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Iran‑Konflikt bis Tech-Aktien: Das empfiehlt Amundi-Investmentchef Mortier

Vincent Mortier
Analyse

Vincent Mortier, CIO von Europas größtem Asset Manager, erklärt im TiAM-Interview, welche Folgen der Iran-Schock hat, weshalb er US-Assets untergewichtet, welche Alternativen er sieht und ob die Gold-Rally anhält.

05.03.2026 | 10:00 Uhr von «Peter Gewalt»

TiAM FundResearch: Herr Mortier, was bedeutet der Iran‑Konflikt für die Finanzmärkte?

Vincent Mortier: Wir betonen schon seit längerer Zeit, dass die geopolitischen Veränderungen mehr und mehr an Einfluss auf die Kapitalmärkte gewinnen. Aktuell bewegen wir uns in einer Phase „kontrollierter Unordnung“: Öl fungiert hierbei insofern als Transmissionsmechanismus, das ein aufgrund der Eskalation gestiegener Ölpreis zu stärkeren Inflationserwartungen und einer größeren Streuung zwischen Ländern und Sektoren führt. Solange die Lieferketten nicht nachhaltig unterbrochen sind, bleibt das Ereignis volatil, aber nicht systemisch.

TiAM FundResearch: Welche makroökonomischen Auswirkungen erwarten Sie?

Mortier: Ein anhaltender Ölschock würde sich stagflationär auswirken. Die Inflation würde steigen und wir sehen eine schwächere Nachfrage und ein abgeschwächtes Wirtschaftsumfeld. Unser Basisszenario ist aber, dass es sich nur um einen temporären Ölpreisanstieg handeln sollte. Zentralbanken dürften entsprechend eher über den Schock hinausschauen. Wir erwarten also keine drastischen Veränderungen der Zentralbankpolitik. Die Disinflations‑Erwartungen aber werden zunächst fragiler und der zeitliche Spielraum für Zinssenkungen verschiebt sich.

TiAM FundResearch: Welche Folgen hat der Krieg für die Investments?

Mortier: Gold und Rohstoffe sind klare Absicherer für Portfolien. Rohstoffwährungen und Öl‑Exportländer sind begünstigt. Wir erwarten eine entsprechende Sektor‑ und Regionen-Rotation. Energie wird teurer und zyklische Sektoren würden unter einem längerfristigen Ölpreisanstieg stärker zu leiden haben. US‑Assets bleiben vergleichsweise robust, und Kreditrisiken konzentrieren sich vor allem auf Emittenten mit schlechter Bonität. Selektivität und Diversifikation bleibt weiter entscheidend.

TiAM FundResearch:  Amundi hat vor dem Irankonflikt  angekündigt, sein US-Dollar Exposure zu reduzieren. Was sind die zentralen Gründe? 

Vincent Mortier: Es gibt mehrere Gründe. Wir sind europäische Investoren und sind seit Jahren der Ansicht, dass der US-Dollar überbewertet ist. Zwar hat er zuletzt etwas nachgegeben, doch strukturell sprechen das hohe US-Defizit, die umfangreiche Refinanzierung und eine nachlassende globale Nachfrage gegen ihn. Viele Investoren sind schlicht sehr stark in US-Dollar investiert. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in die Währung allmählich. Deshalb reduzieren wir unsere Dollarpositionen – meist über Absicherungen. Der Hedge kostet rund zwei Prozent Rendite pro Jahr, aber ohne Hedge kann man noch viel mehr verlieren. 

TiAM FundResearch: TiAM FundResearch: Gilt das auch für US-Staatsanleihen? 

Mortier: Ja. Die US-Zinsen werden sich langfristig wahrscheinlich um die 4 bis 4,2 Prozent bewegen – ein erklärtes Ziel der US- Behörden, unterstützt durch eine koordinierte Haltung von Fed und Treasury. Die Fed dürfte zwei- oder dreimal weiter senken, während die Inflation hartnäckig bleibt. Das senkt die realen Renditen. Für Euro Investoren sind US-Treasuries damit wenig attraktiv: Addiert man die Währungsabsicherung hinzu, sind alternative Anlagen wie Gold oder europäische Anleihen oft sinnvoller. 

TiAM FundResearch: Wie schätzen Sie die Bewertung des US Aktienmarkts ein? 

Mortier: Der US-Aktienmarkt ist extrem konzentriert und nach wie vor teuer. Es geht nicht darum, US-Aktien zu meiden – wir sind weiterhin investiert –, aber wir bevorzugen gleichgewichtete Indizes und reduzieren bewusst Megacaps. Diese Unternehmen haben enorme Investitionen vor sich, deren Monetarisierung fraglich ist. Dazu kommen technologische Tail Risks, die kaum eingepreist sind. 

TiAM FundResearch: Welche technologischen Risiken meinen Sie konkret? 

Mortier: Zwei große Themen: China investiert massiv in Halbleiter und will technologische Autonomie – auch ohne Taiwan. In zwei bis drei Jahren könnten chinesische Chips qualitativ und preislich führend sein und ganze Sektoren umkrempeln. Zweitens: Quantencomputing. Noch ist es früh, aber sobald skalierbare Systeme existieren, könnte das enorme Auswirkungen auf Cybersicherheit, Blockchain Technologien und digitale Infrastruktur haben. Dazu kommen Risiken aus der Verschuldung vieler Rechenzentrumsinvestitionen – wenn die Technologie obsolet wird, verlieren die Assets ihren Wert. Das ist kaum eingepreist. 

TiAM FundResearch: Wenn US-Assets relativ unattraktiv sind – was sind Alternativen? 

Mortier: Wir müssen zurück zu den Grundlagen der Portfoliotheorie: Diversifikation über Länder, Sektoren und Unternehmensgrößen. Wir übergewichten Emerging Markets und Asien, inklusive China. Auch Japan gefällt uns – der Yen ist unserer Ansicht nach stark unterbewertet. Zudem sind Themen wie inländische Konsumwerte interessant, wenn der Yen aufwertet. Indien ist trotz Rückschlägen weiterhin eine langfristige Story. 

TiAM FundResearch:  Wie wichtig sind die politischen Risiken in Europa? 

Mortier: Sehr wichtig. Märkte werden heute weniger von Geopolitik als von nationalen politischen Entscheidungen beeinflusst. In Japan bewegen Personalentscheidungen die Märkte, in Großbritannien das Verhalten der Regierung, in den USA die Politik der Administration. Auch in Europa gilt: Die inländische Agenda ist entscheidend. Deshalb verfolgen wir die Lage in Frankreich und Deutschland genau. 

TiAM FundResearch: In Deutschland wird die Regierung als handlungsarm wahrgenommen. Ihre Einschätzung? 

Mortier: Es gibt Fortschritte, aber langsame. Entscheidend ist die Frage: Was wäre ohne diese Maßnahmen passiert? Deutschland hätte wahrscheinlich eine Rezession erlebt. Die neuen Programme können positiv wirken, aber es ist unklar, ob sie ein echter Gamechanger werden. 

TiAM FundResearch: Und Europa insgesamt – was wäre der größte Hebel? 

Mortier: Europa leidet unter einer schwerfälligen Regierungsführung und einer überbordenden Bürokratie. Die Kommission ist groß geworden, aber nicht immer im Takt mit den realen Bedürfnissen der Mitgliedsländer. Wir brauchen mehr Agilität und pragmatische Lösungen – vor allem in Bereichen wie Verteidigung, Energie, Infrastruktur und Technologie. Eine gezielte gemeinsame Finanzierung bestimmter Projekte wäre sinnvoll, aber keine pauschalen Eurobonds. 

TiAM FundResearch: Werden die Märkte weiterhin so volatil bleiben? 

Mortier: Auf Einzelwertebene ja – die Dispersion nimmt zu, die Reaktionen auf Quartalszahlen werden extremer. Aber makroseitig erwarte ich geringe Volatilität. Wichtig ist, nicht in Aktionismus zu verfallen. Der „Buy the dip“-Mechanismus funktioniert seit Jahren – aber irgendwann hört das auf. Man braucht Überzeugungen und muss sie durchhalten. 

TiAM FundResearch: Gold hat die Marke von 5000 Dollar im Blick. Ein Warnsignal? 

Mortier: Nein, eher ein langfristiger Trend. Wir sind seit zweieinhalb Jahren in Gold investiert und bleiben es. Viele Zentralbanken – insbesondere aus China, dem Nahen Osten und Zentralasien – kaufen massiv zu. Sie wollen unabhängiger von Fiat Währungen werden. Gold gewinnt dadurch an Bedeutung, auch weil es dem Renminbi Glaubwürdigkeit verleiht. Ein bisschen Gold gehört in jedes Portfolio. 

TiAM FundResearch: Wie stehen Sie zu Kryptowährungen? 

Mortier: Bitcoin ist ein Sonderfall. Bitcoin hat ein eigenes Sicherheitsprofil und möglicherweise Anwendungsfälle – aber es ist unmöglich zu bewerten. Unsere Modelle schwanken zwischen 1.000 und 1 Million Dollar. Solange man den Wert nicht bestimmen kann, sollte man sich fernhalten. Wir erwägen Initiativen im Zusammenhang mit digitalen Vermögenswerten, um der Nachfrage einiger Kunden gerecht zu werden, jedoch werden unsere Multi-Asset-Fonds nicht in Bitcoin investiert. 

TiAM FundResearch: Und kleine und mittlere Unternehmen? Viele Anleger ignorieren sie. 

Mortier: In Europa, Japan und China sind Small- und Midcaps günstig, qualitativ solide und mit attraktiven Dividenden ausgestattet. Niemand schaut hin, weil sie kaum in Benchmarks auftauchen. Sie sind wie Wandelanleihen: Man erhält Dividenden und hat potenziellen Upside. Allerdings muss man sorgfältig auswählen. 

Herr Mortier, vielen Dank für das Gespräch.

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