Matthew Beesley hat Jupiter Asset Management in den vergangenen Jahren neu ausgerichtet. Im Exklusiv-Interview spricht der CEO über die Rückkehr aktiver Fonds, den Boom aktiver ETFs, die Rolle von Künstlicher Intelligenz im Asset Management und warum Anleger ihre Portfolios künftig breiter aufstellen sollten.
14.07.2026 | 15:00 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Herr Beesley, Jupiter Asset Management hat in den vergangenen Jahren eine schwierige Phase durchlaufen. Inzwischen scheint das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs zu sein. Woran liegt das?
Matthew Beesley: Das Marktumfeld hat sich grundlegend verändert. Die Jahre der quantitativen Lockerung waren von enormer Liquidität geprägt, von der nahezu alle Anlageklassen profitierten. Heute sehen wir höhere Volatilität und deutlich größere Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmen und Sektoren. Das ist ein Umfeld, in dem aktives Management seine Stärken besonders gut ausspielen kann.
TiAM FundResearch: Profitiert Jupiter davon bereits?
Beesley: Ja. Unsere Fondsperformance hat sich deutlich verbessert. Von unseren 15 Fonds mit einem Volumen von mehr als einer Milliarde Pfund haben elf ihre Vergleichsgruppe über ein, drei und fünf Jahre hinweg übertroffen. Das schafft eine gute Grundlage für weiteres Wachstum.
TiAM FundResearch: Sie stehen seit 2022 an der Spitze von Jupiter. Mit welchen Zielen sind Sie damals angetreten?
Beesley: Mein Ziel war es, Jupiter strategisch klarer aufzustellen. Wir müssen unser Geschäft so skalieren, dass wir ausreichend in Mitarbeiter, Technologie und Infrastruktur investieren können. Gleichzeitig war mir die Unternehmenskultur sehr wichtig.
TiAM FundResearch: Wie haben Sie diese Strategie konkret umgesetzt?
Beesley: Wir haben unser Produktangebot deutlich gestrafft und die Zahl unserer Fonds von über 100 auf weniger als 70 reduziert. Gleichzeitig haben wir gezielt neue Investmentteams aufgebaut und investieren konsequent in Digitalisierung und Kundenservice.
TiAM FundResearch: Hat sich dieser Kultur- und Strategiewandel auch innerhalb des Unternehmens bemerkbar gemacht?
Beesley: Davon bin ich überzeugt. Die Mitarbeiterzufriedenheit ist von Werten im hohen 60er-Bereich auf inzwischen 88 Prozent gestiegen. Mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeiter geben an, stolz darauf zu sein, für Jupiter zu arbeiten.
TiAM FundResearch: In den vergangenen Jahren haben einige prominente Fondsmanager Jupiter verlassen. Hat Sie das geschwächt?
Beesley: Nein. Das waren individuelle Entscheidungen. Ein renommierter Manager wollte sein eigenes Unternehmen gründen. Gleichzeitig konnten wir mehrere hochkarätige Investmentteams für Jupiter gewinnen.
TiAM FundResearch: Haben Sie dafür ein Beispiel?
Beesley: Unser neues europäisches Aktien-Team um Niall Gallagher ist ein gutes Beispiel. Solche Teams entscheiden sich bewusst für Jupiter, weil wir ihnen Investitionsautonomie verbunden mit unternehmerischer Freiheit bieten und gleichzeitig über langjährige Kundenbeziehungen in wichtigen Märkten verfügen.
TiAM FundResearch: Aktive ETFs gewinnen rasant an Bedeutung. Welche Rolle spielen sie für Jupiter?
Beesley: Aktive ETFs bieten Transparenz und tägliche Handelbarkeit und werden auch bei uns künftig eine immer wichtigere Rolle spielen. Deshalb haben wir bereits zwei aktive ETFs aufgelegt.
TiAM FundResearch: Viele sogenannte aktive ETFs unterscheiden sich allerdings kaum von ihrem Referenzindex.
Beesley: Genau deshalb ist uns wichtig, dass ein aktiver ETF auch wirklich aktiv gemanagt wird. Unser Anspruch ist es, echten Mehrwert gegenüber einem Index zu liefern und nicht lediglich geringe Abweichungen zu produzieren.
TiAM FundResearch: Werden Sie künftig eher ETFs oder klassische Fonds auflegen?
Beesley: Bei jeder neuen Strategie prüfen wir zunächst, welche Struktur besser geeignet ist. Ich gehe davon aus, dass wir künftig mehr aktive ETFs als traditionelle Investmentfonds auflegen werden.
TiAM FundResearch: Viele Anleger reduzieren derzeit ihre Gewichtung in US-Aktien. Beobachten Sie diesen Trend ebenfalls?
Beesley: Ja, eindeutig. Viele Investoren sind in den USA sehr stark investiert und suchen inzwischen nach Alternativen.
TiAM FundResearch: Welche Regionen profitieren davon?
Beesley: Vor allem europäische Aktien, Asien-Pazifik-Strategien und Indien. Wir leben in einer zunehmend fragmentierten Welt, und das verändert Kapitalströme nachhaltig.
TiAM FundResearch: Wirkt sich auch die aktuelle Eskalation im Nahen Osten auf das Anlegerverhalten aus?
Beesley: Bislang erstaunlich wenig. Viele Investoren halten sich derzeit zurück und warten ab. Der Markt geht offenbar davon aus, dass es sich um ein vorübergehendes Problem handelt und sich die Lieferketten mittelfristig wieder normalisieren werden.
TiAM FundResearch: Welche Risiken sehen Sie, falls die Spannungen anhalten?
Beesley: Sollte die Unterbrechung der Energieversorgung länger andauern, könnten dauerhaft höhere Ölpreise die Inflation antreiben. Das würde höhere Zinsen und ein schwächeres Wirtschaftswachstum nach sich ziehen. Besonders Europa wäre davon stärker betroffen als viele asiatische Volkswirtschaften.
TiAM FundResearch: Welche Fondsstrategien profitieren derzeit besonders von diesen Entwicklungen?
Beesley: Die Anlageperformance ist über das gesamte Fondsspektrum hinweg stark. Sehr erfolgreich entwickelt sich weiterhin unser Bereich systematischer Aktienstrategien. Sowohl unsere Long-only- als auch unsere marktneutralen Strategien verzeichnen eine hohe Nachfrage und eine starke Wertentwicklung.
TiAM FundResearch: Gibt es noch weitere gefragte Strategien?
Beesley: Sehr gefragt sind derzeit unsere Gold- und Silberstrategie sowie unsere europäischen Aktienfonds. Gerade in Deutschland sehen wir ein großes Interesse an europäischen Aktien. Darüber hinaus gewinnen auch britische Aktien wieder an Aufmerksamkeit, nachdem wir unser UK-Investmentteam vor einigen Jahren verstärkt haben.
TiAM FundResearch: Bedeutet die unsichere Weltlage auch eine Rückkehr des aktiven Managements?
Beesley: Davon bin ich überzeugt. Nach vielen Jahren, in denen passive Strategien dominiert haben, erkennen Anleger wieder stärker den Wert einer aktiven Titelauswahl. Aktives Management erlebt derzeit eine Renaissance.
TiAM FundResearch: Dagegen hat ESG hat zuletzt deutlich an Aufmerksamkeit verloren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Beesley: Unser Ansatz war immer pragmatisch. Wir verstehen uns nicht als Haus mit einer einheitlichen Meinung, sondern als „House of Views“. Deshalb berücksichtigen unsere Investmentteams ESG-Aspekte unterschiedlich stark – abhängig von ihrer jeweiligen Strategie. Wir haben nie versucht, das Thema übermäßig in den Vordergrund zu stellen.
TiAM FundResearch: Ist ESG für Ihre Kunden überhaupt noch relevant?
Beesley: Das hängt stark vom jeweiligen Anleger ab. Einige institutionelle Kunden legen weiterhin großen Wert auf nachhaltige Kriterien. Ein gutes Beispiel sind kirchliche Einrichtungen, die häufig bestimmte Branchen ausschließen möchten. Andere Anleger messen ESG inzwischen weniger Bedeutung bei. Unser Ansatz bleibt deshalb kunden- und strategieorientiert.
TiAM FundResearch: Künstliche Intelligenz verändert derzeit die gesamte Branche. Kann KI den Fondsmanager irgendwann ersetzen?
Beesley: Das sehe ich derzeit nicht. Im Moment steigert KI vor allem die Produktivität.
TiAM FundResearch: Wie nutzen Sie die Technologie konkret?
Beesley: Wir setzen KI unter anderem zur Analyse und Aufbereitung großer Datenmengen ein. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeiter dadurch im Durchschnitt rund 60 Minuten pro Tag einsparen können.
TiAM FundResearch: Können dadurch auch bessere Anlageentscheidungen getroffen werden?
Beesley: Das wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Anleger beurteilen Fonds schließlich über Zeiträume von drei bis fünf Jahren. Bis dahin werden wir belastbare Erkenntnisse haben.
TiAM FundResearch: Viele Asset Manager setzen verstärkt auf Private Markets und ELTIFs. Ist das auch für Jupiter ein Thema?
Beesley: Derzeit nicht. Wir haben keine ELTIFs aufgelegt und planen dies aktuell auch nicht. Allerdings beobachten wir, dass die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Märkten zunehmend verschwimmen.
TiAM FundResearch: Halten Sie Private Markets grundsätzlich für attraktiv?
Beesley: Ja, sofern die Liquidität eines Fonds zu den zugrunde liegenden Anlagen passt. Viele Anleger könnten langfristig von Illiquiditätsprämien profitieren. Dafür braucht es aber geeignete Strukturen und mehr Aufklärung.
TiAM FundResearch: Jupiter hat zuletzt CCLA und Origin Asset Management übernommen. Wird es weitere Zukäufe geben?
Beesley: Wir bleiben offen für attraktive Akquisitionen. Wichtig ist für uns allerdings, dass sie unser bestehendes Angebot sinnvoll ergänzen. CCLA erschließt uns beispielsweise den Markt für kirchliche Einrichtungen und Stiftungen, Origin erweitert unser Angebot um Aktienstrategien, die Basis einem kombinierten Quant- und Qualitäts-Ansatz gemanagt werden.
TiAM FundResearch: Insgesamt erlebt die Asset-Management-Branche derzeit eine Welle von großen Übernahmen etwa der Kauf von Schroders durch Nuveen. Erwarten Sie eine weitere Konsolidierung?
Beesley: Ich bin da eher zurückhaltend. Große Fusionen mit sich überschneidenden Investmentteams führen häufig zu Unruhe bei Kunden und Mitarbeitern. Das ist selten ein Erfolgsmodell. Deshalb glaube ich nicht an eine flächendeckende Konsolidierung der Branche.
TiAM FundResearch: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Wie investieren Sie selbst?
Beesley: Ein großer Teil meines Vermögens ist in Jupiter-Fonds investiert. Ich bin überzeugt, dass man selbst in die Produkte investieren sollte, die man seinen Kunden empfiehlt. Oder, wie ich gerne sage: „Eat your own cooking“.
Zur Person:
Matthew Beesley ist seit Oktober 2022 Chief Executive Officer (CEO) von Jupiter Asset Management. Vor seinem Wechsel zu Jupiter Asset Management im Jahr 2022 leitete Beesley als CIO Artemis Investment Management. Weitere Führungspositionen bekleidete er bei GAM Investments, wo er unter anderem als Head of Investments und Head of Equities tätig war, sowie bei Henderson Global Investors als Head of Global Equities. Er verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung in der Asset-Management-Branche. Neben seiner Tätigkeit bei Jupiter Asset Management ist er Mitglied des Board of Directors der Investment Association, dem Branchenverband der britischen Investmentindustrie.
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