Seit Monaten gewinnt der Goldpreis kräftig hinzu. In unserer sechsteiligen Serie gehen wir der Frage nach, inwieweit das gelbe Edelmetall vor dem Beginn einer Neubewertung steht. Teil 2: Gold als Maßstab der Geldqualität
26.01.2026 | 13:20 Uhr von «Tim Bröning»
Nachdem in der ersten Folge der Goldserie geklärt wurde, was Gold ist – ein monetärer Bestandswert –, stellt sich nun die entscheidende Anschlussfrage „Wer bestimmt eigentlich seinen Preis?“
Die kurze Antwort lautet: nicht Minen, nicht Schmucknachfrage und auch nicht kurzfristige Spekulation. Der Goldpreis wird dort gemacht, wo über Geld entschieden wird – bei Geldmengen, Zinsen, Schulden und Vertrauen.
Gold ist ein Maßstab für Geldqualität. Und genau deshalb reagiert es so sensibel auf makroökonomische Regimewechsel.
Der strukturelle Unterschied zwischen Gold und FIAT-Geld liegt in ihrer Vermehrbarkeit. Während der weltweite Goldbestand jährlich nur um rund 1,5 bis 1,7 Prozent wächst, steigen die Geldmengen der großen FIAT-Währungen langfristig deutlich schneller.
Dieses Wachstum ist kein politischer Zufall, sondern systemisch bedingt. Die Staaten dieser Welt sind im Verhältnis zu ihrem BIP hoch verschuldet (z.B. Japan 230 Prozent, Italien 137 Prozent oder USA 125 Prozent), der Schuldendienst bindet einen immer größeren Teil der Staatshaushalte. Gleichzeitig stehen Ausgaben für Themen an, die politisch mit den Wählern kaum verhandelbar sind: Sozialtransfers, Gesundheitswesen, Verteidigung, Infrastruktur.
Ökonomisch ist die Konsequenz eindeutig. Schulden müssen
tragfähig gehalten werden.
Und tragfähig bleiben sie nur, wenn das nominale Wachstum hoch genug ist. Geldmengenwachstum
ist damit kein Betriebsunfall, sondern Voraussetzung für Systemstabilität.
In einem solchen Umfeld ist es rational, dass Marktteilnehmer nach Ankern suchen, die sich dieser Logik entziehen. Gold ist einer davon.

Entscheidend für den Goldpreis sind nicht nominale Zinsen, sondern Realzinsen. In hochverschuldeten Systemen können diese dauerhaft kaum deutlich positiv sein, ohne fiskalische und finanzielle Spannungen zu erzeugen.
Steigende Zinsen erhöhen den Schuldendienst, belasten Haushalte und erzwingen früher oder später monetäre Lockerung. Gold reagiert genau auf diesen Zielkonflikt, weil es eben keine Zinsverpflichtung kennt.
Hinzu kommt der US-Dollar. Seine Rolle als globale Reservewährung beruht auf Vertrauen. Dieses Vertrauen ist in den letzten Jahrzehnten stabil gewesen, aber wie wir jetzt gesehen haben, nicht unveränderlich.
In den vergangenen Jahren ist eine schleichende, aber strukturell bedeutsame Entwicklung zu beobachten: die Diversifikation von Währungsreserven. Viele Länder reduzieren ihre Abhängigkeit vom US-Dollar – nicht abrupt, sondern graduell.
Ein Wendepunkt war der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System. Für viele Staaten war dies weniger ein politisches Signal als ein finanzielles Lehrstück. Währungsreserven sind nur dann sicher, wenn sie politisch neutral sind.
Gold erfüllt genau diese Eigenschaft. Es ist keine Verbindlichkeit von irgendeinem Staat. Entsprechend zeigen Daten und Umfragen des World Gold Council, dass Zentralbanken ihre Goldbestände gezielt ausgebaut haben – nicht aus Renditegründen, sondern zur Risikodiversifikation.
Wie Gold als monetärer Referenzwert funktioniert, lässt sich besonders klar am Beispiel des Jahres 2022 zeigen. In der globalen Leitwährung US-Dollar blieb der Goldpreis in diesem Zeitraum praktisch unverändert. Zu Jahresbeginn lag er bei rund 1.800 USD je Unze, zum Jahresende nur geringfügig verändert – eine Bewegung von unter einem Prozent. Global betrachtet hatte sich der nominale Goldwert damit kaum verändert.
Ganz anders war die Wahrnehmung in Ländern mit instabilen Währungen. In Argentinien stieg der Goldpreis im Jahr 2022, gemessen in argentinischen Pesos, um rund 72 Prozent. In der Türkei verteuerte sich Gold im selben Zeitraum in Türkischer Lira immerhin um etwa 40 Prozent.
Diese Unterschiede sind kein Ausdruck eines plötzlich höheren Goldwerts in diesen Ländern. Eine Unze Gold hatte 2022 in Buenos Aires, Istanbul oder New York annähernd die gleiche reale Kaufkraft – sie ließ sich überall gegen vergleichbare Güter und Dienstleistungen tauschen. Der starke nominale Anstieg in Peso und Lira spiegelt vielmehr den Kaufkraftverlust der jeweiligen Landeswährung wider.
Ökonomisch formuliert:
Gold misst nicht seine eigene Wertsteigerung, sondern den Wertverlust des Geldes, in dem es notiert wird. Genau deshalb wirkt der Goldpreis in stabilen Währungen oft unspektakulär, während er in schwachen Währungen regelrecht explodiert – bei unverändertem realem Goldwert.
Am Ende lässt sich der Goldpreis auf eine einfache, aber tiefgreifende Formel reduzieren:
Gold misst Vertrauen.
Nicht Vertrauen in Wachstum oder Technologie, sondern in Geld. In Phasen stabiler Geldordnung bleibt Gold oft im Hintergrund. In Phasen monetärer Spannungen rückt es ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist ein Versicherungswert gegen systemische Unwuchten. Und genau deshalb verläuft seine Preisentwicklung nicht linear, sondern regimeabhängig.
Nach dieser zweiten Folge wird deutlich:
Damit ist klar, warum Gold steigt. Doch eine weitere Frage drängt sich auf:
Genau hier setzt Folge 3 an, die Sie kommenden Montag an gleicher Stelle lesen: Wir übersetzen das monetäre Regime in betriebswirtschaftliche Realität – Margen, Cashflows, Bewertungen und die Frage, warum Goldminen heute fundamental anders dastehen als in früheren Zyklen.
Hier lesen Sie den ersten Teil der TiAM FundResearch-Serie: „Gold auf Rekordkurs: Was das Edelmetall so wertvoll macht“
Zum Autor: Tim Bröning ist Diplom-Ökonom und Betriebswirt und bereits seit über 30 Jahren an der Börse und im Finanzmarkt aktiv. Er arbeitete viele Jahre bei der Siemens AG sowohl im Energiebereich als auch für den Zentralvorstand in der Strategie- sowie M&A-Abteilung, wo er sich früh mit Marktanalysen, strategischer Ausrichtung und Unternehmensbewertung beschäftigte. Die letzten 15 Jahre war er ausschließlich in hohen Führungspositionen im Finanzdienstleistermarkt tätig, wo er sich u.a. auf makroökonomische Fragestellungen, die Fondsanalyse und die Fondsauswahl fokussierte. Ein besonderer Fokus gilt seit Jahren dem Rohstoffmarkt. Tim Bröning ist heute selbstständig. Mehr unter www.broening-investment.de.
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