KI-Wertschöpfungskette: Welche Länder weiter profitieren

Dina Ting und Marcus Weyerer, Quelle: Franklin Templeton
Märkte

Das Thema „KI-Investitionen” lässt sich nicht auf ein einzelnes Land beschränken. Ein Verständnis der geografischen Struktur kann ebenso wichtig sein wie die Dimensionierung des Themas selbst.

24.07.2026 | 05:46 Uhr

Taiwan zum Beispiel spielt in der Herstellung hochentwickelter Halbleiter nach wie vor eine zentrale Rolle, während Südkorea und Japan auf ihre jeweilige Weise ebenfalls unverzichtbar sind. Jedes Land ist auf einer anderen Ebene innerhalb der KI-Wertschöpfungskette und des KI-Ökosystems angesiedelt. Diese Differenzierung wird durch ETF-Zuflüsse untermauert. Obwohl Asien in diesem Jahr insgesamt Nettoabflüsse verzeichnet hat, sind diese hauptsächlich auf Abflüsse aus China zurückzuführen.

Hinzu kommt, dass sich die Bewertungsunterschiede zwischen den USA und den internationalen Märkten inzwischen kaum noch ignorieren lassen. Obwohl der S&P 500 im Jahr 2026 Kursgewinne verzeichnet hat, wird er derzeit mit etwa dem 22-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Der europäische Markt hingegen liegt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 16. Diese Diskrepanz in Verbindung mit verbesserten Gewinnerwartungen eröffnet internationalen Märkten die Möglichkeit, die Bewertungslücke zu verringern.

Diese regionalen Unterschiede werden durch die auseinanderlaufende Geldpolitik verstärkt. Während einige Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter straffen, haben andere eine Pause eingelegt oder bereits mit Lockerungen begonnen. Dies führt zu immer unterschiedlicheren makroökonomischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern.

Midyear
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Quellen: Bloomberg WIRP (World Interest Rate Probabilities), Reuters-Umfragen unter Ökonomen sowie Zentralbankerklärungen (Federal Reserve, Europäische Zentralbank, Bank of Japan, Bank of Korea, Reserve Bank of India, Zentralbank der Republik China [Taiwan], People’s Bank of China, Banco Central do Brasil). RRR ist eine Art von Bankvorschrift und steht für „Reserve Requirement Ratio“ (Mindestreservesatz). Konsensschätzungen per 30. Juni 2026.

China: Über kurzfristige Schlagzeilen schauen

China hat sich im ersten Halbjahr weiterhin unterdurchschnittlich entwickelt und einen Rückgang von über 13 % verzeichnet. Grund dafür war die weiterhin verhaltene Inlandsnachfrage und die anhaltende Belastung der Marktstimmung durch den Immobiliensektor. Dennoch wird der Markt derzeit auf Basis der erwarteten Gewinne mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 11,4 gehandelt – deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt[1]. Das deutet darauf hin, dass erhebliche wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten bereits in den Bewertungen berücksichtigt sind.

Wichtig ist, dass sich die Anlageargumente über reine Bewertungskriterien hinaus weiterentwickeln. China lenkt nach wie vor Kapital in die Bereiche fortschrittliche Fertigung, künstliche Intelligenz, Halbleiter und strategische Technologien. Gleichzeitig baut das Land seine Investitionen in wissenschaftliche Forschung und Hochschulbildung aus. Inzwischen bringt das Land jährlich deutlich mehr Absolventinnen und Absolventen in den MINT-Fächern hervor als die USA. Zudem hat es sich zu einem der weltweit führenden Standorte für wissenschaftliche Spitzenforschung entwickelt. Obwohl geopolitische Spannungen nach wie vor ein bedeutendes Risiko darstellen, scheinen die aktuellen Bewertungen zunehmend von Chinas Innovationspotenzial losgelöst zu sein. Für langfristig orientierte Anleger, die bereit sind, über kurzfristige Schlagzeilen hinauszublicken, halten wir das Risiko-Rendite-Profil für durchaus attraktiv.

Brasilien übertrifft den S&P 500

Der brasilianische Aktienindex, der sich durch eine ganz andere Branchenzusammensetzung auszeichnet, erzielte im ersten Halbjahr 2026 eine Rendite von 13,3 % und übertraf damit den S&P 500. Die Bereiche Finanzen, Rohstoffe und Energie trugen maßgeblich zur Stärke des Marktes bei und verdeutlichen, dass sich die Marktführerschaft von der KI-Infrastruktur zunehmend auf zyklischere und stärker substanzorientierte Branchen ausweitet. Da die Inflationsdaten für Juni leicht unter den Erwartungen lagen, rechnen die Märkte mit einem größeren Spielraum für weitere geldpolitische Lockerungen im weiteren Jahresverlauf. Dies könnte die Binnennachfrage und stärker zinssensitive Sektoren zusätzlich unterstützen. Auch wenn die fiskalische Disziplin weiterhin ein wichtiger Aspekt ist, den es zu beobachten gilt, könnte die Kombination aus attraktiven Bewertungen und zyklischen Rückenwinden Brasilien weiterhin von anderen Schwellenländern abheben.

Indien: BIP-Wachstum von 6,4 % für 2026 erwartet

Indiens Entwicklung im ersten Halbjahr war eher durchwachsen, und aufgrund der hohen Marktbewertung ist der Spielraum für Enttäuschungen geringer. Die langfristigen strukturellen Perspektiven des Landes bleiben jedoch intakt. Gestützt werden sie durch eine vorteilhafte demografische Entwicklung, den Ausbau der digitalen Infrastruktur und anhaltende Investitionen im verarbeitenden Gewerbe. Die Entwicklung der einzelnen Sektoren verlief seit Jahresbeginn uneinheitlich: Die Bereiche Versorgung, Industrie und Gesundheitswesen leisteten einen positiven Beitrag, während die Sektoren Informationstechnologie und Energie sich negativ auswirkten.

Nach mehreren Jahren mit einer führenden Marktposition zählt Indien nach wie vor zu den teureren Schwellenländern. Die fortlaufende Entwicklung der Infrastruktur stärkt die Position des Landes innerhalb der globalen Lieferketten, und der Internationale Währungsfonds prognostiziert weiterhin, dass Indien zu den am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften der Welt gehören wird. Für das Jahr 2026 wird ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 6,4 % erwartet.

Asien: Der Bereich der KI-Infrastruktur weitet sich aus

Asien spielt auch in der nächsten Phase des KI-Investitionszyklus weiterhin eine zentrale Rolle, doch die Situation ist inzwischen vielschichtiger geworden. Der Ratschlag „Halbleiter kaufen“ alleine ist nicht mehr ausreichend. Während Technologien im Bereich der künstlichen Intelligenz nach wie vor die Renditen dominieren, deutet die Entwicklung im ersten Halbjahr darauf hin, dass sich die Vorteile zunehmend auch auf angrenzende Branchen und die heimischen Volkswirtschaften ausweiten.

Der breiter gefasste Markt in Taiwan verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 einen Anstieg von fast 70 %, der überwiegend vom Technologiesektor getragen wurde. Auf diesen entfielen rund drei Viertel der Indexgewichtung sowie der überwiegende Teil der absoluten Renditen. Auch der Finanzsektor leistete einen positiven Beitrag, während die Bereiche Basiskonsumgüter und Versorgung moderate Zuwächse verzeichneten. Dies deutet darauf hin, dass KI-getriebene Investitionen zunehmend über die Halbleiterfertigung hinaus breitere wirtschaftliche Impulse setzen.

Südkorea war mit einer Rendite von 101 % im ersten Halbjahr der Spitzenreiter. Der IT-Sektor leistete mit weitem Abstand den größten Beitrag. Doch auch die Sektoren Industrie und zyklische Konsumgüter verzeichneten deutliche Zuwächse, da sich die Investitionen in die KI-Infrastruktur über Speicherchips hinaus auf Fertigungsanlagen, Automatisierung und die gesamte Lieferkette ausweiteten. Die jüngste Begeisterung der Anleger für das südkoreanische Technologie-Ökosystem, die sich unter anderem in der außergewöhnlich hohen Nachfrage nach dem US-Börsengang eines führenden Speicherchip-Unternehmens zeigt, unterstreicht die anhaltende Zuversicht, dass sich der Ausbau der KI-Infrastruktur weiterhin in einer frühen Phase befindet.

Die Erfahrungen Japans verdeutlichen eine andere Form der Marktausweitung. Der Markt erzielte eine Rendite von rund 15 %. Die Gewinne waren dabei jedoch auf die Sektoren Finanzwesen, Industrie, Rohstoffe und Technologie verteilt und nicht auf einen einzelnen Sektor konzentriert. Aus unserer Sicht spiegelt dies nicht nur KI-bezogene Investitionen wider, sondern auch die anhaltenden Effekte von Corporate-Governance-Reformen, aktionärsfreundlichen Maßnahmen und erneuten Investitionen in fortschrittliche Fertigungstechnologien. In der Summe verdeutlichen diese Märkte, dass die nächste Phase der KI weniger von einigen wenigen Technologieführern als vielmehr von einem zunehmend globalen Ökosystem von Unternehmen geprägt sein dürfte, die die zugrunde liegende Infrastruktur entwickeln, betreiben und ermöglichen.


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