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Hendrik Leber: „Der KI-Hype ist ungesund"

Hendrik Leber
Künstliche Intelligenz

Hendrik Leber glaubt an künstliche Intelligenz – nur nicht an jeden, der gerade damit Geld verdient. Der Acatis-Gründer hält KI für eine der größten technologischen Umwälzungen unserer Zeit. Doch je lauter der Hype, desto skeptischer wird er. Sein Rat an Anleger: genau hinschauen, wer wirklich profitiert – und wer nur mitschwimmt.

01.10.2026 | 10:30 Uhr von «Jörn Kränicke»

Dass Leber der KI grundsätzlich positiv gegenübersteht, daran lässt er keinen Zweifel. Die technologische Beschleunigung sei enorm, sagt er, und werde ganze Branchen umkrempeln. Nur: Die Firmen, die aktuell im Rampenlicht stehen, sind für ihn nicht zwangsläufig die interessantesten. Spannender findet er jene, die von den langfristigen Folgen der Technologie profitieren – die „Gewinner von morgen", wie er sie nennt. 

Warnung vor der Konzentration auf wenige Werte 

Schon vor über einem Jahr hat Leber den KI-Hype öffentlich als ungesund bezeichnet. Seine Sorge: Der Markt konzentriert sich auf viel zu wenige Technologiewerte. Die Konsequenz hat Acatis längst gezogen – die Positionen in Microsoft und Palantir wurden deutlich zurückgefahren. Leber geht schlicht nicht davon aus, dass der aktuelle Boom ewig anhält. Besonders kritisch sieht er die gigantischen Summen, die derzeit in KI-Infrastruktur fließen. Seine Rechnung ist einfach: Rund 800 Milliarden Dollar werden aktuell in Rechenzentren gesteckt – dem stehen gerade einmal 80 Milliarden Dollar Umsatz gegenüber. Zieht man Abschreibungen und Finanzierungskosten ab, wird schnell klar, wie schwer es für viele Unternehmen werden dürfte, diese Investitionen jemals zu rechtfertigen. Leber sieht deshalb bei einem Teil der Branche eine handfeste Überkapazitäten in der nächsten Zeit. „Die KI wird nicht verschwinden, sie wird immer wichtiger werden", sagt er. Aber: Manche Unternehmen hätten schlicht zu viel Kapital verbrannt, um ihre selbst gesteckten Ziele noch zu erreichen. 

Technologie ja, Bewertung nein 

Genau hier liegt für Leber der entscheidende Unterschied. Die Technologie selbst zweifelt er nicht an – wohl aber die Bewertungen einzelner Unternehmen und die wirtschaftliche Logik so mancher Projekte. Hinzu kommt aus seiner Sicht ein Verhaltensproblem der Anleger: Viele denken in Zwei-Wochen-Zyklen statt auf die kommenden fünf Jahre zu blicken. Gerade bei Technologiewerten hält er dieses Kurzfristdenken für brandgefährlich. Interessanter sind für ihn deshalb Unternehmen, bei denen KI auf andere technologische Trends trifft. 

Ein Beispiel: Schrödinger. Das Unternehmen beschleunigt die Medikamentenentwicklung mit computergestützten Modellen – Millionen möglicher Moleküle werden simuliert, KI grenzt daraus die vielversprechendsten Kandidaten ein. Das Ergebnis, so Leber, sei spürbar kürzere Entwicklungszeiten in der Pharmaforschung. 

Ein weiteres Beispiel liefert Bentley Systems. Das Unternehmen baut Software für digitale Zwillinge – digitale Abbilder von Gebäuden und Infrastruktur, die sich simulieren lassen. Für Leber eine kluge Kombination aus Digitalisierung, Simulation und Robotik, die über Jahre hinweg neue Anwendungen hervorbringen dürfte. 

Kein Untergang der Softwarebranche 

Leber glaubt nicht, dass klassische Softwarekonzerne, wie derzeit oft kolportiert, durch KI verdrängt werden. Bei Unternehmen wie SAP, Salesforce, ServiceNow oder Booking.com sieht er die KI eher als Chance denn als Bedrohung. Ihr Kapital – riesige Kundendatenbestände und etablierte Systeme – behält seinen Wert, meint er. Die Fantasie, jedes Unternehmen könne seine gewachsenen Systeme einfach durch selbst gebaute KI-Lösungen ersetzen, hält er für naiv. Vor allem, weil bei geschäftskritischen Daten Sicherheit eine zentrale Rolle spiele. 

Ein zweigeteiltes Bild 

Am Ende bleibt bei Leber ein gespaltenes Fazit. Auf der einen Seite eine Technologie, die langfristig immer bedeutender wird – vor allem in Medizin, Biotechnologie und digitalen Anwendungen. Auf der anderen Seite erhebliche Risiken dort, wo Investitionen und Erwartungen den tatsächlich erzielbaren Erträgen längst davongelaufen sind. Für Anleger heißt das aus seiner Sicht vor allem eines: nicht jedem Trend hinterherrennen, sondern gezielt nach Unternehmen suchen, die langfristig von der Entwicklung profitieren. 

Acatis setzt dabei bewusst abseits des Mainstreams an – und versucht, solche Werte über viele Jahre zu halten. Vom Ende des KI-Booms will Leber trotzdem nicht sprechen. Wahrscheinlicher ist aus seiner Sicht eine Verschiebung: weg von den bekanntesten KI-Namen, hin zu Unternehmen, bei denen künstliche Intelligenz mit anderen Technologien zusammenarneitet und echten wirtschaftlichen Nutzen stiftet. Seine Botschaft bleibt dabei unmissverständlich: Die Technologie wird bleiben – wer heute gewinnt, muss es morgen nicht mehr unbedingt zu den Gewinnern gehören.

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