Aktive ETFs gewinnen weltweit an Bedeutung. Anleger suchen zunehmend nach kosteneffizienten Anlagevehikeln, möchten dabei aber nicht auf aktives Fondsmanagement verzichten. Im Interview erklärt Anita Rausch, Senior Vice President und Global Head of ETF Capital Markets bei AllianceBernstein (AB), warum der ETF-Markt vor einem neuen Wachstumsschub steht, welche Rolle aktive Strategien künftig spielen und weshalb Transparenz für Fondsmanager kein Nachteil sein muss.
27.07.2026 | 13:00 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Frau Rausch, warum baut AllianceBernstein das Angebot an aktiven ETFs aus?
Anita Rausch: Der wichtigste Treiber ist die Nachfrage unserer Kunden. Weltweit wächst das Interesse an ETFs kontinuierlich – und zunehmend auch an aktiven Strategien. Unsere Aufgabe ist es, Anlegern verschiedene Möglichkeiten anzubieten, die auf unsere Investmentkompetenz zuzugreifen. Für viele Investoren ist der ETF heute schlicht die bevorzugte Fonds-Verpackung.
Warum setzt AB auf aktive ETFs und nicht auf klassische Indexfonds?
Unsere Stärke liegt seit mehr als 60 Jahren im aktiven Asset Management. Forschung, Fundamentalanalyse und aktives Portfoliomanagement gehören zur DNA unseres Hauses. Deshalb konzentrieren wir uns auf Strategien, bei denen wir glauben, langfristig einen Mehrwert gegenüber dem Markt erzielen zu können. Reine Indexprodukte haben wir in der Vergangenheit nicht angeboten.
Welche Rolle spielen für AB digitale Plattformen und Neobroker?
Sie eröffnen uns neue Vertriebskanäle. Viele Anleger – insbesondere die jüngere Generation – investiert heute über digitale Plattformen. Dort sind ETFs häufig das bevorzugte Anlageprodukt. Wer als Vermögensverwalter keine ETF-Lösungen anbietet, läuft Gefahr, in wichtigen Vertriebskanälen gar nicht mehr berücksichtigt zu werden.
Bedeutet das, dass aktive ETFs klassische Investmentfonds verdrängen werden?
Nein. Es geht nicht um ein Entweder - oder. Viele Kunden möchten selbst entscheiden, ob sie eine Strategie als klassischen Investmentfonds oder als ETF nutzen möchten. Wir bieten ihnen diese Wahlmöglichkeit. In manchen Märkten – etwa in den USA – werden bestehende Mutual-Fonds inzwischen sogar in ETF-Strukturen überführt. In Europa existieren häufig beide Varianten parallel.
Eignen sich aktive ETFs für jede Strategie?
Nein. Nicht jede Strategie lässt sich sinnvoll mit einem aktiven ETF umsetzen. Voraussetzung sind unter anderem ausreichende Liquidität der zugrunde liegenden Wertpapiere und eine tägliche Preisfeststellung. Deshalb prüfen wir bei jeder neuen Strategie, ob sie sich für den ETF-Mantel eignet.
Befürchten Sie eine Kannibalisierung des klassischen Fondsgeschäfts?
Diese Frage wird uns weltweit gestellt. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass ETFs vor allem neue Anlegergruppen erschließen. Viele Kunden hätten sich ohnehin für einen ETF entschieden – allerdings bei einem anderen Anbieter, wenn wir keine entsprechende Lösung angeboten hätten. Gleichzeitig verlangen inzwischen auch klassische Vertriebspartner wie Banken zunehmend ETF-Angebote.
Wodurch unterscheiden sich die aktiven ETFs von AllianceBernstein von denen anderer Anbieter?
Wir übertragen dieselbe Investmentphilosophie, Research-Prozesse sowie identischen Portfoliomanager auf unsere ETFs wie auf unsere klassischen Fonds. Unsere ETFs sind keine vereinfachten oder abgespeckten Produkte, sondern basieren auf der gleichen aktiven Investmentkompetenz.
Wie groß kann der Markt für aktive ETFs werden?
Aktive ETFs wachsen derzeit deutlich schneller als ihr aktueller Marktanteil vermuten lässt. In Europa liegt ihr Anteil am verwalteten Vermögen zwar noch bei rund drei Prozent, die Mittelzuflüsse sind jedoch deutlich höher. Weltweit sehen wir, dass Anleger passive und aktive Strategien zunehmend miteinander kombinieren. Deshalb erwarten wir, dass aktive ETFs in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.
Welche Vorteile bieten aktive ETFs im Anleihebereich?
Gerade bei Anleihen spielen ETFs ihre Stärken aus. Der Anleihemarkt ist überwiegend außerbörslich organisiert und oft weniger transparent. Aktive ETFs schaffen hier zusätzliche Preistransparenz und erleichtern den Handel. Gerade in volatilen Marktphasen haben sich Anleihen-ETFs als wichtige Liquiditätsquelle erwiesen, weil sie auch dann handelbar bleiben, wenn der zugrunde liegende Markt weniger liquide ist.
Kritiker bemängeln die tägliche Transparenz aktiver ETFs. Können Wettbewerber dadurch Portfolios kopieren?
Diese Sorge gab es lange Zeit. In der Praxis hat sie sich jedoch nicht bestätigt. Portfolioänderungen werden zeitversetzt veröffentlicht, sodass ein sogenanntes Front Running kaum möglich ist. Außerdem hat sich gezeigt, dass Anleger den Komfort eines professionell gemanagten ETFs schätzen und Strategien nicht einfach selbst nachbilden möchten.
Welche Bedeutung hat die geplante deutsche Altersvorsorgereform für aktive ETFs?
Wir sehen darin einen wichtigen Wachstumstreiber für den deutschen ETF-Markt. Langfristige Altersvorsorge bietet ideale Voraussetzungen für aktive Investmentstrategien. Schon kleine jährliche Mehrerträge können über mehrere Jahrzehnte einen erheblichen Unterschied beim Vermögensaufbau ausmachen. Deshalb erwarten wir, dass aktive ETFs von der Reform profitieren werden.
Wie entwickelt sich der Wettbewerb zwischen Banken und Neobrokern?
Beide werden eine wichtige Rolle spielen. Neobroker überzeugen mit digitalen Prozessen und einer hohen Nutzerfreundlichkeit. Gleichzeitig verfügen traditionelle Banken über langjährige Kundenbeziehungen und Beratungskompetenz. Aus unserer Sicht wird der Markt wachsen, sodass beide Vertriebswege profitieren können.
Welche Produktbereiche stehen bei AllianceBernstein künftig im Fokus?
Wir haben bereits aktive Aktien- und Renten-ETFs aufgelegt. Perspektivisch werden wir unser Angebot auch um Multi-Asset-Lösungen erweitern. Entscheidend ist dabei stets, dass wir unsere bestehenden Investmentkompetenzen sinnvoll in den ETF-Mantel übertragen. Entscheidend ist dabei stets, dass wir unser vorhandenes Anlage-Know-how effektiv in den ETF-Rahmen übertragen – und zwar entsprechend den Anforderungen unserer Kunden.
Wohin entwickelt sich der Markt für aktive ETFs?
Wir stehen noch am Anfang dieser Entwicklung. ETFs haben zunächst den passiven Aktienmarkt verändert, später den Rentenmarkt und entwickeln sich nun zunehmend in Richtung aktiver Strategien. Anleger wünschen sich heute nicht nur günstige Marktabbildung, sondern zunehmend auch echte aktive Investmententscheidungen und nicht nur Enhanced Index-Lösungen. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen.
Zur Person:
Anita Rausch ist Senior Vice President und Global Head of ETF Capital Markets und verantwortlich für die Liquidität und die Handelsschulungen im Zusammenhang mit den börsengehandelten Fonds (ETFs) von AB. Bevor sie 2022 zum Unternehmen kam, war sie Leiterin des Bereichs Capital Markets bei WisdomTree, einem weltweit tätigen Vermögensverwalter, der sich ausschließlich auf ETFs spezialisiert hat. Rausch hat den größten Teil ihrer Karriere damit verbracht, die Entwicklung der ETF-Struktur mitzugestalten. Sie begann auf der Verkäuferseite bei Morgan Stanley und J.P. Morgan, wo sie ETFs für die größten institutionellen Kunden handelte und deren ETF-Handelsdesks leitete. Sie hat einen BA in International Business mit Nebenfach Deutsch von der George Washington University.
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