Die Märkte stimmen bereits über Frankreich ab

Enguerrand Artaz, Stratege bei LFDE
Märkte

Die heiße Phase der politischen Auseinandersetzung steht noch bevor, das endgültige Kandidatenfeld für die Präsidentschaftswahl ist längst nicht absehbar – und doch hat der Wahlkampf in Frankreich bereits begonnen.

01.09.2026 | 08:32 Uhr

Im TV und in den sozialen Medien, aber auch an den Finanzmärkten. Die Unsicherheit über die Abstimmung zum nächsten Haushalt wirkt wie eine Generalprobe für die große Entscheidung im Mai 2027 und führt bereits zu einer klaren Positionierung der Anleger.

Steigende Risikoprämie für Frankreich

An den Anleihemärkten nehmen die Spannungen zu. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen hat die Marke von 4 Prozent überschritten und damit ein Niveau erreicht, das zuletzt 2008 verzeichnet wurde. Zwar geschieht dies vor dem Hintergrund eines weltweiten Zinsanstiegs, doch eine spezifisch französische Risikoprämie ist unverkennbar. Der Renditeabstand zu zehnjährigen deutschen Bundesanleihen – ein traditionelles Risikomaß an den Anleihemärkten – ist wieder auf die Höchststände von 2024 gestiegen, die nach der Auflösung der Nationalversammlung erreicht worden waren. Zudem muss sich derzeit kein anderes der 21 Länder des Euroraums so teuer finanzieren wie Frankreich. Nicht einmal Griechenland oder Bulgarien.

Aktienmärkte spiegeln das Misstrauen wider

Das Misstrauen an den Anleihemärkten spiegelt sich auch an den Aktienmärkten wider. Seit Jahresbeginn hat der CAC 40 schlechter abgeschnitten als alle anderen europäischen Aktienindizes. Er legte lediglich um 4,8 Prozent zu, während der Euro Stoxx 13,3 Prozent gewann[1]. Es wäre naheliegend, diese schwache Entwicklung allein auf die Zusammensetzung des Index zurückzuführen. Schließlich leidet der französische Leitindex unter seinem hohen Gewicht von Luxusgüter- und Automobilwerten, die in diesem Jahr erneut unter Druck geraten sind. Ein Blick auf andere französische Aktienindizes widerlegt diese These jedoch. So bleibt auch der CAC Small, der französische Index für kleinere Unternehmen, deutlich hinter seinem europäischen Pendant zurück.

Diese schwache Entwicklung ist kein Zufall. Zahlreiche Marktteilnehmer berichten inzwischen von einem wachsenden Interesse internationaler Investoren an Produkten, mit denen sich auf fallende Kurse französischer Aktien setzen lässt. Hedgefonds räumen sogar ein, bestimmte Titel zu meiden, obwohl sie diese fundamental für sehr hochwertig halten – allein deshalb, weil es sich um französische Unternehmen handelt.

Mehr als nur politische Unsicherheit

Die Skepsis der Anleger gegenüber französischen Vermögenswerten spiegelt deutlich die Unsicherheit über die anstehenden politischen Entscheidungen wider – zunächst die Haushaltsabstimmung und anschließend die Präsidentschaftswahl. Sie zeugt aber auch von berechtigten Sorgen um die wirtschaftliche Lage des Landes.

Frankreich dürfte 2026 erneut das höchste Haushaltsdefizit im Euroraum aufweisen. Auch die Schuldenquote zählt zu den höchsten und wird nur von Italien und Griechenland übertroffen. Die Arbeitslosenquote ist auf 8,2 Prozent und damit wieder auf das Niveau von 2020 gestiegen. Sie gehört ebenfalls zu den höchsten im Euroraum, obwohl die Quote in der Währungsunion insgesamt weiterhin auf historischen Tiefständen liegt. Die jüngsten Konjunkturindikatoren haben sich zwar leicht erholt, signalisieren aber nach wie vor eine schrumpfende Wirtschaftsleistung, während der übrige Euroraum einschließlich Deutschland wächst. Nach einem Rückgang um 0,2 Prozent im ersten Quartal wurde das BIP-Wachstum für das zweite Quartal auf 0 Prozent revidiert. Damit steht Frankreich am Rande einer technischen Rezession.

Sowohl an den Aktien- als auch an den Anleihemärkten sichern sich die Anleger daher nicht mehr nur gegen eine Phase politischer Unsicherheit ab. Sie beginnen vielmehr, sich gegen eine besorgniserregende wirtschaftliche und finanzielle Lage zu positionieren. Vor diesem Hintergrund erhält die bevorstehende Präsidentschaftswahl den Charakter einer letzten Chance.

[1]Performance mit Reinvestition der Dividenden, Stand: 27.08.2026.

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