erwartet vielmehr eine grundlegende Verschiebung zwischen den Gewinnern und Verlierern des technologischen Wandels – mit weitreichenden Folgen für die Bewertung von Aktien, Anleihen und alternativen Anlagen. (jk)

Diesen Beitrag teilen: