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Buy & Hold funktioniert bei Short-ETFs leider nicht. (AI-Grafik © 2026 by MvA)
ETF

Warum Long-Short-Kombis von ETFs nicht gut funktionieren

Die Zeiten sind volatil. Die Börsenkurse schwanken heftig. Da kommt mancher Anleger auf die Idee, sein Portfolio mit Short-ETFs gegen Kursschwankungen abzusichern. Doch das ist nicht so einfach, wie viele glauben.

26.08.2026 | 13:22 Uhr von «Matthias von Arnim»

Die Idee klingt bestechend einfach: Wer einen ETF auf einen Aktienindex im Depot hat und gleichzeitig in einen Short-ETF auf denselben Index investiert, müsste die wilden Ausschläge der Börse abfedern können. Steigen die Kurse, verdient die Long-Position. Bricht der Markt ein, fängt die Short-Position zumindest einen Teil des Verlusts auf. Am Ende, so die Hoffnung vieler Privatanleger, bliebe ein ruhigerer, planbarerer Vermögensaufbau übrig – ganz ohne aktives Timing. Das Problem dabei: Die wenigsten privaten Anleger verstehen, wie Short-Produkte gebaut sind. Wer glaubt, ein Reverse-ETF funktioniert genauso wie ein klassischer Index-ETF – nur eben in die andere Richtung –, irrt gewaltig.

Wie ein Short-ETF wirklich funktioniert

Bevor man die Rechnung aufmacht, lohnt ein Blick unter die Motorhaube. Short-ETFs auf Indizes, wie sie in Europa als UCITS-Fonds angeboten werden, kaufen keine Aktien und halten auch keine Optionen. Sie bilden einen eigenen Index nach, der die Wertentwicklung des betreffenden Index exakt umkehrt – und zwar auf täglicher Basis. Und dies jeden Tag neu. Das ist ein wichtiges Detail. Fällt der Index an einem Handelstag um ein Prozent, steigt der Short-Index um ein Prozent, und umgekehrt. Technisch geschieht das über ein Tauschgeschäft mit einer Bank, einen sogenannten Swap: Der ETF-Anbieter vereinbart mit einem Kontrahenten, ihm exakt diese gegenläufige Wertentwicklung zu liefern, und zahlt dafür eine Gebühr plus einen Zinsanteil auf Geldmarktbasis.

Der verbreitete Irrtum vieler Anleger ist nun folgender: Sie stellen sich vor, Short-ETFs würden sich eins zu eins so verhalten, wie klassische Index-ETFs – nur in die umgekehrte Richtung. Doch das ist nicht der Fall. Denn es gibt einige Kosten- und Performance-Faktoren, die die Wirkung verzerren. Zu den Kostenfaktoren zählen neben den üblichen Verwaltungsgebühren des ETF der jeweilige Swap-Vertrag mit täglichem Reset sowie die im Swap eingepreiste Finanzierungskomponente, die ähnlich wie eine Optionsprämie funktioniert.

Der eigentliche Renditefresser ist aber ein dritter, meist übersehener Effekt: die tägliche Neuberechnung selbst. Weil die Umkehrung jeden Tag neu auf den aktuellen Indexstand bezogen wird, addieren sich die täglichen Prozentsätze nicht einfach zu einem sauberen Gegenstück über Wochen oder Monate, sondern sie werden jeden Tag neu berechnet. Das ist teuer und kann zu unangenehmen Effekten führen: Schwankt etwa ein Index stark, ohne sich am Ende der Betrachtungsperiode wirklich bewegt zu haben, verlieren sowohl Long- als auch Short-Position gleichzeitig Geld.

Ein einfaches Beispiel macht das greifbar: Fällt ein Index an einem Tag um zehn Prozent und steigt am nächsten Tag wieder um elf Prozent, steht er am Ende höher als zuvor. Der tägliche Short-ETF hingegen gewinnt zunächst zehn Prozent, verliert dann elf Prozent vom bereits höheren Stand – und landet im Minus. Diesen mathematischen Effekt nennt man Volatilitäts-Drag, und er ist der eigentliche, stille Killer-Kostenfaktor von Short-ETFs.

Das zeigt eine Beispielrechnung für die vergangenen 16 Jahre

Um diesen Effekt in der Praxis sichtbar zu machen, lohnt der Blick auf zwei reale ETFs, die sich auf den US-amerikanischen S&P 500 Index beziehen: den iShares Core S&P 500 UCITS ETF (thesaurierend, ISIN IE00B5BMR087) als Long-Seite und den Xtrackers S&P 500 Inverse Daily Swap UCITS ETF (ISIN LU0322251520) als Short-Seite. Beide existieren parallel seit Mai 2010, was einen fairen Vergleich über gut 16 Jahre erlaubt. Um die Wirkung der Kombination beider ETFs zu verdeutlichen, schauen wir uns vier Szenarien an: die Entwicklung des reinen Long-ETFs, des reinen Short-ETFs, das Ergebnis, wenn ein Anleger im Mai 2010 mit den beiden ETFs zu gleichen Teilen gestartet wäre und sein Portfolio bis heute nicht wieder angefasst hätte. Und dann das Ergebnis, wenn jeweils zum Monatswechsel die ETFs rebalanciert worden wären, sodass sie am Monatsanfang zu jeweils 50 Prozent gewichtet sind.

Der Chart zeigt bereits mit bloßem Auge das Kernproblem: In nahezu jedem Jahr weichen die Summen aus Long- und Short-Rendite deutlich von null ab, in beide Richtungen. Die Performace-Kurve, die einfach beide Monatsprozente addiert, verharrt über die Jahre meist im leicht positiven Bereich: Kumuliert wären aus 100 Euro bis heute nur rund 152 Euro geworden. Das wäre eine recht mäßige Bilanz für 16 Jahre Kapitalmarktgeschichte.

Realistischer ist ohnehin das Buy&Hold-Szenario: ein Anleger, der im Mai 2010 tatsächlich je 50 Euro in beide ETFs gesteckt und nie wieder angefasst hätte – kein Rebalancing, kein Nachjustieren der Gewichtung. Aus anfangs 100 Euro wären bis Juli 2026 rund 464 Euro geworden. Das klingt zunächst ordentlich. Der Blick auf die Einzelteile relativiert die Sache jedoch gewaltig: Wer sein Geld komplett und ausschließlich in den Long-ETF gesteckt hätte, wäre auf gut 916 Euro gekommen. Die Short-Position dagegen ist im selben Zeitraum auf etwa 13 Euro zusammengeschmolzen, ein Verlust von rund 87 Prozent.

Wie schlägt sich die Long-Short-Kombi in Krisenphasen?

Wie sehr die Wirkung der Absicherung vom Zeitpunkt abhängt, zeigt ein Blick auf die jüngste Belastungsprobe: die Phase von Dezember 2021 bis September 2022, in der die Zinswende der US-Notenbank die Kurse drückte. Der Long-ETF verlor in diesem Zehnmonatsfenster rund 7,5 Prozent, der Short-ETF gewann im Gegenzug rund 42 Prozent – die Absicherung funktionierte also genau so, wie man es sich vorstellt. Doch wer seit Mai 2010 unverändert investiert war, bekam davon fast nichts mit. Weil der Short-Anteil im nie rebalancierten Depot bis November 2021 bereits auf gut drei Prozent des Gesamtwerts zusammengeschmolzen war, verbesserte sich das Ergebnis der Kombination gegenüber dem reinen Long-Investment nur von minus 7,5 auf minus 5,9 Prozent – ein Unterschied von eineinhalb Prozentpunkten, kaum der Rede wert. Wer dagegen genau zum Zeitpunkt kurz vor dem Crash frisch in beide ETFs eingestiegen wäre, hätte die Zinswende mit einem Plus von rund 17 Prozent durchlaufen, weil das Verhältnis dort noch nahe fünfzig zu fünfzig lag. Ein und dieselbe Strategie, zu zwei verschiedenen Zeitpunkten begonnen, hätte in derselben Krise also einmal spürbar geholfen und einmal praktisch nichts gebracht.

Der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch liegt genau in jenem Volatilitäts-Drag, kombiniert mit einem zweiten Effekt: Wenn in der Buy&Hold-Strategie nie rebalanciert wird, schrumpft das Gewicht der Short-Position im Depot unter normalen Umständen Jahr für Jahr weiter zusammen. Aus ursprünglich fünfzig Prozent wird im Laufe der Jahre ein Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Genau das ist die bittere Pointe der ganzen Konstruktion: Die vermeintliche Absicherung verliert über die Zeit nicht nur an Wert, sie verliert auch an Wirkung. 

Das oben angeführt Beispiel macht es bitter deutlich: Ausgerechnet in den Krisenmomenten, für die die Short-Absicherung ursprünglich gedacht war – etwa den Corona-Crash im Frühjahr 2020 oder die Zinswende 2022 –, war ihr Depotanteil bereits so klein geschrumpft, dass sie kaum noch etwas abfedern konnte. Wer sich 2010 eine Krisenbremse einbauen wollte, hatte sie sich, ohne es zu bemerken, längst wieder selbst ausgebaut.

Fazit: Die Grundidee, Long- und Short-Position auf denselben Index zu kombinieren, um Schwankungen zu glätten, krankt nicht an mangelnder Liquidität oder schlechter Nachbildung. Sie krankt an der Mathematik der täglichen Neuberechnung. Ein Short-ETF ist kein ruhendes Gegengewicht, das über Jahre unverändert Schutz bietet, sondern ein Instrument mit eingebautem Verfallsdatum, dessen Wert und dessen  Absicherungsfunktion mit jedem volatilen Handelstag ein Stück weiter erodieren. Wer eine echte Absicherung sucht, kommt um regelmäßiges, diszipliniertes Rebalancing oder um spezialisiertere Instrumente kaum herum – und muss dann auch deren eigene Kosten und Tücken einkalkulieren. Die stille Kombination aus Kaufen und Liegenlassen, wie sie hier durchgerechnet wurde, wäre dagegen über 16 Jahre vor allem eines gewesen: ein teurer Umweg zu einer Rendite, die der reine Long-ETF ohnehin geboten hätte – nur eben schwächer.

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