Neue Ideen für den alten Kontinent: Prof. Dr. Funda Tekin und Prof. Dr. Thomas Druyen diskutieren mit Moderator Peter Gewalt auf Einladung des Bankhauses Bauer über Europas Zukunft zwischen geopolitischen Krisen, wirtschaftlichem Wandel und technologischer Transformation.
17.09.2026 | 13:00 Uhr von «Peter Gewalt»
Europa steht unter Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, ein zunehmend unberechenbares transatlantisches Verhältnis, wachsende geopolitische Spannungen und die technologische Aufholjagd gegenüber den USA und China stellen die Europäische Union vor Herausforderungen, die weit über das übliche Krisenmanagement hinausgehen. Über die Frage, wie sich Europa in diesem Umfeld behaupten kann, diskutierten Funda Tekin, Direktorin des Instituts für Europäische Politik, und Zukunftsforscher Thomas Druyen bei einem Gesprächsabend des Bankhaus Bauer in den Räumen der FUNKE Mediengruppe. Durch den Abend führte Peter Gewalt, Chefredakteur der TiAM-Gruppe. Rund 70 geladene Gäste aus Wirtschaft, Finanzbranche und Unternehmertum verfolgten die Diskussion.
Dabei wurde schnell deutlich: Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob sich Europa verändert. Die Frage ist, wie Europa mit den tiefgreifenden Veränderungen umgeht, die bereits im Gange sind. Der Abend spannte den Bogen von geopolitischen Risiken über wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit bis hin zu den psychologischen Folgen eines beschleunigten Wandels. „Europa ist eine gute Sache. Aber Europa ist kein Selbstläufer. Und ich weigere mich, Europa sich selbst zu überlassen“, sagte Tekin gleich zu Beginn der Diskussion.
Für die Europa-Expertin ist die aktuelle Lage deshalb so außergewöhnlich, weil mehrere Krisen gleichzeitig wirken. Finanzkrise, Brexit, Pandemie und geopolitische Konflikte hätten sich nicht abgelöst, sondern überlagerten sich und verstärkten ihre Wirkung gegenseitig. „Die aktuellen Krisen satteln sich auf die vorherigen Krisen auf. Das ist mehr als eine Aneinanderreihung von Herausforderungen.“
Hinzu komme ein politischer Wandel innerhalb Europas selbst. Rechtspopulistische Parteien stellten die europäische Integration zunehmend infrage, allerdings nicht mehr durch Forderungen nach einem Austritt aus der Europäischen Union. „Die Strategie lautet heute nicht mehr Austritt, sondern Umstrukturierung. Europa soll nationaler und intergouvernementaler werden.“
Gleichzeitig warnte Tekin davor, Europas Handlungsmöglichkeiten zu unterschätzen. Mit seinem Binnenmarkt verfüge die Europäische Union weiterhin über erhebliches wirtschaftliches Gewicht. Handelsabkommen und neue strategische Partnerschaften könnten dazu beitragen, Europas Position in einer zunehmend von den USA und China geprägten Weltordnung zu stärken.
Besonders intensiv wurde die wirtschaftliche Zukunft Europas diskutiert. Die Ausgangslage ist anspruchsvoll: Während amerikanische Technologiekonzerne die globalen Kapitalmärkte dominieren und China seine industrielle Stärke ausbaut, kämpft Europa mit schwachem Wachstum, Investitionsdefiziten und bürokratischen Hemmnissen.
Nach Ansicht von Tekin hat sich das bisherige europäische Wirtschaftsmodell weitgehend überholt. Billige Energie aus Russland, stabile geopolitische Rahmenbedingungen und starke Absatzmärkte in China gehörten der Vergangenheit an. Nun gehe es darum, Europas Innovationskraft neu zu beleben und deutlich mehr Investitionen in Zukunftstechnologien zu ermöglichen. Dabei spiele auch der Abbau von Regulierung und Bürokratie eine zentrale Rolle.
Besonders beim Thema Künstliche Intelligenz sieht die Politikwissenschaftlerin dringenden Handlungsbedarf. Europa müsse aufholen, ohne dabei die gesellschaftlichen und demokratischen Auswirkungen der technologischen Entwicklung aus dem Blick zu verlieren. Künstliche Intelligenz werde Wirtschaft, Politik und Arbeitswelt gleichermaßen verändern und damit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden.
Für den nachfolgenden Impuls von Thomas Druyen war die politische und wirtschaftliche Analyse allerdings nur ein Teil der Geschichte. Der Zukunftsforscher rückte die gesellschaftlichen und psychologischen Folgen des Wandels in den Mittelpunkt und beschrieb die Gegenwart als eine Phase beispielloser Beschleunigung. „Wir erleben die größte psychische Belastung, mit der die Menschheit bislang konfrontiert war.“
Digitalisierung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz hätten die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen so stark erhöht, dass traditionelle Institutionen kaum noch Schritt halten könnten. Politik, Bildungssysteme und Unternehmen seien mit Entwicklungen konfrontiert, deren Tragweite vielfach noch unterschätzt werde. Gleichzeitig entstünden neue Unsicherheiten, die sich auf politische Einstellungen, gesellschaftliche Debatten und wirtschaftliche Entscheidungen auswirkten.
Besonders kritisch sieht Druyen die europäische Neigung zur Absicherung und Regulierung. Während in anderen Weltregionen hohe Risiken eingegangen würden, dominierten in Europa häufig Vorsicht und Verwaltungsdenken. „Wir haben uns selbst überholt. Wir sind derartig hinter die Flutwelle geraten, dass alles jetzt über uns her schwappt.“
Dabei gehe es nicht allein um Technologie, sondern um eine grundsätzliche Haltung gegenüber Zukunft und Veränderung. Europa brauche mehr Mut zu Innovationen, mehr unternehmerischen Pioniergeist und eine deutlich größere Bereitschaft, neue Geschäftsmodelle und Technologien aktiv zu fördern. „Wir müssen investieren in neue Technologien. Europa muss sich aufmachen, etwas wirklich Konkurrenzfähiges auf die Beine zu stellen.“
Druyen warb dafür, den Epochenbruch nicht ausschließlich als Bedrohung zu verstehen. Die Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen werde weiter zunehmen. Umso wichtiger sei es, Neugier, Lernbereitschaft und Offenheit für Neues zu fördern. Gerade jüngere Generationen gingen häufig deutlich unbefangener mit digitalen Technologien und Künstlicher Intelligenz um als ältere Jahrgänge. Dies könne sich langfristig als wichtiger Standortvorteil erweisen, wenn Politik, Wirtschaft und Bildung die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.
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