Lars Konrad ist nach seinem Abgang von FERI seit Januar neuer Chief Investment Officer bei Arete Ethik Invest. Im TiAM-Interview erklärt Konrad, was er am Investmentprozess verändert hat, welche langfristigen Chancen er sieht und was ihn an der Aufgabe reizt.
31.07.2026 | 10:00 Uhr von «Peter Gewalt»
Herr Konrad, die Arete-Ethik-Fonds hatten in den vergangenen Jahren hinsichtlich ihrer Performance Luft nach oben. An welchen Stellschrauben haben Sie denn angesetzt, um diese Schwäche zu beheben?
Lars Konrad: Ein wichtiger Punkt ist das Thema Risikomanagement. In den vergangenen Jahren wurde bei Arete Ethik versucht, das Marktrisiko zu steuern, indem man in bestimmten Phasen Cash-Positionen aufgebaut hat, um Rückschläge zu vermeiden. Das hat aber Rendite gekostet, da die Märkte immer schneller als erwartet zurückgekommen sind. Ich bin der Meinung, dass sich „Time in the Market“ immer besser schlägt als „Timing the Market“. Denn mit zu viel Kasse läuft man dem Markt oft hinterher, wenn dieser anzieht. Und wenn man die zwei oder drei besten Börsentage im Jahr verpasst, holt man das selten auf.
Wie managen Sie das Risiko?
Ich manage das Risiko lieber über Sektorgewichtungen als über den Aufbau von Kasse. Denn wer wie wir weltweit investiert, kann immer irgendwo attraktive Chancen finden.
Was haben Sie sonst noch seit Ihrem Jobantritt Anfang des Jahres bei Arete Ethik geändert?
Ich verfolge, wie schon bei FERI zuvor, einen Quality-Growth-Ansatz. Dabei kommt ein stärker auf Fundamentalanalyse gestützter Bottom-up-Ansatz zum Tragen, der den bei Arete Ethik bisher dominierenden Top-Down-Ansatz ergänzt. Man muss zwar immer die Großwetterlage verstehen, aber ich bin Aktienanalyst und bewertungsorientiert. Soll heißen: Es stehen diejenigen Unternehmen besonders im Fokus, die in Bezug auf Qualität, Wachstumschancen und Bewertung am besten dastehen.
Worauf achten Sie besonders?
Wir suchen Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, hoher Kapitalrendite, soliden Bilanzen und gleichzeitig attraktiven Wachstumsperspektiven. Entscheidend ist dabei die Bewertung. Wachstum um jeden Preis interessiert uns nicht. Wir möchten Unternehmen erwerben, deren tatsächlicher Wert vom Markt noch nicht vollständig erkannt wird. Langfristig folgen Aktienkurse den Unternehmensgewinnen. Deshalb konzentrieren wir uns auf Firmen, die ihre Ertragskraft über viele Jahre steigern können.
Wie groß ist das Universum an Unternehmen, das Sie sich anschauen?
Wir beobachten aktuell 450 Unternehmen. Allein in diesem Jahr haben wir die Anzahl um rund 50 erhöht, was uns deutlich mehr Diversifikationsmöglichkeiten bietet. Dabei investieren wir aber nicht nur in Aktien, sondern auch in Anleihen.
Haben sich die Umstellungen denn schon renditetechnisch positiv bemerkbar gemacht?
Noch nicht, da der Markt im ersten Halbjahr weitgehend KI-getrieben war und sich eine breitere Diversifikation bisher nicht ausgezahlt hat. Zwar haben sich Momentumwerte gut entwickelt, aber Qualitätstitel konnten zur Performance noch nicht beitragen. Gerade in einem Umfeld von anziehender Inflation, Marktturbulenzen und geopolitischen Spannungen bin ich sehr zuversichtlich, dass unsere Qualitätsunternehmen im zweiten Halbjahr ihre Stärken ausspielen werden.
Da Sie Sektoren angesprochen haben – in welchen Branchen sehen Sie die größten Chancen?
Der Gesundheitssektor gehört dazu. Viele Unternehmen verfügen über robuste Geschäftsmodelle, stabile Nachfrage und attraktive Innovationspipelines. Gleichzeitig erhalten sie derzeit weniger Aufmerksamkeit als einige Technologietitel. Darüber hinaus sehen wir interessante Chancen bei Finanzdienstleistungsanbietern, die von strukturellen Wachstumstrends profitieren.Besonders im Softwarebereich sind Titel zu finden, die aus Bewertungssicht aktuell hochinteressant sind.
Weshalb?
Viele Softwaretitel leiden unter der Angst der Anleger, dass KI-Anwendungen deren Geschäftsmodell schädigen könnten. Wir meinen, dass die Bewertungsabschläge viel zu weit gegangen sind und daher selektiv große Kurschancen bestehen.
Arete Ethik hat sich über die Jahre einen Namen als Pionier des nachhaltigen Investierens gemacht. Sie sehen sich aber nach eigenen Aussagen nicht als normalen ESG‑Anbieter.
Nein, normales ESG-Investing ist für mich tot. Einfach ESG-Daten einzukaufen und allein auf dieser Basis über Investments zu entscheiden, ist wenig zielführend. Das ist nicht der Weg von Arete Ethik. Unser Ansatz versteht Ethik nicht als moralischen Zusatz, sondern als integralen Bestandteil zur Beurteilung der Zukunftsfähigkeit von Unternehmen in einer lebenswerten Welt. Langfristig erfolgreiche Unternehmen schaffen wirtschaftlichen Wert und gesellschaftlichen Nutzen gleichzeitig. Ist das bei Unternehmen nicht stimmig, kommt es nicht in unsere Portfolios.
Wer hilft Ihnen bei der Beurteilung?
Ich kann dabei auf ein erfahrenes Investmentteam sowie hausinterne Expertinnen und Experten unseres Ethik-Research zurückgreifen.
Welchen Einfluss hat das Ethik-Research-Team von Arete Ethik?
Tatsächlich entscheidet erst das 7-köpfige Ethik-Komitee, ob ein Unternehmen überhaupt ins Portfolio aufgenommen werden kann. Das Komitee besteht aus sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen. Dabei erstellt das hauseigene Ethik-Research eine Unternehmensanalyse als Grundlage für die Entscheidung des Komitees. Fällt die Entscheidung negativ aus, darf das Fondsmanagement nicht investieren. Das hilft ungemein, um kostspielige Investmentfehler zu verhindern, die man nicht im Blick gehabt hätte.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Das US- Industriekonglomerat 3M wurde im Mai in Australien wegen hoher Rückstände sogenannter Ewigkeits-Chemikalien auf Militärstützpunkten auf umgerechnet rund 1,2 Milliarden Euro verklagt. Dies ist nur eine von vielen Klagen, die das Unternehmen bereits mehr als zehn Milliarden US-Dollar gekostet haben. Nebst schleppendem Wachstum und dauerhaften Umstrukturierungen begründet dies die sehr schwache Entwicklung der Aktie im letzten Jahrzehnt.
Sie sind von FERI zu Arete Ethik gewechselt. Was hat Sie persönlich an dieser Aufgabe gereizt?
Der Wechsel war eine große Chance, mich beruflich weiterzuentwickeln. Mich hat die Möglichkeit fasziniert, einen außergewöhnlichen Ethikansatz mit einer konsequenten Investmentphilosophie zu verbinden. Arete Ethik betreibt nachhaltiges Investieren nicht, weil es gerade im Trend liegt, sondern seit Jahrzehnten aus Überzeugung. Gleichzeitig bietet mir die Größe des Hauses die Chance, Dinge als Chief Investment Officer sowie Portfoliomanager aktiv mitzugestalten. Und ich muss sagen, es macht richtig Spaß, in diesem tollen Team mitzuarbeiten.
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