Die Zertifizierung von staatlich geförderten Altersvorsorgedepots privater Anbieter beginnt erst im Herbst. Doch die Branche arbeitet bereits an passenden Lösungen.
17.07.2026 | 14:00 Uhr von «Matthias von Arnim»
Der Countdown läuft: In gut fünf Monaten, am 1. Januar 2027, soll die geförderte private Altersvorsorge in Deutschland neu starten. Die Riester-Rente, seit Jahren mehr Auslaufmodell als Verkaufsschlager, weicht dem Altersvorsorgedepot – einem Produkt ohne Beitragsgarantie, mit Kostendeckel und echter Aktienquote. Wer als Vermögensverwalter, Anlageberater oder Fondsanbieter jetzt nicht positioniert ist, verpasst den größten Produktstart der Branche seit Einführung der Riester-Rente 2002. Und wer die Begriffe durcheinanderwirft, verwechselt zwei völlig unterschiedliche Baustellen der Rentenreform.
Der Begriff „Kapitalrente" geistert seit Wochen durch die Schlagzeilen, wird in der öffentlichen Debatte aber oft mit dem Altersvorsorgedepot vermengt. Beides tritt zum selben Stichtag in Kraft, beides hat mit mehr Kapitalmarkt in der Altersvorsorge zu tun – doch es handelt sich um zwei getrennte Vorhaben. Die Kapitalrente ist ein verpflichtender Zusatzbeitrag innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung, finanziert über zwei zusätzliche Beitragspunkte, die paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern kommen. Verwaltet wird das Geld nicht am freien Markt, sondern über einen noch zu bestimmenden öffentlichen Fonds – Kandidaten sind die Bundesbank und der Kernenergie-Entsorgungsfonds Kenfo. Private Anbieter bleiben hier außen vor. Der Zugang zum Kapitalkonto der Kapitalrente bleibt einer staatlichen Institution vorbehalten.
Das eigentliche Spielfeld für Vermögensverwalter, Fondsgesellschaften und Vertrieb heißt Altersvorsorgedepot. Es ersetzt die private, geförderte Riester-Rente und öffnet sich für Banken, Neobroker, Fondsgesellschaften und Versicherer gleichermaßen. Genau hier entscheidet sich in den kommenden Monaten, wer sich im Massenmarkt der geförderten Altersvorsorge positioniert.
Ab 2027 dürfen Sparer bis zu 1.800 Euro jährlich in ein zertifiziertes Altersvorsorgedepot einzahlen. Der Staat legt bis zu 540 Euro Grundzulage obendrauf – gut dreimal so viel wie der Riester-Höchstsatz von 175 Euro. Hinzu kommen bis zu 300 Euro pro Kind sowie ein einmaliger Berufseinsteiger-Bonus von 200 Euro für unter 25-Jährige. Für den Vertrieb dürfte vor allem eine Änderung neue Kundschaft bringen: Wer als Selbstständiger oder Freiberufler bisher außen vor blieb, weil das alte Riester-System nur Angestellte und Beamte förderte, kann künftig ebenfalls mitsparen. Das Gesetz kennt drei Produktkategorien. Das Altersvorsorgedepot ohne Beitragsgarantie ist das Kernstück der Reform und erlaubt erstmals eine Aktienquote von bis zu 100 Prozent – ohne das Korsett der alten Beitragsgarantie, das Riester-Anbieter zwang, einen Großteil des Kapitals in niedrig verzinste Anleihen zu stecken. Daneben bleiben zwei Garantievarianten mit 80 beziehungsweise 100 Prozent Kapitalschutz bestehen, für sicherheitsorientierte Sparer. Innerhalb des garantiefreien Depots gibt es zudem eine abgespeckte Variante, das Standarddepot: Statt aus einer breiten Produktpalette zu wählen, landet das Geld hier in nur zwei vom jeweiligen Anbieter vorgegebenen Fonds, deren Aktienanteil sich mit näher rückendem Rentenbeginn schrittweise zugunsten sichererer Papiere verschiebt. Ein Berater wird dafür nicht gebraucht, der Abschluss läuft komplett online – dafür deckelt der Gesetzgeber die jährlichen Effektivkosten strikt bei 1,0 Prozent. Nur für diese Standardvariante gilt der Deckel. Wer stattdessen aus dem vollen, auf einer Positivliste geführten Fondsangebot des freien Altersvorsorgedepots wählt, unterliegt keiner Kostenobergrenze.
Zusätzlich tritt der Staat selbst als Anbieter auf: Ein öffentlicher Träger – aller Voraussicht nach unter dem Dach eines bereits etablierten Fonds – wird ein eigenes Standarddepot bereitstellen, konzipiert als kostengünstiger Basisanker für Sparer ohne eigene Produktentscheidung.
Für die Versicherungsbranche ist die Vergütungslogik für Produkte, die die Bedingungen des Altersvorsorgedepots erfüllen sollen, ein Problem. Für klassische Lebens- und Rentenversicherungen (inklusive fondsgebundener Lösungen) können Vermittler bisher die Abschlusskosten über die ersten fünf Jahre verrechnen. Dieses sogenannte Zillmerverfahren, das hohe Provisionen gleich zu Vertragsbeginn ermöglicht, darf ab Januar 2027 für neu abgeschlossene, staatlich geförderte Altersvorsorgeprodukte nicht angewendet werden. Was ein Vermittler an einem Vertrag verdient, muss sich künftig über dessen komplette Laufzeit strecken – bei Altersvorsorgeprodukten sind dies oft drei oder vier Jahrzehnte. Aus der satten Einmalzahlung beim Abschluss wird ein schmales, aber laufendes Honorar, das an das angesparte Volumen gekoppelt ist.
Für die Vermittlerverbände klingen bei diesem Punkt alle Alarmglocken. Aus Sicht des AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung lohnt sich eine sorgfältige, individuelle Beratung unter diesen finanziellen Vorzeichen für die Berufsgruppe kaum. Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute geht sogar noch weiter und beziffert den drohenden Umsatzausfall für die gesamte Branche auf gut fünf Milliarden Euro pro Jahr.
Offenbar hat auch der Gesetzgeber die Sorge, ein solcher Aderlass könnte die Vermittlerlandschaft ausdünnen und damit die Verbreitung der neuen Produkte gefährden. Jedenfalls hat er kurzerhand einen Ausgleichstopf geschaffen. Der bei der Bafin angesiedelte VIVA-Fonds soll jährlich mit zwei Milliarden Euro gespeist werden. Vermittler können daraus je Vertrag bis zu 100 Euro pro Jahr abrufen, insgesamt gedeckelt auf 1.200 Euro pro Vertrag über die Laufzeit und 2.500 Euro pro Jahr und Vermittler – wofür sie sich allerdings separat bei der Aufsicht registrieren und umfangreiche Nachweise erbringen müssen.
Der zweite große Streitpunkt ist der Staat als Marktteilnehmer. Dass dieselbe öffentliche Hand die Spielregeln festlegt, deren Einhaltung überwacht und zugleich selbst mitspielt, stößt sowohl Vermittlerverbänden als auch der Fondsbranche sauer auf. BVK-Präsident Michael H. Heinz prägte dafür den Begriff der „Rollenhybris" und ordnet ein solches Vorgehen historisch in eine ganz andere politische Epoche ein. BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter argumentiert wirtschaftspolitisch nüchterner, kommt aber zum gleichen Ergebnis: Fließe Steuergeld in Verwaltung und Vertrieb des staatlichen Angebots, verzerre das die Ausgangslage gegenüber privaten Häusern so stark, dass von echtem Wettbewerb kaum noch die Rede sein könne.
Für Produktanbieter heißt das konkret: Das eigene Angebot muss sich künftig nicht nur gegen andere Fondsgesellschaften und Versicherer behaupten, sondern auch gegen ein politisch gewolltes Referenzprodukt mit Kostenvorteil.
Ein dritter Reibungspunkt betrifft die Beratungspflicht selbst. Der Versichererverband GDV fordert, sie für das Standardprodukt auszusetzen, damit Versicherer mit beratungsfrei arbeitenden Neobrokern konkurrieren können – eine Position, die BVI, AfW, BVK und Votum unisono ablehnen. Aus Beratersicht ist genau das Gegenteil interessant: Der Wechsel aus bestehenden Riester-Verträgen wird zum Beratungsanlass par excellence, denn jeder Riester-Bestandskunde braucht nun eine Entscheidung – Vertrag weiterlaufen lassen, Kapital ins neue Depot übertragen oder beitragsfrei stellen. Wer heute schon Produkte auf den Markt bringt Trotz all der offenen Fragen zur endgültigen Zertifizierung ab Herbst 2026 durch das Bundeszentralamt für Steuern haben die ersten Fondsgesellschaften vorgelegt oder ihre Pläne konkretisiert. Die Übersicht zeigt den Stand mit Datenlage Mitte Juli 2026.
| Fondsgesellschaft | Produkt | Produktdetails | Kosten |
|---|---|---|---|
| Acatis | Acatis Altersvorsorgedepot UCITS ETF (ISIN DE000A428XC1) | Aktiv gemanagter, thesaurierender ETF; investiert weltweit in rund 50 Aktien aus einem Pool von 300–350 Titeln bestehender Acatis-Fonds; KI-gestützte Portfoliooptimierung durch Tochter Nnaisense, vierteljährliches Rebalancing; Benchmark MSCI World Net Total Return EUR; bereits seit 8. Mai 2026 handelbar (Xetra) | 0,7 % TER |
| Fidelity International | Zwei Produktlinien: Premium (aktive ETFs, gesteuerter Gleitpfad) und Standard (passive Indexfonds) | Premium-Variante passt Allokation laufend an Marktlage und Lebensphase an; Vertrieb sowohl direkt als auch über unabhängige Berater und Maklerpools geplant; Start zum 1.1.2027 | noch nicht veröffentlicht |
| Franklin Templeton / Finanzguru | Kooperationsprodukt für digitalen Zugang | Finanzguru liefert die technische Infrastruktur, Franklin Templeton die Fondsprodukte; Fokus auf einfachen, app-basierten Abschluss für Privatanleger; Start zum 1.1.2027 | noch nicht veröffentlicht |
| Franklin Templeton / Morgenfund | AV-Depot-Lösung (in Entwicklung) | Morgenfund als regulierte Plattform und rechtlicher Vertragspartner, Franklin Templeton liefert Investmentexpertise und ETF-Schwerpunkt; Zielgruppe: Finanzinstitute, freie Vertriebe, Maklerpools; Starttermin offen | noch nicht veröffentlicht |
| Growney / Vanguard | Digitale Portfoliolösung auf Vanguard-Basis | Modellportfolios nach Risikoklasse, automatisches Portfolio-Management, Online-Beratung; auch als White-Label-Lösung für Makler- und Vermittlerorganisationen mit eigenem Branding nutzbar | transparente Kosten angekündigt, Details offen |
| Hansainvest / Investify Tech / Baader Bank | Altersvorsorgedepot-Verträge (White-Label) | Rollenteilung: Baader Bank als depotführende Stelle, Investify Tech als Tech-Partner; Zielgruppe sind ausdrücklich Vermögensverwalter, Asset Manager und Maklerpools, die eine fertige, skalierbare Lösung suchen; Start zum 1.1.2027 | noch nicht veröffentlicht |
| Oddo BHF / Xaver | Kein eigenes Fondsprodukt, sondern White-Label-Plattform | End-to-End-Infrastruktur für Banken, Versicherer, unabhängige Finanzberater und Non-Financial-Unternehmen; deckt regulatorische Komplexität ab, erste „Brückenprodukte" sollen noch 2026 live gehen und automatisch ins regulierte Depot überführt werden; inklusive Riester-Wechselservice | plattformabhängig, keine einheitliche Kostenangabe |
| Union Investment | Uni Vorsorge (drei Varianten: aktive-ETF-Standardprodukt, aktiv gemanagtes Fondsprodukt ohne Garantie, Variante mit Garantie) | Standardprodukt auf Basis aktiver ETFs von Tochter Quoniam (Welt-Aktien-ETF plus Euro-Renten-ETF); Nicht-Garantie-Variante orientiert sich am MSCI All Countries World mit taktischem Spielraum; Garantie-Variante mit CPPI-Absicherung analog zum bisherigen Riester-Produkt Uni Profi Rente Select; exklusiv über genossenschaftliche Banken; kein Ausgabeaufschlag | Konditionen für Herbst 2026 angekündigt |
Quellen: eigene Recherche. Alle Angaben nach aktuellem Stand der Gesetzgebung und der öffentlich bekannten Anbieterankündigungen (Stand: Juli 2026)
Ergänzend positionieren sich weitere Häuser mit Absichtserklärungen, aber noch ohne konkrete Konditionen: Die DekaBank etwa kündigt Lösungen für Sparkassen-Kunden an, Union-Wettbewerber HUK-Coburg und AXA bereiten eigene Angebote im Versicherungsmantel vor. Direktbanken und Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital, ING und DKB gelten als wahrscheinliche Teilnehmer, haben aber – Stand Juli 2026 – noch keine spezifischen Altersvorsorgedepot-Konditionen veröffentlicht.
Für die Beratungspraxis lohnt der Blick nicht nur auf einzelne Häuser, sondern auf die grundsätzlichen Produktphilosophien, die sich abzeichnen. Passive, ETF-basierte Standardprodukte wie die geplante Fidelity-Standardlinie, punkten mit niedrigen Kosten und Transparenz, unterliegen im Fall des echten Standarddepots dem gesetzlichen Kostendeckel von 1,0 Prozent und eignen sich besonders für kostensensible Selbstentscheider. Der Nachteil: Wer als Berater an dieser Produktkategorie verdienen will, muss sich auf eine deutlich schmalere, über Jahrzehnte gestreckte Vergütung einstellen – und das Produkt bietet wenig Differenzierungspotenzial gegenüber dem staatlichen Standarddepot.
Aktiv gemanagte Lösungen wie der Acatis-ETF oder Fidelitys Premium-Linie versprechen demgegenüber echtes Alpha-Potenzial und eine Allokation, die sich an Marktlage und Lebensphase anpasst – ein Verkaufsargument, das sich in der Beratung gut vermitteln lässt. Die Kehrseite sind höhere Kosten, im Fall des Acatis-Produkts eine TER von 0,7 Prozent, sowie ein Track Record, der bei neu aufgelegten Produkten naturgemäß noch fehlt.
Union-Investment wiederum will mit gemanagten ETFs unter dem Namen „Univorsorge“ punkten. Dafür legt die Union Investment-Tochtergesellschaft Quoniam einen globalen Aktien-ETF und einen Euro-Renten-ETF auf. Im Standardmodell werden die Beiträge zunächst vollständig in Aktien investiert. Fünf Jahre vor Rentenbeginn reduziert sich die Aktienquote automatisch auf 50 Prozent, zwei Jahre vorher auf 30 Prozent. Anleger können die Gewichtung zwischen Aktien und Renten allerdings auch individuell steuern.
White-Label-Infrastrukturen wie das Angebot von Hansainvest mit Baader Bank und Investify Tech oder die Xaver-Plattform von Oddo BHF richten sich explizit an Vermögensverwalter und Maklerpools, die kein eigenes Produkt auflegen, aber unter eigenem Namen im Markt auftreten wollen. Der Charme liegt in Schnelligkeit und Skalierbarkeit – die regulatorische Komplexität übernimmt der Infrastrukturpartner. Der Preis dafür ist eine gewisse Abhängigkeit von der technischen und rechtlichen Zuverlässigkeit des Partners sowie meist eine geringere Marge als beim eigenen Produkt.
Bis zur Zertifizierung der ersten Verträge durch das Bundeszentralamt für Steuern bleibt vieles Ankündigung statt Angebot. Wer heute schon Kundengespräche vorbereitet, sollte deshalb zwei Dinge sauber trennen: die belastbaren gesetzlichen Eckdaten – Förderhöhe, Kostendeckel, Produktkategorien – und die noch unverbindlichen Produktversprechen der Anbieter. Konkret wird es erst, wenn im Herbst 2026 die ersten Konditionen final vorliegen. Bis dahin gilt für den Vertrieb: Der größte Hebel liegt nicht im schönsten Produkt, sondern vor allem in der frühzeitigen, sauber dokumentierten Wechselberatung der bestehenden Riester-Kundschaft.
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