Der KI-Wettlauf zwischen den USA und China ist noch lange nicht entschieden

Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE
Künstliche Intelligenz

Das US-Unternehmen Anthropic, Entwickler des Modells Claude, bereitet sich auf seinen Börsengang vor. Die geschätzte Marktkapitalisierung liegt je nach Quelle zwischen 1,5 und 2 Billionen US-Dollar, auch wenn die endgültige Spanne noch nicht festgelegt wurde.

03.11.2026 | 08:34 Uhr

Gleichzeitig bereitet sich das chinesische KI-Unternehmen Moonshot AI, das mit Kimi eines der leistungsfähigsten Modelle des Landes entwickelt hat, laut dem Wall Street Journal ebenfalls auf einen möglichen Börsengang vor. Die letzte bekannte Bewertung auf dem Privatmarkt lag hier laut Bloomberg bei etwa 50 Milliarden US-Dollar. Damit wird Anthropic rund 30- bis 40-mal so hoch bewertet wie Moonshot AI.

Enorme Bewertungsunterschiede werfen Fragen auf

Dieser Bewertungsunterschied ist schwindelerregend. Er ist umso überraschender, als noch im Januar 2025 die Leistungsfähigkeit des chinesischen Modells DeepSeek die Anleger zittern ließ. Sie befürchteten, dass die USA ihre Vorherrschaft in diesem Bereich einbüßen könnten. Knapp zwei Jahre später scheinen die Märkte sich nicht mehr vor einem bevorstehenden Ende der amerikanischen Dominanz in diesem Bereich zu fürchten. Hat China also das KI-Wettrennen verloren?

In mancher Hinsicht ist der Vorsprung der USA tatsächlich sehr deutlich. Die chinesischen Modelle können heute nur bei ganz bestimmten Aufgaben mit den US-Modellen mithalten. Bei der Programmierung hingegen ist der Abstand zwischen den USA und China minimal. Im Test „LiveBench 2.0“ vom 25. Oktober 2026 erhielt „DeepSeek V4.1 Flash“ 96 Punkte und lag damit fast gleichauf mit „Claude Fable 5.1“ von Anthropic, das 97,7 Punkte erzielte. Bei längeren agentischen Aufgaben liegen die besten amerikanischen Systeme jedoch bei fast 78 Punkten, während es beim besten chinesischen Modell – in diesem Fall DeepSeek – nur 41 Punkte sind. Das ist ein erheblicher Abstand.

Die US-Akteure haben außerdem einen weiteren bedeutenden Vorteil: Ihre Modelle sind bereits in umfangreiche Ökosysteme professioneller Software integriert. Ein mit Microsoft 365, Salesforce oder Amazon Web Services vernetzter Agent kann bei seiner Tätigkeit beispielsweise mit den internen Daten des Unternehmens arbeiten, sofern er hierzu berechtigt ist. Chinesische Anbieter profitieren nicht im selben Maß von einer Integration in die Systeme westlicher Unternehmen, die sich häufig scheuen, ihnen sensible Daten anzuvertrauen.

Darüber hinaus haben die USA auch einen enormen Vorsprung bei der Rechenleistung. Laut Epoch AI waren im Mai 2025 rund 75 % der weltweiten Rechenleistung großer, öffentlich bekannter KI-Rechenzentren in den USA angesiedelt, während nur 15 % auf China entfielen. Zudem profitieren die USA von einem privilegierten Zugang zu Spitzentechnologien. Dazu zählen Beschleuniger von Nvidia, Chips von TSMC, Maschinen der neuesten Generation von ASML sowie hochentwickelte Speicher von SK Hynix, Samsung und Micron. China sind beim Erwerb derartiger Hardware der Spitzenklasse hingegen gewisse Grenzen gesetzt.

China setzt auf niedrigere Kosten und Energieinfrastruktur

Das bedeutet jedoch nicht, dass China bei KI dauerhaft und unwiderruflich eine untergeordnete Rolle spielen wird. Zunächst einmal sind seine Modelle deutlich kostengünstiger. So kostet die Bearbeitung einer Aufgabe mit DeepSeek laut LiveBench 2.0 nur etwa 18 US-Cent, während die fortschrittlichsten Modelle von Anthropic mehrere Dollar kosten.

Außerdem hat China noch einen weiteren bedeutenden Vorteil: die Dimensionen und die Geschwindigkeit beim Ausbau seines Stromversorgungssystems. Das Land investiert seit Jahren massiv in erneuerbare Energien, Kohle und Kernenergie. Die USA haben bei dieser Art von Infrastruktur hingegen einen erheblichen Rückstand. Diese Dynamik könnte die KI-Entwicklung weiter beschleunigen – vorausgesetzt, es gelingt China, die enormen Strommengen zwischen den bedeutendsten Erzeugungs- und Verbrauchszentren zu transportieren. Laut dem zentralen Szenario der IEA[1] könnte der Stromverbrauch der chinesischen Rechenzentren bis 2030 um etwa 170 % steigen, in den USA um etwa 130 %.

Langfristiger Ausgang des KI-Wettlaufs bleibt offen

Alles in allem weist die derzeit unumstrittene KI-Dominanz der USA gewisse Anfälligkeiten auf, die vor allem jene Bereiche betreffen, in denen China seine größten Stärken hat. In vielerlei Hinsicht verhalten sich die Stärken und Schwächen der beiden Länder spiegelbildlich zueinander.

Das Duell zwischen den beiden Großmächten ist somit definitiv noch nicht entschieden. Angesichts der industriellen Erfolge Chinas in den vergangenen 20 Jahren könnte sich auch eine weniger spektakuläre, dafür wirtschaftlichere Strategie langfristig als wettbewerbsfähig erweisen – zumal sie von einem planwirtschaftlich geprägten Staat gezielt vorangetrieben wird.

[1] Bericht „Energy and AI“ der Internationalen Energieagentur (IEA), April 2025

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