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Studie: Europas Sparer verzichten auf 1,16 Billionen Euro

Sparer verzichten auf viel Geld
Studie

Eine Studie von Invesco und dem Centre for Economics and Business Research zeigt: Nicht fehlende Anlageangebote, sondern Verlustängste und mangelndes Vertrauen halten viele Sparer vom Kapitalmarkt fern.

29.09.2026 | 14:00 Uhr

Europas Sparer haben in den vergangenen zehn Jahren möglicherweise viel Geld verschenkt – allerdings nicht im wörtlichen Sinn. Nach einer Studie von Invesco und dem Centre for Economics and Business Research (Cebr) hätten private Haushalte in Deutschland, Großbritannien und Italien zwischen 2015 und 2025 zusammen bis zu 1,16 Billionen Euro zusätzliches Vermögen aufbauen können, wenn sie die Hälfte ihrer jährlichen Sparbeiträge statt vollständig auf Konten zu halten in ein weltweit diversifiziertes Aktienportfolio investiert hätten. Auf Deutschland entfallen dabei bis zu 526 Milliarden Euro. 

Die Studie kommt damit zu einem bemerkenswerten Schluss: Das größte Problem für die Geldanlage ist inzwischen offenbar nicht mehr der Zugang zum Kapitalmarkt. ETFs, digitale Plattformen, niedrige Mindestanlagebeträge und vereinfachte Depoteröffnungen haben die technischen Einstiegshürden deutlich gesenkt. Trotzdem bleibt ein erheblicher Teil der privaten Ersparnisse auf Konten liegen. Die Autoren sehen die entscheidende Lücke deshalb weniger bei den Produkten als beim Verhalten der Sparer. 

Angst ist größer als fehlendes Wissen 

Für die Untersuchung wurden 6.000 Erwachsene in Deutschland, Großbritannien und Italien befragt. Je Land wurden 1.000 Anleger und 1.000 Sparer einbezogen. Als Sparer galten Personen mit mindestens 5.000 Pfund (5830 Euro) Ersparnissen, die keine Anlagen hielten – Anleger mussten mindestens 5.000 Pfund Anlagevermögen besitzen. 

Die Befragung wurde von Opinium zwischen Ende März und Ende April 2026 durchgeführt. Die Stichprobe ist damit vor allem für den Vergleich definierter Sparer- und Anlegergruppen angelegt und nicht als Abbild der Bevölkerungsverteilung zu verstehen. Das zentrale Ergebnis der Befragung: Unter den Sparern, die grundsätzlich an Geldanlagen interessiert sind, nennen 53 Prozent die Angst vor Verlusten als Hindernis. Fehlendes Finanzwissen folgt mit 40 Prozent, mangelndes Kapital liegt mit 23 Prozent deutlich dahinter. 

Die Studie widerspricht damit einer verbreiteten Annahme der Branche: Nicht unbedingt mehr Informationen oder noch niedrigere Einstiegssummen bringen Sparer an die Börse. Häufig steht zunächst die Angst vor einer Fehlentscheidung im Weg. Dabei ist das Interesse grundsätzlich vorhanden. 

71 Prozent der britischen, 67 Prozent der deutschen und 65 Prozent der italienischen Sparer geben an, dass Investieren für sie grundsätzlich interessant ist. Gleichzeitig folgt auf dieses Interesse häufig keine konkrete Handlung. Auch ältere Menschen zeigen laut Studie noch eine vergleichsweise hohe Offenheit für Kapitalanlagen. 

Deutschland: Einfachheit zählt 

Deutsche Sparer unterscheiden sich in einigen Punkten von den Befragten in den beiden anderen Ländern. Für sie steht bei der Auswahl eines Finanzdienstleisters die Benutzerfreundlichkeit an erster Stelle. 43 Prozent nennen diesen Punkt als entscheidendes Kriterium. Zudem geben 18 Prozent an, dass sie sich Investitionen möglicherweise nicht leisten können. Das ist etwas mehr als in Großbritannien und Italien. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass deutsche Sparer keineswegs grundsätzlich passiv sind. Viele beschäftigen sich intensiv mit ihren Finanzen und vergleichen etwa Zinssätze und Konditionen. 

Bei der Entscheidung für ein Sparprodukt spielen wettbewerbsfähige Zinsen und einfache Bedingungen eine wichtige Rolle. Das Problem ist nach Interpretation der Autoren daher weniger fehlendes Interesse als die fehlende Sicherheit, den nächsten Schritt zu gehen. 

Vier Typen von Sparern 

Um die Ursachen genauer zu untersuchen, hat Invesco zwei Vertrauensdimensionen miteinander kombiniert: das Selbstvertrauen in die eigenen finanziellen Fähigkeiten und das Vertrauen in das Finanzsystem. Daraus entstehen vier Profile: der „Souveräne“ mit hohem Selbst- und Systemvertrauen, der „autonome Skeptiker“ mit hohem Selbstvertrauen, aber geringem Vertrauen in das System, der „unsichere Optimist“ mit geringem Selbstvertrauen und hohem Systemvertrauen sowie der „Entkoppelte“ mit geringem Vertrauen in beide Dimensionen. 

Die Unterschiede sind beträchtlich. Beim „Souveränen“ ist die Wahrscheinlichkeit, bereits Anleger zu sein, mit 66 Prozent hoch. Beim „Entkoppelten“ liegt der Anteil dagegen nur bei 27 Prozent. Auch die Alters- und Länderstrukturen unterscheiden sich. Der „Souveräne“ ist überdurchschnittlich häufig in Deutschland vertreten, während der „Entkoppelte“ besonders stark in Italien vorkommt. 

Mehr Infos helfen nicht automatisch

Damit stellt die Studie auch eine andere verbreitete Annahme infrage: Mehr Auswahl und mehr Informationen müssen nicht automatisch helfen. Gerade Menschen mit geringem Selbstvertrauen fühlen sich durch eine große Zahl an Produkten und Informationen häufig zusätzlich überfordert. Nach den Ergebnissen der Untersuchung nennen 74 Prozent dieser Gruppe mangelndes Wissen als Problem. Noch mehr Informationsmaterial könnte die Unsicherheit deshalb sogar verstärken. 

Verlustaversion verändert das Verhalten 

Besonders interessant sind die Ergebnisse zu Risiko- und Verlustaversion. Die Studie unterscheidet zwischen der Präferenz für ein sicheres Ergebnis und der Angst, einen bereits eingetretenen Verlust hinnehmen zu müssen. Bei einer Entscheidung zwischen einem garantierten Gewinn von 25 Prozent und einer 50:50-Chance auf eine Verdopplung der Rücklage entschieden sich Anleger fast doppelt so häufig für die riskantere Variante als Sparer: 28 gegenüber 15 Prozent. 

Bei einem drohenden Verlust kehrte sich das Bild jedoch um. Vor die Wahl gestellt zwischen einem sicheren Verlust von 25 Prozent und einer 50:50-Chance, die Hälfte zu verlieren oder gar nichts einzubüßen, entschieden sich 51 Prozent der Sparer für das Risiko. Die Ergebnisse legen nach Auffassung der Autoren nahe, dass Selbstvertrauen und Systemvertrauen unterschiedliche Rollen spielen. 

Das Vertrauen in das Finanzsystem beeinflusst eher die Bereitschaft, Chancen wahrzunehmen. Das persönliche Selbstvertrauen prägt dagegen stärker den Umgang mit möglichen Verlusten. Bemerkenswert ist auch, dass die Verlustangst mit wachsendem Vermögen nicht automatisch abnimmt. Unter den Sparern mit mehr als 100.000 Pfund (116000 Euro) Bargeldreserven gaben 49 Prozent an, dass die Angst vor Verlusten sie vom Investieren abhält. Bei Personen mit weniger als 20.000 Pfund (23300 Euro) waren es 36 Prozent. Wohlhabendere Sparer haben demnach zwar eher die finanziellen Mittel für Investments, sind aber nicht zwangsläufig risikobereiter. 

Die erste Investition beginnt selten mit einer App 

Eine der interessantesten Aussagen der Studie betrifft die Frage, warum heutige Anleger überhaupt angefangen haben zu investieren. 77 Prozent nennen das langfristige Wachstumspotenzial als Motiv. Altersvorsorge kommt auf 67 Prozent, finanzielle Unabhängigkeit und langfristige finanzielle Ziele jeweils auf 66 Prozent. Die Benutzerfreundlichkeit war dagegen nur für 48 Prozent ein Beweggrund. Damit liegt sie sogar unter dem Wert von 52 Prozent der heutigen Sparer, die eine einfache Handhabung als möglichen Einstiegsmotivator nennen. Damit verschiebt sich die Perspektive: Eine bessere App, ein einfacherer Registrierungsprozess oder ein Bonus für Neukunden können den Zugang erleichtern, sind aber offenbar nicht zwingend der Auslöser für die erste Geldanlage. Von den befragten Anlegern nannten lediglich acht Prozent Neukundenangebote und 14 Prozent hilfreiche Tools als Hauptgrund für die Wahl ihres Anbieters. 

1,16 Billionen Euro sind eine Modellrechnung 

Die spektakuläre Zahl von 1,16 Billionen Euro sollte allerdings nicht als Prognose künftiger Renditen verstanden werden. Das Cebr-Modell vergleicht rückblickend für den Zeitraum 2015 bis 2025 drei Szenarien: einen reinen Sparer, der sämtliche jährlichen Sparbeiträge auf Einlagen hält, einen moderaten Anleger mit 25 Prozent Aktienanteil und einen aktiven Anleger mit 50 Prozent Anteil eines global diversifizierten Aktienindex. Als Aktienbenchmark dient der MSCI All Country World Index. Für Einlagen werden die jeweiligen Zinssätze für Sichteinlagen verwendet. Zudem berücksichtigt die Modellrechnung weder Plattformgebühren noch Transaktionskosten. 

Das Anfangsvermögen wird mit null angesetzt, um ausschließlich die Wirkung der während des Zehnjahreszeitraums neu gebildeten Ersparnisse zu untersuchen. Die 1,16 Billionen Euro sind daher ein kontrafaktisches Ergebnis unter den gewählten Annahmen und keine Aussage darüber, welche Rendite Anleger künftig tatsächlich erzielen werden. 

Deutschland hat trotz zunehmender Aktienanlage noch einen großen Einlagenbestand 

Dass die Frage der richtigen Vermögensaufteilung in Deutschland relevant bleibt, zeigen auch aktuelle Zahlen der Deutschen Bundesbank. Das Geldvermögen der privaten Haushalte lag Ende des ersten Quartals 2026 bei 9,49 Billionen Euro. Allein bei Bargeld und Sichteinlagen bauten die Haushalte im Quartal weitere sechs Milliarden Euro auf. Gleichzeitig war die inflationsbereinigte Rendite von Einlagen erneut negativ. Auf der anderen Seite hat die Aktienanlage in Deutschland zuletzt deutlich an Reichweite gewonnen. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts waren 2025 rund 14,1 Millionen Menschen in Aktien, Aktienfonds oder ETFs investiert. 

5,3 Millionen nutzten einen Aktiensparplan

Die beiden Entwicklungen widersprechen sich nicht zwangsläufig: Mehr Menschen investieren, gleichzeitig können große Teile des privaten Geldvermögens weiterhin liquide auf Konten liegen. Genau diese Lücke zwischen wachsender Zugänglichkeit und tatsächlicher Anlagebereitschaft steht im Mittelpunkt der Invesco-Studie. Für die Branche beginnt die eigentliche Arbeit erst nach der Depoteröffnung. Die zentrale Botschaft des Berichts lautet damit: Der Weg vom Sparer zum Anleger endet nicht mit einem leichter zugänglichen Depot. Er beginnt dort erst. (jk)

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