Das geplante Altersvorsorgedepot eröffnet Fondsanbietern neue Chancen. Im Interview erläutert BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter, warum er langfristig Milliarden vom Sparbuch an den Kapitalmarkt wandern sieht und weshalb Versicherer dennoch nicht abgeschrieben sind
28.09.2026 | 12:30 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Herr Richter, mit dem Altersvorsorgedepot erhält Deutschland erstmals eine kapitalmarktorientierte Alternative, die mehr Flexibilität und höhere Renditechancen als die bisherige Riester-Rente bietet. Welche Bedeutung hat diese Reform?
Thomas Richter: Ich halte sie in der Tat für richtungsweisend. Bereits in der vom Bundesministerium der Finanzen eingesetzten Fokusgruppe Private Altersvorsorge, in der ich Mitglied war und die die Grundlagen für das spätere Altersvorsorgereformgesetz erarbeitete, wurde deutlich, dass Deutschland künftig viel stärker auf Kapitalmarktfinanzierung setzen muss. Das Altersvorsorgedepot ist deshalb mehr als nur ein neues Produkt – es markiert einen Paradigmenwechsel bei der geförderten privaten Altersvorsorge. Erstmals stehen Fonds, ETFs und Versicherungen ohne gesetzlich vorgeschriebene Garantien oder Verrentungspflichten im direkten Wettbewerb untereinander.
TiAM: Ist das der Einstieg in eine stärkere Kapitaldeckung des Rentensystems?
Davon bin ich überzeugt. Die Diskussion beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf die dritte Säule der Altersvorsorge. Auch für die gesetzliche Rentenversicherung und die betriebliche Altersversorgung wird zunehmend über kapitalgedeckte Elemente gesprochen. Deutschland bewegt sich damit auf internationale Modelle zu, auch wenn wir im europäischen Vergleich spät dran sind.
TiAM: Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Fondsbranche?
Für die Fondsbranche ist das Altersvorsorgedepot eindeutig positiv. Wir haben uns seit Jahrzehnten für eine stärkere Kapitaldeckung eingesetzt. Es bringt neue Impulse für uns. Jetzt können Fondsanbieter zeigen, welchen Beitrag sie langfristig zur Altersvorsorge leisten können. Gleichzeitig eröffnet sich die Chance, dass aus klassischen Sparern langfristig Anleger werden.
TiAM: Erwarten Sie, dass die mehrere Billionen schweren Cashbestände der Bundesbürger zumindest teilweise in den Kapitalmarkt gelenkt werden können?
Das ist zumindest die Hoffnung. Die Bundesbürger verfügen über Sparvermögen, das bislang überwiegend unverzinst oder niedrig verzinst auf Konten liegt. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass viele Haushalte überhaupt keinen finanziellen Spielraum zum Sparen haben. Das Altersvorsorgedepot kann daher nicht alle Probleme lösen, aber es kann helfen, mehr Menschen an den Kapitalmarkt heranzuführen.
TiAM: Werden Versicherer trotz der stärkeren Kapitalmarktausrichtung noch eine wichtige Rolle spielen?
Ganz bestimmt, denn der Vertrieb hat eine enorme Bedeutung. In Deutschland gibt es rund 190 000 Versicherungsvermittler. Viele Verbraucher wünschen sich weiterhin Garantien, und Vermittler kennen diese Nachfrage sehr genau. Zudem ist auch weiterhin eine Zillmerung der Kosten möglich. Allerdings muss nun nicht mehr der Kunde die Provisionen der ersten fünf Jahre zahlen, sondern die Anbieter werden dies tun. Das können jedoch nur die kapitalstarken Versicherer stemmen und nicht die Fondsgesellschaften. Deshalb werden Versicherer aus meiner Sicht besser abschneiden, als viele derzeit erwarten, und fondsbasierte Lösungen dürften daher den Markt nicht sofort dominieren.
TiAM: Trotz Wegfall der verpflichtenden Garantie und der Leibrente ab 85 Jahren?
Unter dem Strich gehören die Versicherer durch das Altersvorsorgegesetz zu den Verlierern. Bislang verfügten sie über zwei zentrale Alleinstellungsmerkmale: die Garantie und die Leibrente. Beide Elemente sind künftig jedoch nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben. Sie sind nun fakultativ statt obligatorisch. Damit stehen Versicherer erstmals in einem echten Wettbewerb mit anderen Anbietern, insbesondere mit Fonds. Aus Sicht der Versicherungswirtschaft ist das ein grundlegender Wandel. Über Jahrzehnte – faktisch seit rund 60 bis 70 Jahren – hatten Versicherer in diesem Bereich eine privilegierte Stellung. Der Gesetzgeber nahm ihnen damit gewissermaßen einen Teil des Vertriebs ab, weil die Nachfrage nach Leibrenten gesetzlich gesichert war. Mit dem Wegfall dieser Verpflichtung entfällt auch dieser strukturelle Vorteil. Für die Versicherer bedeutet das einen erheblichen Einschnitt und den Verlust eines wesentlichen Wettbewerbsvorteils. Davon müsste die Fondsbranche profitieren.
TiAM: Sie sehen das geplante staatliche Standarddepot kritisch. Weshalb?
Grundsätzlich ist das Standardprodukt mit einer Kostenobergrenze von einem Prozent sinnvoll. Kritisch sehe ich jedoch die Rolle des Staates als Anbieter. Zum einen verfügt er derzeit gar nicht über die notwendige Infrastruktur, um Millionen Depots inklusive Beratung, Kundenservice und Verwaltung zu betreiben. Zum anderen besteht die Gefahr politischer Einflussnahme auf Anlageentscheidungen. Sobald Millionen Bürger direkt betroffen sind, werden Fragen nach Nachhaltigkeit, Rüstung oder einzelnen Unternehmen zwangsläufig politisiert. Beim norwegischen Staatsfonds gibt es diese Diskussionen bereits. Wenn solche Debatten sogar in Norwegen stattfinden, ist es naheliegend, dass sie erst recht in Deutschland geführt werden. Deshalb besteht aus meiner Sicht das Risiko, dass politische Interessen künftig stärker auf Anlageentscheidungen Einfluss nehmen.
TiAM: Könnte der Staat mit seinem Angebot zum 1. Juli 2027 starten?
Ich halte das für sehr ambitioniert. Der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur ist äußerst komplex. Es geht nicht nur um die Kapitalanlage, sondern auch um Depotführung, Beratung, steuerliche Meldungen oder Versorgungsausgleiche. Das lässt sich nicht innerhalb weniger Monate organisieren.
TiAM: Welche Produktlösungen erwarten Sie am Markt?
Ich rechne mit einer großen Vielfalt. ETF-basierte Lösungen werden wegen ihrer niedrigen Kosten sicherlich stark vertreten sein. Gleichzeitig werden wir aktiv gemanagte Fonds, Dachfondslösungen sowie fondsgebundene Versicherungen sehen. Der Markt wird sehr dynamisch werden.
TiAM: Wer dürfte die wichtigste Zielgruppe sein?
Vor allem jüngere Menschen. Je länger der Anlagehorizont, desto stärker wirken Zinseszinseffekt und Kapitalmarktrenditen. Für Menschen kurz vor dem Ruhestand ist das Produkt naturgemäß weniger attraktiv.
TiAM: Reichen die staatlichen Zulagen überhaupt aus, um einen echten Anreiz zu schaffen?
Die Förderung ist ordentlich, aber sie löst das Altersvorsorgeproblem natürlich nicht allein. Ihre eigentliche Funktion besteht darin, Menschen zum eigenständigen Vermögensaufbau zu motivieren. In anderen Ländern fallen die steuerlichen Förderungen allerdings deutlich großzügiger aus.
TiAM: Das Altersvorsorgedepot gilt als komplex. Hätte man die Regelungen einfacher gestalten können?
Ja. Ein einfaches steuerliches Fördermodell ähnlich wie in den USA wäre aus meiner Sicht leichter verständlich gewesen. Die Komplexität entsteht vor allem durch die Kombination aus Steuerförderung und Zulagensystem für Geringverdiener. Politisch war diese Konstruktion jedoch gewollt.
TiAM: Wo sehen Sie die private Altersvorsorge in zehn Jahren?
Ich bin optimistisch, dass wir deutlich besser dastehen werden als aktuell. Das Altersvorsorgedepot erweitert die Vertriebslandschaft erheblich. Künftig werden nicht mehr nur Versicherungen, sondern auch Banken, Fondsgesellschaften und Direktbanken um Kunden werben. Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz kapitalmarktorientierter Altersvorsorge deutlich verbessert. Das dürfte der Reform zusätzlichen Rückenwind geben.
TiAM: Wer wird aus Ihrer Sicht am meisten von der Reform profitieren: Banken, Sparkassen oder eher die Vertriebsorganisationen?
Alle Vertriebswege werden sich bemühen, einen Fuß in der Tür des Altersvorsorgedepots zu haben. Entscheidend ist zunächst einmal, dass man überhaupt einen funktionierenden Vertrieb hat. Ohne Vertrieb profitiert man von einer solchen Reform nur begrenzt. Der Verkauf wird weiterhin über Vermittler, Bankennetze, zunehmend aber auch über Selbstentscheider erfolgen. Klassische Banken werden neben den günstigen Standardlösungen wahrscheinlich auch höherwertige Angebote entwickeln. Direktbanken dürften vor allem standardisierte ETF-Lösungen anbieten. Dieser Wettbewerb ist ausdrücklich gewollt, und er dürfte Innovationen forcieren. Allerdings unterschätzen viele Anbieter noch den administrativen Aufwand eines Altersvorsorgedepots. Es handelt sich eben nicht um einen gewöhnlichen ETF-Sparplan, sondern um ein staatlich gefördertes Altersvorsorgeprodukt mit umfangreichen regulatorischen Anforderungen.
TiAM: Werden Selbstentscheider eine Rolle spielen?
Sicherlich. Gerade seit der Corona-Pandemie hat sich das Verhalten vieler Anleger deutlich verändert. Jahrzehntelang haben rund 95 Prozent der Anleger auf Beratung gesetzt und lediglich fünf Prozent selbst über ihre Geldanlage entschieden. Ich gehe davon aus, dass sich der Anteil der Selbstentscheider inzwischen mindestens verdoppelt hat.
TiAM: Auch die vielen Neobroker gewinnen immer mehr Kunden. Erreichen Sparkassen und Volksbanken junge Anleger überhaupt noch?
Das hängt stark vom Anlageziel ab. Direktbanken haben vor allem junge Menschen gewonnen, die per App kleinere Beträge investieren. Das funktioniert gut. Die spannende Frage ist aber: Bleiben diese Kunden auch dort, wenn sie später größere Vermögen verwalten, beispielsweise nach einer Erbschaft? Dann stellen sich viele doch die Frage, ob sie dauerhaft alles allein über eine App regeln möchten oder ob sie Beratung in Anspruch nehmen. Gerade bei der Altersvorsorge, die oft einen Zeitraum von 40 oder 50 Jahren umfasst, wünschen sich viele Menschen weiterhin einen Ansprechpartner.
TiAM: Ist das neue Altersvorsorgedepot ein Gewinn für die Fondsbranche?
Ganz klar ja. Die Fondsbranche hat jahrzehntelang für kapitalgedeckte Altersvorsorge geworben. Jetzt bietet sich die Chance zu zeigen, dass Kapitalmarktanlagen langfristig einen echten Mehrwert gegenüber einem reinen Umlagesystem oder garantiebasierten Produkten bieten können. Gleichzeitig hoffen wir, dass Menschen durch positive Erfahrungen mit staatlich geförderten Kapitalmarktprodukten auch außerhalb der Altersvorsorge stärker in Fonds investieren.
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