Mit sogenannten ELTIFs können Privatanleger EU-weit in Sachwerte investieren. Das ist spannend, aber erklärungsbedürftig. Für die Finanzberatung ist das eine Herausforderung – aber es geben sich auch neue Chancen.
08.04.2026 | 09:00 Uhr von «Matthias von Arnim»
Noch vor wenigen Jahren war der European Long-Term Investment Fund – kurz ELTIF – für viele Finanzberater eher ein theoretisches Konstrukt aus Brüssel als ein praktisches Anlageprodukt. Die Idee klang gut: Privatanleger sollten leichter Zugang zu Infrastruktur, Private Equity oder Private Debt bekommen. In der Praxis blieb der Markt jedoch lange klein. Jetzt scheint der Durchbruch näher zu rücken. Die jüngste Marktstudie von Scope beschreibt die Entwicklung mit bemerkenswerter Deutlichkeit: „Der Massenstart ist geglückt.“
Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass der ELTIF-Markt gerade in eine neue Phase eintritt. Für Finanzberater, Vermögensverwalter und andere Intermediäre entsteht damit ein neues Spielfeld – mit Chancen, aber auch mit einigen Stolperfallen. Ein Markt erwacht Lange dümpelte der ELTIF-Markt vor sich hin. Erst die Reform des Regelwerks – häufig als „ELTIF 2.0“ bezeichnet – hat den Rahmen deutlich attraktiver gemacht. Seither wächst der Markt mit erstaunlichem Tempo. Ende 2025 lag das Marktvolumen europaweit bei etwa 34 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von rund 55 Prozent. Auch auf der Produktseite ist Bewegung zu sehen. Allein im vergangenen Jahr kamen laut Scope-Studie 113 neue ELTIFs hinzu – so viele wie noch nie. Gleichzeitig wagten 56 Asset Manager erstmals den Schritt in dieses Segment. Die Scope-Analysten sprechen deshalb von einem Rekordjahr für die Anlageklasse.
Dass sich der Markt verbreitert, zeigt sich auch in seiner Struktur: Die drei größten Fonds vereinen inzwischen nur noch rund zwölf Prozent des gesamten Volumens auf sich – deutlich weniger als noch im Jahr zuvor. Für Finanzintermediäre bedeutet das vor allem eines: Die Produktauswahl wächst schnell – und damit auch der Bedarf an sorgfältiger Selektion.
ELTIFs erfüllen eine Funktion, die in der Vermögensberatung lange fehlte: Sie verpacken klassische Sachwerte-Strategien in ein Vehikel, das sich relativ einfach im Retail-Vertrieb einsetzen lässt. Besonders gefragt sind Strategien aus den Bereichen Private Debt, Infrastruktur und Private Equity. Private Debt hat sich in den vergangenen Jahren als wichtiges Segment etabliert und lag 2024 mit rund 40 Prozent des platzierten Kapitals deutlich vor anderen Assetklassen. Doch auch Infrastruktur und Private Equity stoßen zunehmend auf Interesse. Das ist kein Zufall. Denn in der Beratungspraxis ist es von Vorteil, dass Anleger die zugrunde liegenden Projekte von Infrastrukturinvestments oft intuitiv verstehen – etwa Windparks, Stromnetze oder Solarparks. Bei Private Equity wiederum locken die vergleichsweise hohen Renditeerwartungen.
Gleichzeitig gewinnt eine weitere Kategorie an Bedeutung: diversifizierte Multi-Asset-ELTIFs. Sie bündeln mehrere Privatmarktstrategien in einem Produkt und könnten für viele Privatanleger der erste Schritt in die Welt der illiquiden Anlagen sein.
Einer der wichtigsten Gründe, warum sich in der Vergangenheit nur eine kleine Anlegergruppe für das Thema Sachwertanlage begeistern konnte, liegt in der Struktur und der Laufzeit von klassischen Private-Markets-Fonds. Während klassische Private-Markets-Fonds meist geschlossene Vehikel mit langer Kapitalbindung sind, entwickelt sich bei ELTIFs ein anderer Trend, hin zu mehr Flexibilität: Viele Anbieter setzen hier zunehmend auf semi-liquide oder sogenannte Evergreen-Strukturen. Laut Scope planen rund 40 Prozent der Anbieter überwiegend solche Fonds, weitere 41 Prozent sogar ausschließlich. Die Idee dahinter: Anleger sollen regelmäßig ein- und aussteigen können, ohne dass der langfristige Charakter der Investments verloren geht. Für den Vertrieb erleichtert das die Integration in klassische Vermögensportfolios erheblich.
Doch Vorsicht: Ganz ohne Risiken ist dieser Ansatz nicht. Sobald illiquide Anlagen mit Rückgabemöglichkeiten kombiniert werden, rückt das Liquiditätsmanagement stärker in den Fokus. Das sollten Berater berücksichtigen und ihren Kunden gut erklären.
Wirklich spannend ist die Entwicklung im Vertrieb. ELTIFs waren lange vor allem ein Thema für Privatbanken und spezialisierte Vermögensverwalter. Inzwischen erweitert sich das Spektrum deutlich. So beobachten die Autoren der Scope-Studie eine steigende Aktivität verschiedener Marktteilnehmer – von Banken über unabhängige Finanzberater bis hin zu digitalen Plattformen. Besonders Neo-Broker drängen in dieses Segment und versuchen, ELTIFs einer breiteren Anlegerbasis zugänglich zu machen. Der Wettbewerb im Vertrieb dürfte sich dadurch verschärfen. Gleichzeitig wächst der Druck auf klassische Bankenplattformen, entsprechende Produkte ebenfalls anzubieten. Interessant ist dabei eine Beobachtung aus der Studie: „Früher als erwartet kristallisiert sich heraus, wer im Vertrieb erfolgreich ist. Das sind nicht immer die Anbieter mit den größten Namen.“ Für Berater eröffne dies die Chance, auch mit weniger bekannten Anbietern interessante Lösungen zu finden, so die Autoren der Studie.
So dynamisch der Markt derzeit wächst – ganz ohne Rückschläge bleibt er nicht. 2025 gab es bereits einige Beispiele dafür. So stellte etwa die Private-Markets-Plattform Moonfare im August 2025 nach nur gut einem Jahr den Vertrieb ihrer Private-Equity-ELTIFs ein. Die Nachfrage war hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Zudem sorgte ein Fall von temporär eingeschränkten Rücknahmen („Gating“) bei einem Immobilien-ELTIF für Aufmerksamkeit. Der Greenman OPEN, der in Immobilien des Lebensmitteleinzelhandels investiert, setzte im Herbst vergangenen Jahres die Rücknahme seiner Anteile vorübergehend aus. Um Liquidität zu beschaffen, sollen nun mehrere Immobilien verkauft werden. Jüngst hat sich auch der Emittent Altaroc entschieden, seinen Altaroc Horizon 2024 abzuwickeln, weil das Unternehmen die regulatorischen und strukturellen Vorgaben nicht mehr in vollem Umfang erfüllen wollte.
Ereignisse wie diese erinnern daran, dass illiquide Anlagen auch in einer Fondshülle ihre Besonderheiten behalten. Finanzberater müssen diese Entwicklungen gut im Blick behalten. Schließlich sehen mehr als die Hälfte der in der Studie befragten Anbieter die Gefahr, dass unerfahrene Asset Manager durch Fehler im Liquiditäts- oder Portfoliomanagement dem Ruf der gesamten Branche schaden könnten. Auch enttäuschende Renditen zählen zu den häufig genannten Sorgen. Solche Bedenken aus den Reihen der Emittenten sollten Berater und Vermittler ernst nehmen und ihren Kunden gegenüber auch offen kommunizieren. Das unterstreicht die eigene Beratungskompetenz und schützt gleichzeitig davor, im schlimmsten Fall des Falles eine Mitschuld zugesprochen zu bekommen.
Fazit: Für Finanzintermediäre steht der ELTIF-Markt an einem interessanten Punkt. Die Produkte werden zunehmend verfügbar und könnten sich zu einem wichtigen Zugangskanal für Private Markets entwickeln. Gleichzeitig bleibt die Anlageklasse erklärungsbedürftig. Themen wie Kapitalbindung, Liquiditätsmechanismen oder Bewertung illiquider Assets lassen sich nicht so leicht vermitteln wie bei klassischen Fonds. Für Berater bedeutet das: Wer ELTIFs einsetzen möchte, muss sich intensiver mit den Strategien, den Strukturen und den Managern beschäftigen als bei vielen liquiden Anlageprodukten. Langfristig könnte sich der Aufwand jedoch lohnen. Denn wenn sich die Erwartungen der Branche erfüllen, steht der Markt erst am Anfang seiner Entwicklung. Scope hält es für möglich, dass das ELTIF-Volumen bis 2028 auf 70 bis 80 Milliarden Euro anwächst. Sollte sich diese Prognose bewahrheiten, dürften ELTIFs bald nicht mehr als exotisches Nischenprodukt gelten – sondern als fester Baustein moderner Vermögensallokation.
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