Erst Investmentthese, dann Umsetzungsweg – so werden Sachwertquoten planbar und erklärbar. Wer Assetklasse, Strategie, Ressourcen und Engagement ehrlich prüft, vermeidet ebenso unnötige wie kostspielige Fehlentscheidungen bei Liquidität, Risiko und Governance.
14.07.2026 | 10:00 Uhr von «Klaus Wolfermann»
Wer „Sachwerte“ sagt, hat noch keine Anlageentscheidung getroffen. In der Praxis entscheidet zuerst, welches Asset und welche Strategie wirklich gemeint sind. Erst danach kommt die Frage nach der Hülle: AIF, ELTIF oder Direktbeteiligung. Genau diese Reihenfolge wird in der Praxis häufig vertauscht – mit der Folge, dass Liquidität, Reporting oder Governance später nicht zum Mandanten passen.
Assetklasse und Strategie bestimmen, woher der Ertrag kommen soll und welche Risiken unvermeidbar sind. Infrastruktur-Debt ist ein anderes Geschäft als Private Equity. Core-Immobilien folgen anderen Zyklen als Projektentwicklung. Auch innerhalb einer Assetklasse macht die Strategie den Unterschied: diversifiziertes Portfolio versus konzentrierte Einzelfall-Wette, Buy-and-Hold versus aktives Umschichten, moderater versus aggressiver Hebel.
Vor jeder Produktdiskussion steht eine klare Ein-Seiten-These: Was ist das Ziel – Einkommen, Wertsteigerung, Inflationsschutz? Was sind die Renditetreiber? Welche Risiken sind akzeptiert – Illiquidität, J-Curve, Bewertungsschwankungen? Und was ist die Exit-Hypothese? Solange diese Punkte nicht in klaren Sätzen formulierbar sind, ist die Strukturfrage verfrüht.
Steht die These, kommt der Teil, den viele unterschätzen: Sind die Ressourcen vorhanden, diese Strategie sauber umzusetzen?
Kapital. Viele Strategien brauchen eine kritische Masse. Wer direkt in ein Objekt oder eine Projektgesellschaft investiert, trägt Klumpenrisiko und Einmalkosten – das Ticket muss groß genug sein, damit Diversifikation im Gesamtvermögen trotzdem funktioniert. Bei Fondsvehikeln lässt sich Diversifikation oft mit kleineren Tickets erreichen; dafür akzeptiert man Gebührenebenen und Produktregeln. Die Kernfrage: Wie hoch darf die Quote sein, ohne dass Liquidität und Risikobudget im Gesamtportfolio reißen?
Know-how. Direktbeteiligung ist nur dann professionell, wenn Prüfung, Vertragslogik und laufende Kontrolle beherrscht werden: Covenants, Informationsrechte, Mittelverwendung, Entscheidungswege, Konfliktmechanik, Bewertungslogik. Fehlt dieses Know-how intern, muss es verlässlich – nicht punktuell, sondern über die gesamte Laufzeit – zugekauft werden. Bei AIF und ELTIF liegt ein Teil der organisatorischen Last strukturell beim Manager und bei der Verwahrstelle. Das ersetzt keine Due Diligence, reduziert aber typische Selbstbau-Fehler.
Zeit. Direktbeteiligung ist Projektgeschäft: regelmäßige Reports, Rückfragen, Beschlussvorlagen, manchmal Nachverhandlungen. Fondsinvestments sind Prozessgeschäft: definierte Reportings, klarer Rahmen, weniger Ad-hoc-Entscheidungen. Wer im Alltag nicht sicherstellen kann, dass Monitoring tatsächlich stattfindet, sollte keine Strukturen wählen, die genau darauf angewiesen sind.
Neben Kapital, Know-how und Zeit gibt es einen weiteren Faktor, der in der Praxis häufig entscheidend ist, aber selten explizit thematisiert wird: die Bereitschaft des Investors, sich aktiv und dauerhaft mit seinem Investment zu befassen. Nicht jeder Anleger, der es theoretisch könnte, will sich regelmäßig mit Verwalterberichten, Objektkennzahlen oder gesellschafterrechtlichen Beschlüssen auseinandersetzen. Diese Haltung ist keine Schwäche – sie ist eine legitime Positionierung. Wer keine aktive Steuerungsrolle übernehmen möchte, ist bei einem professionell gemanagten Fonds besser aufgehoben als bei einer Direktbeteiligung, die unternehmerische Mitverantwortung über Jahre erfordert. Die Frage nach dem Engagementwillen gehört deshalb vor die Strukturentscheidung – und ist oft das klarste Argument für AIF oder ELTIF.
AIF (KAGB/AIFMD) ist sinnvoll, wenn Prozesssicherheit und Skalierung zählen. Die KVG verantwortet Portfolio- und Risikomanagement, die Verwahrstelle überwacht zentrale Kontrollpunkte. Für Vermögensverwalter, Privatbanken und 34f-Vermittler liegt der Vorteil häufig in der Anschlussfähigkeit: Produkt-Governance, Geeignetheit, Kostentransparenz und Reporting lassen sich standardisiert abbilden. Offene und Geschlossene Ausprägungen erlauben unterschiedliche Liquiditätsprofile.
ELTIF ist sinnvoll, wenn die Strategie langfristig ist und eine europäisch anschlussfähige Produktlogik helfen soll. Ein ELTIF ist ein AIF mit zusätzlichen EU-Leitplanken zu Streuung und – je nach Ausgestaltung – Rückgaberegeln. In der Beratung ist entscheidend, dass Langfristigkeit und Bewertungszyklen strukturelle Realität bleiben. Rückgabeoptionen sind Regeln, keine Zusagen – Fristen, Gates und mögliche Aussetzungen gehören offen auf den Tisch.
Direktbeteiligung ist sinnvoll, wenn Einfluss und Einzelfallpassung den Mehrwert liefern – und alle vier Prüfkriterien belastbar erfüllt sind. Dann lässt sich Governance maßschneidern: Informationsrechte, Vetos, Covenants, Budgetkontrolle, Exit-Mechanik. Ohne ausreichend Kapital, Know-how, Zeit und Managementwillen wird aus Kontrolle schnell eine Scheinkontrolle.
Das erforderliche Know-How des Managements ist für den erwarteten Erfolg aller drei Optionen elementar.
Fall 1: Direktbeteiligung, Mehrfamilienhaus. Ein Unternehmer, 54 Jahre alt, hat nach einem Teilverkauf 800 000 Euro zur Anlage verfügbar. Er kennt Immobilien aus eigener Erfahrung, besitzt bereits Wohn- und Geschäftshäuser und will stabilen Cashflow statt Wertsteigerung. Seine These ist klar: Mietertrag, direkte steuerliche Zurechnung über Finanzierungs- und AfA-Strukturen, kein Fonds-Overhead. Ticket und Expertise stimmen. Er ist bereit, die erforderliche Zeit selbst einzusetzen, kann Substanz, Lage und Mieterstruktur beurteilen und trägt das Klumpenrisiko bewusst – aufgefangen durch das Gesamtvermögen. Verwaltung läuft über einen Hausverwalter, Controlling und steuerliche Begleitung über bestehende Dienstleister. Der Beratungsauftrag liegt in der Strukturierung der Erwerbsgesellschaft, Finanzierungsquote und Exit-Mechanik – nicht in der Produktauswahl.
Fall 2: Publikums-AIF, Wohnimmobilienfonds. Eine 47-jährige Ärztin möchte erstmals Sachwerte beimischen – Ticket 80 000 Euro, kein Interesse an direktem Eigentum, kein Transaktionsnetzwerk, kein Wunsch nach aktivem Management. Ziel: stabile Beteiligung an Wohnimmobilien, Kapitalerhalt, überschaubare Volatilität. Den laufenden Cashflow-Bedarf deckt sie über andere Instrumente im Depot ab – das ist bewusst so.“
Die KVG verantwortet Portfolioaufbau und Bewirtschaftung, die Verwahrstelle kontrolliert zentrale Prozesse, das PRIIPs-KID macht Kosten und Risikoklasse transparent. Im Gespräch klar benennen: geschlossene Laufzeit, kein reguläres Rückgaberecht, Bewertungsrhythmus erklären. Wer das Portfolio anstelle eines Einzelobjekts als Vorteil versteht, ist im richtigen Vehikel.
Fall 3: ELTIF, Infrastruktur und Private Debt. Eine Unternehmerfamilie baut nach einem Unternehmensverkauf systematisch eine Private-Markets-Quote auf. Zeithorizont zwölf bis 15 Jahre, keine Liquiditätsrestriktion auf diesem Kapitalblock, Zielrendite sechs bis acht Prozent p. a. vor Kosten, Ticket 300 000 Euro. Gewünschte Streuung über Infrastruktur und Private Debt – keine Einzelwetten, kein Direktmanagement. Der ELTIF passt: langfristige Realwertinvestments, regulierter Manager, definierte Diversifikationsvorgaben. Rückgabeoptionen stehen bewusst nicht im Vordergrund – die Familie will Planbarkeit, keine Liquidität. Entscheidend in der Due Diligence: Bewertungsmethodik für illiquide Assets, Pacing des Kapitalabrufs, Teamstabilität und Gebührenebenen inklusive Transaktionskosten. Das ELTIF-Label strukturiert den Rahmen, ersetzt aber nicht die Prüfung.
Erstens: Wenn Diversifikation und Dokumentationssicherheit dominieren, führt der Weg meist über AIF oder ELTIF. Zweitens: Wenn der Mandant Einfluss im Einzelfall will – und alle vier Kriterien belastbar erfüllt sind –, ist Direkt oder Co-Investment plausibel. Drittens: Wenn Liquidität kritisch ist, entscheidet nicht das Label, sondern die vertragliche Mechanik und ein realistischer Exit-Plan.
Mechanik vor Marketing: Strategie und Ausschlüsse, Kapitalabruf und Pacing, Liquiditätsregeln – Fenster, Fristen, Gates, Aussetzungen –, Bewertungsmethodik und Musterreporting, Interessenkonflikte und Allokation, Gebührenebenen inklusive Transaktionskosten, Teamstabilität und Entscheidungsprozess. Bei Direktbeteiligungen kommt zwingend das Vertragswerk dazu: Covenants, Informationsrechte, Governance-Kalender und Exit-Mechanik.
Die beste Struktur rettet keine schwache Strategie – und die beste Strategie scheitert an der falschen Struktur. Wer zuerst Assetklasse und Investmentthese sauber formuliert, dann Kapital, Know-how, Zeit und Engagementbereitschaft ehrlich prüft, trifft die Strukturentscheidung fast automatisch richtig.
Erst These und Umsetzungsfähigkeit, dann die Hülle.
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