Die Bondwelt trägt Trauer. Jim Leaviss ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Der langjährige M&G-Anleihechef prägte über Jahrzehnte die Fixed-Income-Welt – nicht nur mit seinem Investment-Know-how, sondern auch mit einem Humor, der in der oft nüchternen Fondsbranche seinesgleichen suchte.
30.07.2026 | 11:45 Uhr von «Jörn Kränicke»
Es gibt Menschen aus der Finanzbranche, die man nach einer Begegnung nicht so schnell vergisst. Jim Leaviss gehörte zweifellos dazu. Als ich ihn vor über zwei Jahrzehnten erstmals in London traf, lagen zwei intensive Tage mit Vorträgen und Seminaren bei M&G hinter uns. Danach ging es – ganz britisch – in den Pub. Dort zeigte Leaviss eine andere Seite als der hoch angesehene Anleiheexperte: entspannt, humorvoll und voller Geschichten.
Die Nachricht von Leaviss Tod hat in der internationalen Investmentbranche große Bestürzung ausgelöst. Er war über 27 Jahre bei M&G tätig und entwickelte sich dort zu einer der prägenden Persönlichkeiten des Fixed-Income-Geschäfts. Er kam 1997 zum Unternehmen und war zuletzt Chief Investment Officer für Fixed Income. Sein Vermächtnis reicht jedoch weit über die von ihm verwalteten Milliarden hinaus. Leaviss verstand es wie nur wenige, die vermeintlich trockene Welt der Anleihen verständlich, unterhaltsam und manchmal sogar absurd wirken zu lassen.
Besonders eng verbunden ist sein Name mit dem 2006 gegründeten Blog Bond Vigilantes. Gemeinsam mit seinem Team analysierte Leaviss dort Entwicklungen an den Anleihemärkten, lange bevor Blogs zum festen Bestandteil der Finanzkommunikation wurden. Er kommentierte die globale Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise, die Pandemie, die Inflationswelle und die Turbulenzen am britischen Anleihemarkt. Dabei blieb es selten bei nüchterner Marktanalyse. Leaviss liebte ungewöhnliche Perspektiven und scheute sich nicht, den Finanzbetrieb selbst auf die Schippe zu nehmen. Unvergessen dürfte sein Auftritt als „Super Jim Leavissio“ bleiben: In einem Super-Mario-Kostüm fuhr er mit einem Go-Kart durch Tokio und erklärte dabei die japanische Wirtschaft und den dortigen Anleihemarkt.
Auch seine Leidenschaft für das Rennrad fand Eingang in den Blog. In einem weiteren legendären Video versuchte Leaviss gemeinsam mit Kollegen auf Kinderrädern eine hölzerne Rennstrecke bei der Rochelle Canteen in Shoreditch zu bewältigen – musikalisch begleitet von „Tour de France“ von Kraftwerk. Die Idee entstand im Geiste des Triumphs des britischen Teams in Peking 2008. Das war nicht bloß Selbstzweck. Leaviss hatte die seltene Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge so zu vermitteln, dass auch Menschen außerhalb der Bond-Welt zuhören wollten.
Im Juli 2024 verabschiedete sich Leaviss nach 27 Jahren von M&G. Er schlug dabei einen ungewöhnlichen neuen Weg ein: Statt seine Karriere in der Finanzbranche fortzusetzen, begann er ein Masterstudium in Kunstgeschichte. Sein Schwerpunkt lag auf der Moderne in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen – auf Bauhaus, dem Berlin von Christopher Isherwood, Fritz Lang und Otto Dix. Es passte zu einem Menschen, der sich nie ausschließlich über seinen Beruf definierte.
In seinem Abschiedsbeitrag für den Bond-Vigilantes-Blog schrieb Leaviss über seine Leidenschaft für Musik, Fahrräder, Fußball (Nottingham Forest) und natürlich Anleihen. Seine persönliche Liste der fünf besten Bands der Welt umfasste New Order, The Velvet Underground, The Smiths/Morrissey, LCD Soundsystem und David Bowie.
Bei aller Kreativität war Leaviss vor allem ein herausragender Investmentexperte. M&G würdigte ihn als jemanden, der maßgeblich am Aufbau und an der Entwicklung des Fixed-Income-Geschäfts beteiligt war. Als er 1997 zu M&G kam, bestand das Team aus gerade einmal vier Personen. Bei seinem Abschied verwalteten sie mehr als 130 Milliarden Pfund an Anleihen und verfügten über mehr als 40 Kreditanalysten. Leaviss selbst betonte stets, wie wichtig die Menschen hinter diesem Erfolg waren. Er sprach mit großer Wertschätzung über Kollegen, Kunden und Journalisten, die seine Ideen aufgriffen und hinterfragten. Besonders wichtig war ihm auch die Weitergabe seines Wissens. M&G beschreibt ihn als großzügigen Mentor, der zahlreiche Kollegen gefördert und eine Generation von Investmenttalenten geprägt habe.
Vielleicht ist genau das sein größtes Vermächtnis: nicht nur die Investmentphilosophie und das Fixed-Income-Geschäft, das er mit aufgebaut hat, sondern die Menschen, die von ihm gelernt haben. Jim Leaviss war ein Anleihemanager, der Bonds spannend machen konnte. Ein Investmentprofi, der keine Angst davor hatte, sich selbst im Super-Mario-Kostüm durch Tokio zu fahren. Und ein Mensch, der offenbar wusste, dass ein erfülltes Leben aus mehr besteht als aus Märkten, Renditen und Portfolios.
Bonds, Fußball, Fahrräder und Bands – so fasste Leaviss selbst seine Leidenschaften zusammen. Treffender hätte man ihn kaum beschreiben können.
M&G hat ein virtuelles Kondolenzbuch eingerichtet, in dem Erinnerungen geteilt werden können: Jim Leaviss | 1971 - 2026 | Online-Tribute.com
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