Ab 2028 soll die Kapitalrente kommen: TiAM FundResearch hat für 30-, 40- und 50-Jährige durchgerechnet, wie viel Kapital sich bis zur Rente ansparen lässt. Die Ergebnisse liefern Anlageberatern gute Argumente, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen.
03.07.2026 | 07:00 Uhr von «Matthias von Arnim»
Zwei Prozent vom Bruttogehalt, ein öffentlich verwalteter Fonds, Start 2028 – so nüchtern liest sich das, was gerade die deutsche Altersvorsorge umkrempeln soll. Die Alterssicherungs-Kommission hat ihren Abschlussbericht vorgelegt, Kanzler Friedrich Merz hat sich hinter das komplette Paket gestellt, und im Parlament soll die Sache noch in diesem Jahr entschieden werden. Im Zentrum der Reform steht ein neues, verpflichtendes Sparelement innerhalb der gesetzlichen Rente, das anders als bisher am Kapitalmarkt statt im Umlagesystem funktioniert – die sogenannte Kapitalrente, konzipiert nach schwedischem Vorbild. TiAM FundResearch hat nachgerechnet, wieviel am Ende für Sparer wirklich übrigbleibt – für 30-, 40- und 50-Jährige.
Kern des Vorschlags: ein neuer Pflichtbeitrag von zwei Prozent des Bruttolohns, hälftig aufgeteilt zwischen Beschäftigten und Unternehmen. Jeder Versicherte erhält dafür ein eigenes Kapitalkonto, dessen Guthaben zentral gepoolt und breit gestreut an den Börsen investiert wird – ein Prinzip, das die Schweden mit ihrem Rentensystem seit den Neunzigerjahren vormachen. Voll fällig wird der Satz nicht sofort: Von 2028 an klettert er in vier Jahresschritten à 0,5 Prozentpunkte, erst 2031 ist die komplette Zwei-Prozent-Marke erreicht. Am regulären Rentenbeitrag von 18,6 Prozent ändert sich dadurch nichts, die Kapitalrente kommt als zusätzliche Zeile auf der Gehaltsabrechnung obendrauf. Zur Einordnung: Bei einem Bruttogehalt von 4.000 Euro sind das, sobald der volle Satz greift, 80 Euro im Monat – aufgeteilt auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
Der Renteneintritt mit 67 Jahren ist dabei keine Neuerung dieser Reform. Diese Grenze gilt für die Jahrgänge bis 1964 bereits länger und wird bis 2031 in mehreren Stufen erreicht. Sie bildet die Rechengrundlage für alle folgenden Beispiele.
Wie stark sich die Kapitalrente am Ende auszahlt, hängt weniger von der Rendite ab als vom Faktor Zeit. Eine Modellrechnung illustriert das anschaulich, wenn man sie in Monatsgehältern statt in Euro ausdrückt: Nach zehn Jahren Ansparzeit summieren sich die Beiträge beider Seiten auf etwa zwei Monatsgehälter, und selbst bei fünf Prozent Rendite wächst daraus nur ein Guthaben von rund zweieinhalb Monatsgehältern – ein überschaubarer Aufschlag.
Ganz anders nach 30 Jahren: Aus knapp sieben eingezahlten Monatsgehältern werden bei gleicher Rendite mehr als 14 Monatsgehälter, das Kapital legt also gut das Doppelte über die reine Einzahlungssumme hinaus zu. Der Vergleich zeigt, worauf es bei der Kapitalrente wirklich ankommt: nicht auf die perfekte Fondsauswahl, sondern auf einen möglichst frühen Einstieg. Nur wer Jahrzehnte Zeit hat, profitiert wirklich vom Zinseszins – bei kurzen Laufzeiten bleibt selbst eine hohe Rendite ein Randfaktor. Die Berechnung von TiAM FundResearch zeigt dieses Muster anschaulich und liefert die Basis für die folgenden Beispielrechnungen: Startgehalt 2028 rund 57.400 Euro brutto im Jahr (die Destatis-Median-Vergütung von Vollzeitbeschäftigten, hochgerechnet auf 2028), jährliches Gehaltswachstum von zwei Prozent, Renteneintritt mit 67 Jahren, und Anlagerenditen von fünf, sieben und neun Prozent pro Jahr – ein realistisches Spektrum zwischen konservativem Rentenfonds und global gestreutem Aktienportfolio.
Für heute 30-Jährige beginnt die Ansparphase 2028 im Alter von 32 Jahren und läuft bis zum Renteneintritt mit 67 – also 35 Jahre. Das ist der Zeitraum, in dem der Zinseszinseffekt sein volles Potenzial entfaltet.
Bei fünf Prozent Rendite verdoppelt sich der eingezahlte Betrag also mehr als, bei neun Prozent fast verfünffacht er sich. Der Unterschied zwischen dem konservativsten und dem chancenreichsten Szenario beträgt am Ende rund 145.000 Euro – allein durch die gewählte Anlagestrategie (siehe auch Chart).
Quellen: Alterssicherungskommission / FAQ der Bundesregierung zur Rentenreform (bundesregierung.de); LOHN24; Statistisches Bundesamt (Destatis, Verdiensterhebung); eigene Berechnungen TiAM FundResearch. Alle Angaben basieren auf dem aktuellen Kommissionsvorschlag und können sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren noch ändern.
Bei 40-Jährigen verkürzt sich die Ansparphase auf 25 Jahre, von 2028 bis 2053. Der Zinseszinseffekt wirkt spürbar schwächer, weil ein Jahrzehnt Aufbauzeit fehlt.
Selbst mit neun Prozent Rendite erreichen 40-Jährige nicht annähernd das Endkapital, das 30-Jährige schon bei fünf Prozent Rendite einfahren. Zehn Jahre früherer Start schlagen also jede Renditeoptimierung.
Für heute 50-Jährige bleiben nur noch 15 Jahre bis zur Rente, von 2028 bis 2043. Hier zeigt sich die Kehrseite der Reform besonders deutlich: Wer spät einsteigt, kann mit der Kapitalrente allein keine tragende zusätzliche Altersvorsorge mehr aufbauen.
Zum Vergleich: 60-Jährige, denen bis zur Rente nur noch sieben Jahre bleiben, schaffen laut TiAM-Berechnungen nur ein Guthaben zwischen 12.800 und 14.000 Euro. Weil so wenig Zeit für den Zinseszinseffekt bleibt, liegen die drei Renditevarianten hier eng beieinander – die Wahl der Anlagestrategie macht kaum noch einen Unterschied.
So verlockend die Beispielrechnungen für junge Sparer aussehen: Beschlossen ist noch nichts. Und ob am Ende tatsächlich die in den Modellrechnungen genannten Summen bei den Sparern ankommen, hängt stark davon ab, wie schlank die Verwaltung des künftigen Fonds organisiert wird. Jeder Prozentpunkt Kosten frisst direkt an der Rendite. Und natürlich bleibt das Marktrisiko real. Anders als die umlagefinanzierte gesetzliche Rente hängt die Kapitalrente unmittelbar von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab, samt aller Schwankungen, die dazugehören.
Für Anlageberater bietet die geplante Einführung der Kapitalrente einen Anlass, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen, das Konzept zu erklären und grundsätzlich auf die Chancen des Kapitalmarkts hinzuweisen. Besonders jüngere Zielgruppen könnten schnell realisieren, wie mächtig der Zinseszins-Hebel über Jahrzehnte wirkt. Anlegern über 50 dagegen kann verdeutlicht werden, dass sie sich nicht darauf verlassen können, dass zwei Prozent vom Gehalt die Rentenlücke noch schließen werden. Für sie bleiben freiwillige zusätzliche Bausteine wie Fondssparpläne, ETFs oder die betriebliche Altersvorsorge weiterhin die relevanteren Stellschrauben. Für die Anlageberatung ist das eine große Chance.
Mehr über die Kapitalrente, das Altersvorsorgedepot und weitere Themen zur Altersvorsorge lesen Sie hier https://www.fundresearch.de/altersvorsorge/
Diesen Beitrag teilen: