Der Fonds BNP Paribas Europe Strategic Autonomy feierte am 19. Mai 2026 seinen ersten Geburtstag. Grund für einen TiAM-Fonds-Check. Im Interview spricht BNP-Manager Markus Rottler über die Investmentstrategie des Fonds und die Zusammensetzung des Portfolios
08.06.2026 | 14:00 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM: Strategische Autonomie ist ein politisch geprägter Begriff – was bedeutet er konkret aus Investorensicht, und warum hält BNP Paribas ihn für ein langfristig tragfähiges Investmentthema?
Markus Rottler: Die geopolitische Lage ist offensichtlich: die Kriege in der Ukraine sowie im Nahen Osten, die internationale Expansion Chinas. Deshalb muss man das Thema strategische Autonomie bei vielen Investoren gar nicht mehr begründen. Es geht darum, Europa wieder robuster, stärker und resilienter zu machen. Und es geht darum, die globale Abhängigkeit von Lieferketten zugunsten Europas zu verlagern.
TiAM: Europa hat mehrere Investitionsprogramme angekündigt. Wie setzen die Fondsmanager diese politischen Programme in belastbare Umsatz- und Capex-Chancen um – ohne auf reine Ankündigungseffekte hereinzufallen?
Rottler: Indem wir ständig am Ball bleiben. Die strategische Autonomie Europas lässt sich an vier massiven Investitionsvorhaben ablesen. Der Plan „RearmEurope“ der EU mit 800 Milliarden Euro bis 2030, das Programm „RePower EU“ mit bis zu 210 Milliarden Euro und das Vorhaben „European Chip“, das 43 Milliarden Investitionen bis Ende 2027 vorsieht. Das sind beschlossene Dinge. Diese Dinge sind intrinsisch motiviert durch nahezu alle EU-Staaten. Sie sind gleichzeitig eine Art Sonderkonjunkturprogramm für europäische Unternehmen.
TiAM: Wie stark hängt die Investmentstory des Fonds von geopolitischen Entwicklungen ab – etwa vom Ukraine-Krieg oder von der zukünftigen Rolle der USA innerhalb der NATO?
Rottler: Ob NATO, Iran, Ukraine, die letzten Jahre haben gezeigt, dass Europa in jedem Fall in seine Autonomie investieren muss. Aber auch ohne einen weiteren Schub treten die europäischen Staaten, Länder und Kommunen in den geschilderten Programmen als massive Investoren auf.
TiAM: Der Fonds bündelt verschiedene Subthemen wie Verteidigung, Cybersecturity, industrielle Resilienz, Healthcare, Cloud-Computing und digitale Infrastruktur. Nach welchen Kriterien werden die Gewichtungen zwischen diesen Themen gesteuert?
Rottler: Wir halten mindestens 50 Prozent an Industrietiteln im Fonds. Von diesen 50 Prozent ist ein Teil aus dem Bereich Verteidigung. Da referieren wir auch die Stärke der europäischen Industrietitel. Es gibt dort einige Weltmarktführer, die generell sehr gute Chancen bieten.
TiAM: Diese Titel geben dem Fonds auch Sicherheit?
Rottler: Ja, das tun sie – quasi im doppelten Sinn.
TiAM: Was unterscheidet diesen Ansatz von klassischen Defense- oder Infrastrukturfonds, die derzeit ebenfalls stark nachgefragt sind?
Rottler: Unser Ansatz ist, dass man verschiedene Säulen zusammenfasst, die im Grunde jeweils auch einzelne Fondsanlagestrategien sein könnten. Dies zum einen, um das Thema strategische Autonomie für Europa in seiner gesamten Dimension zu bedienen. Zum anderen, um flexibel zu sein, aktiv in eine Reihe sicherheitsrelevanter Themen zu investieren. Wahrscheinlich bieten wir damit einen der am breitesten aufgestellten Fonds in dieser Kategorie.
TiAM: Der Investmentprozess ist stark fundamental geprägt – welche quantitativen und qualitativen Faktoren sind jetzt entscheidend, um strukturelle Gewinner von zyklischen Mitläufern zu trennen?
Rottler: Die grundsätzlichen Kriterien fundamentaler Analyse finden im Fonds natürlich Anwendung. Wir schauen dabei – neben vielen anderen Aspekten – auf das Gewinnwachstum, und dort nicht allein auf das für die Zukunft projizierte. Das EPS-Wachstum der Unternehmen im Fonds beträgt momentan etwa 17 Prozent p. a. Der Active Share beträgt 67 Prozent.
TiAM: Strategische Autonomie wird oft mit europäischen Large Caps assoziiert – warum spielen Small und Mid Caps dennoch eine Rolle im Portfolio?
Rottler: Der Fonds hat einen starken Wachstumsgedanken. Sehr gut ist es, wenn das Unternehmen im Fonds mitwächst. Wenn aus einem Small-Cap-Unternehmen ein Mid Cap oder gar ein großes Unternehmen wird. Dies wäre dann für jeden Analysten und Fondsmanager in unserem Haus ein Ritterschlag.
TiAM: Mit einer Tracking-Error-Bandbreite von rund sechs Prozent positioniert sich der Fonds klar aktiv: In welchen Marktphasen zahlt sich diese aktive Ausrichtung besonders aus – und wann kann sie kurzfristig belasten?
Rottler: Wir sind jetzt seit etwa zwölf Monaten auf dem Markt. Was man bisher sagen kann, ist, dass sich der Fonds in den bisherigen Marktphasen ganz gut bewährt hat. So war 2025 eher ein Jahr mit ruhigeren Phasen an vielen Märkten. In dieser Zeit haben wir eine klare Outperformance nachzuweisen. Und im März 2026, als viele Börsen eher nach unten drehten, haben wir uns vergleichsweise gut gehalten.
TiAM: Verteidigungs und Technologiewerte waren zuletzt ziemlich volatil. Der Trump-Effekt. Wie wird bei diesem Fonds mit Übertreibungen und temporären Rücksetzern umgegangen?
Rottler: Wir stellen das Portfolio innerhalb der Zielsektoren breit auf. Rücksetzer werden schon mal zu Nachkäufen genutzt, wenn die fundamentale Situation sich nicht verschlechtert hat. Die Fondsmanager müssen nicht immer auf die vermeintlich größten Rüstungs- oder Sicherheitstitel setzen. Da gibt es auch in der zweiten und dritten Reihe Unternehmen, die überzeugen.
TiAM: Haben Sie ein Beispiel?
Rottler: Die britische Rolls-Royce Holding etwa. Bei diesem Titel denken die meisten Investoren zunächst an die Automarke (ist seit 2003 bei der BMW AG, Anm. d. Red.). Doch die Holding mit Sitz in Goodwood, Großbritannien, baut Turbinen für Flugzeuge und Marinefahrzeuge. Rolls-Royce ist zudem groß im Geschäft bei Notstromaggregaten. Ihr Weltmarktanteil liegt bei 80 Prozent. Wenn es um Rechenzentren für das Militär geht, die zunehmend auch mit KI arbeiten, ist das Unternehmen ebenfalls eine Adresse.
TiAM: Gibt es innerhalb des Themas strategische Autonomie Bereiche oder Sektoren, die aktuell bewusst untergewichtet oder ganz gemieden werden – und wenn ja, warum?
Rottler: Nein. Bei den einzelnen Aktien haben wir uns auf eine maximale Gewichtung in Höhe von fünf Prozent verständigt. Bei kleineren Unternehmen achten wir selbstverständlich stark auf die Liquidität und deren Entwicklung. Die beschriebenen Sektoren sind mittelfristige bis langfristige Leitlinien, damit der Investor weiß, wie wir investiert sind.
TiAM: Der Fonds ist als SFDR-Artikel-8-Produkt klassifiziert: Wie kann man der Kritik begegnen, dass Investitionen in Sicherheit und vor allem in Rüstung schwer mit ESG-Ansprüchen vereinbar sind?
Rottler: Die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) ist zunächst ein regulatorisches Element. Wir halten uns auch bei diesem Fonds zu 100 Prozent an die regulatorischen Vorgaben. Nachhaltige Investments sind ein Teil der BNP-Paribas-DNA. Deshalb sind wir als Unternehmen noch ein wenig „grüner“ als mögliche Mitbewerber. Auch weil wir sicher sind, dass das Thema Nachhaltigkeit ein Thema ist, das gekommen ist, um zu bleiben.
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