Ray Dalio sieht die USA in einer kritischen Phase des langfristigen Schuldenzyklus. Steigende Langfristzinsen, ein schwächerer Dollar und die wachsende Staatsverschuldung seien Warnsignale. Der Bridgewater-Gründer erklärt, wann eine Schuldenkrise drohen könnte und welche Anlagen er bevorzugt.
25.08.2026 | 10:15 Uhr
Die Entwicklung am US-Anleihemarkt bestätigt aus Sicht von Ray Dalio ein Muster, vor dem der Gründer von Bridgewater Associates seit Jahren warnt. In einem ausführlichen Beitrag auf LinkedIn beschreibt Dalio die jüngsten Bewegungen bei US-Staatsanleihen, dem Dollar und Gold als mögliche Symptome eines fortgeschrittenen Schuldenzyklus. Auslöser für seine Analyse sind mehrere Entwicklungen, die aus seiner Sicht zeitlich zusammenfallen: steigende Renditen langlaufender US-Staatsanleihen, eine nachlassende Nachfrage nach US-Schuldtiteln, ein schwächerer Dollar sowie die Ankündigung des US-Finanzministeriums, Staatsanleihen zurückzukaufen. Auch Japans Verkauf von US-Staatsanleihen zur Unterstützung des Yen und des heimischen Kapitalmarkts ordnet Dalio in dieses Bild ein. Für den Starinvestor sind diese Ereignisse kein Zufall. Sie passten vielmehr zu dem von ihm beschriebenen „Big Debt Cycle“, einem langfristigen Prozess, in dem die Verschuldung und die Kosten des Schuldendienstes immer weiter steigen.
Dalio beschreibt die Funktionsweise einer Schuldenkrise anhand eines einfachen Mechanismus: Solange Kredite produktiv eingesetzt werden und daraus genügend Einkommen entsteht, um Zinsen und Tilgung zu bedienen, sei hohe Verschuldung grundsätzlich beherrschbar. Problematisch werde es, wenn die Schulden schneller wachsen als die Einnahmen und die Zinslast zunehmend andere Ausgaben verdrängt. Irgendwann könne ein weiterer kritischer Punkt erreicht werden: Die Menge der zu finanzierenden und zu refinanzierenden Staatsschulden übersteigt die Nachfrage der Investoren. Dann bleiben nach Dalios Darstellung im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Entweder steigen die Zinsen, um zusätzliche Käufer anzulocken – mit negativen Folgen für Wirtschaft und Kapitalmärkte. Oder die Zentralbank greift ein und kauft selbst Staatsanleihen, indem sie zusätzliches Geld schafft. Dies wiederum könne den Wert der Währung schwächen und den Inflationsdruck erhöhen. Dalio sieht darin eine gefährliche Abwärtsspirale: Steigende Zinskosten führen zu höherem Finanzierungsbedarf, der wiederum neue Schulden erforderlich macht. Reicht die Nachfrage am freien Markt nicht aus, könnte die Zentralbank zunehmend zur Finanzierung des Staates beitragen.
Nach Dalios Analyse sollten Anleger vor allem drei Faktoren beobachten: Erstens das Verhältnis der staatlichen Zins- und Tilgungslasten zu den Staatseinnahmen. Zweitens das Verhältnis zwischen dem Angebot neuer Staatsanleihen und der Nachfrage nach ihnen. Drittens den Umfang, in dem eine Zentralbank durch zusätzliche Liquidität und Anleihekäufe eine fehlende Marktnachfrage kompensiert. In einem fortgeschrittenen Stadium des Schuldenzyklus zeige sich die Entwicklung laut Dalio häufig zunächst am langen Ende des Anleihemarktes. Langfristige Renditen steigen, die Währung verliert an Wert – insbesondere gegenüber Gold – und das Finanzministerium verkürzt die Laufzeiten seiner Schuldenemissionen, weil die Nachfrage nach langfristigen Anleihen nicht mehr ausreicht.
Besonders kritisch bewertet Dalio die Lage der US-Staatsfinanzen. Nach seiner Rechnung stehen Staatseinnahmen von rund 5,5 Billionen Dollar jährlichen Ausgaben von etwa 7,5 Billionen Dollar gegenüber. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit von rund 2 Billionen Dollar. Gleichzeitig beziffert Dalio die Zinszahlungen auf die US-Staatsschulden auf rund 1 Billion Dollar. Hinzu kommt die Refinanzierung fällig werdender Schulden. Nach seinen Angaben summieren sich Zins- und Tilgungsverpflichtungen auf rund 11 Billionen Dollar. Entscheidend sei dabei, dass ein großer Teil der fälligen Schulden durch neue Anleihen ersetzt werden müsse. Bleibt die gegenwärtige Entwicklung unverändert, könnten die US-Staatsschulden nach Dalios Einschätzung in zehn Jahren auf 55 bis 60 Billionen Dollar steigen. Damit würde auch die Zinslast weiter zunehmen und den fiskalischen Handlungsspielraum des Staates zunehmend einschränken.
Um eine spätere, deutlich schmerzhaftere Anpassung zu verhindern, schlägt Dalio eine „3-Prozent-Drei-Teil-Lösung“ vor. Ziel sei es, das US-Haushaltsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu reduzieren. Erreicht werden soll dies durch eine Kombination aus drei Maßnahmen: niedrigeren Staatsausgaben, höheren Steuereinnahmen und sinkenden Zinsen. Nach Dalios Vorstellung sollten Ausgabenkürzungen und höhere Steuereinnahmen jeweils rund fünf Prozent gegenüber der bisherigen Planung ausmachen. Gleichzeitig müssten die Zinsen um etwa 1 bis 1,5 Prozentpunkte sinken. Wichtig ist Dalio dabei, dass die Anpassung nicht durch einen künstlich erzwungenen Zinsrückgang der Federal Reserve erfolgt. Die Lösung müsse vielmehr auf realwirtschaftlichen und fiskalischen Anpassungen beruhen.
Eine exakte Prognose sei nicht möglich, räumt Dalio ein. Der Zeitpunkt könne durch politische Entscheidungen, Kriege oder andere externe Schocks beschleunigt oder hinausgezögert werden. Eine deutliche Reduzierung des Haushaltsdefizits könnte die Risiken seiner Ansicht nach erheblich verringern. Gleichwohl nennt Dalio einen konkreten Zeithorizont: Sollte sich an der gegenwärtigen Entwicklung nichts ändern, hält er eine schwere Schuldenkrise in etwa drei Jahren für möglich – mit einer Unsicherheit von plus oder minus zwei Jahren. Das ist ausdrücklich eine persönliche Einschätzung des Investors und keine belastbare Prognose. Dennoch macht die Warnung deutlich, wie stark das Thema Staatsverschuldung inzwischen auch bei prominenten Marktbeobachtern in den Fokus rückt.
Für Anleger leitet Dalio aus seiner Analyse eine klare Konsequenz ab: Portfolios sollten über verschiedene Anlageklassen und Länder hinweg breit diversifiziert sein. Staaten und Märkte mit soliden Bilanzen und vergleichsweise stabilen politischen und geopolitischen Rahmenbedingungen könnten dabei attraktiver sein. Staatsanleihen sieht er dagegen kritisch. Dalio empfiehlt, Schuldpapiere eher unterzugewichten und Gold stärker zu berücksichtigen. Ein Anteil von etwa 10 bis 15 Prozent Gold könne nach seiner Einschätzung sowohl das Risiko eines Portfolios reduzieren als auch dessen langfristige Rendite verbessern. Daneben sieht er auch eine kleinere Beimischung von Bitcoin als mögliche Absicherung gegen eine Abwertung staatlicher Währungen. (jk)
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