| Wie bewertet man ein Wind- oder Solarprojekt? Die Bedeutung konservativer DCF-Modelle für Infrastrukturinvestitionen | |
| 05/26 | |
| Thomas Hartauer | |
| TiAM FundResearch |
Die Bewertung von Infrastrukturprojekten im Bereich der erneuerbaren Energien stellt Investoren vor eine zentrale Herausforderung: Wie lässt sich der wirtschaftliche Wert eines Wind- oder Solarparks möglichst realistisch bestimmen, wenn ein Großteil der Erträge erst in der Zukunft erwirtschaftet wird? Ein Betrag von Thomas Hartauer, Gründer und Vorstandschef von CAV Partners, für TiAM FundResearch.
19.06.2026 | 16:00 Uhr
In der Praxis hat sich hierfür die Discounted-Cashflow-Methode (DCF) als Standard etabliert. Sie bildet die Grundlage zahlreicher Transaktionen im Markt für erneuerbare Energien und ermöglicht eine strukturierte Bewertung langfristiger Zahlungsströme. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die Ergebnisse einer DCF-Bewertung erheblich von den zugrunde gelegten Annahmen abhängen. Dazu zählen insbesondere die erwarteten Stromerträge, die Entwicklung der Strompreise, die angenommene Projektlaufzeit, künftige Betriebs- und Finanzierungskosten sowie die vom Investor geforderte Rendite. Bereits geringe Änderungen einzelner Parameter können den ermittelten Projektwert deutlich beeinflussen. Gerade deshalb gewinnen konservative Bewertungsansätze zunehmend an Bedeutung.
Die Grundidee der DCF-Methode
Der wirtschaftliche Wert eines Projektes ergibt sich nicht aus den bisherigen Investitionskosten oder der installierten Leistung, sondern aus den künftig erwarteten Zahlungsüberschüssen. Diese werden auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst.
Die zugrunde liegende Formel lautet:
DCF = Σ [CFₜ / (1 + r)ᵗ]
Dabei bezeichnet:
Der Grundgedanke ist einfach: Ein Euro, der heute verfügbar ist, besitzt einen höheren Wert als ein Euro, der erst in zehn Jahren zufließt. Je weiter Zahlungsströme in der Zukunft liegen, desto geringer fällt ihr heutiger Barwert aus.
Grafik 1: Entwicklung der Cashflows über die Projektlaufzeit

Laufzeiten: Technisch möglich bedeutet nicht automatisch wirtschaftlich sinnvoll
Ein wichtiger Bewertungsfaktor ist die angenommene Betriebsdauer eines Projektes.
Während moderne Wind- und Solaranlagen technisch häufig Laufzeiten von 25 Jahren oder mehr erreichen können, spielen in der Praxis weitere Faktoren eine Rolle. Pachtverträge laufen aus, Genehmigungen müssen verlängert werden und technische Komponenten unterliegen Alterungsprozessen.
Hinzu kommt das häufig diskutierte Repowering-Potenzial älterer Anlagen. Der Ersatz bestehender Windkraftanlagen durch leistungsfähigere Technik kann erhebliche zusätzliche Werte schaffen. Gleichzeitig bestehen jedoch Genehmigungs-, Netzanschluss- und Umsetzungsrisiken.
Aus Sicht einer konservativen Bewertung sollte Repowering deshalb nicht als gesicherter Bestandteil der Basisrechnung berücksichtigt werden. Vielmehr handelt es sich um ein mögliches zusätzliches Wertsteigerungspotenzial.
Cashflows: Entscheidend ist die tatsächlich verfügbare Liquidität
Für die Ermittlung der jährlichen Zahlungsströme genügt es nicht, lediglich Umsätze und Gewinne zu betrachten.
Professionelle Investoren analysieren vielmehr die sogenannten „Free Cash Flows to Equity“. Diese beschreiben jene Mittel, die nach Bedienung von Finanzierungen, Bildung notwendiger Liquiditätsreserven und Berücksichtigung sämtlicher Betriebskosten tatsächlich für Ausschüttungen zur Verfügung stehen.
Besonders anspruchsvoll ist dabei die Prognose der Erlösseite. Während frühere EEG-Systeme über lange Zeiträume feste Vergütungssätze gewährten, gewinnen Marktpreise und Direktvermarktung zunehmend an Bedeutung.
Die langfristige Entwicklung der Strompreise zählt deshalb heute zu den wichtigsten Einflussgrößen jeder Projektbewertung.
Grafik 2: Einfluss unterschiedlicher Einnahmen- und Kostenentwicklungen auf die Cashflows

Der Diskontierungszinssatz als zentrale Stellschraube
Eine der wichtigsten Größen einer DCF-Bewertung ist der Diskontierungszinssatz.
Er spiegelt die Renditeerwartung des Investors wider und bündelt gleichzeitig die wahrgenommenen Risiken eines Projektes in einer einzigen Kennzahl. Bereits geringe Veränderungen können erhebliche Auswirkungen auf den ermittelten Barwert haben.
Ein niedriger Zinssatz erhöht den heutigen Wert zukünftiger Zahlungsströme und führt damit zu höheren Projektbewertungen. Umgekehrt reduzieren höhere Renditeanforderungen den errechneten Unternehmenswert deutlich.
Gerade in Marktphasen mit hoher Liquidität besteht die Gefahr, Risiken zu optimistisch einzuschätzen und dadurch Bewertungsniveaus zu rechtfertigen, die langfristig nur schwer erreichbar sind. Konservative Investoren wählen daher häufig bewusst vorsichtigere Annahmen, um ausreichende Sicherheitsmargen zu schaffen.
Grafik 3: Einfluss unterschiedlicher Diskontierungszinssätze auf den Barwert zukünftiger Cashflows

Warum konservative Modelle langfristig Vorteile bieten können
Die Energiewende eröffnet erhebliche Investitionsmöglichkeiten. Gleichzeitig steigt jedoch die Komplexität der Projektbewertung. Zunehmende Marktintegration erneuerbarer Energien, volatile Strompreise und regulatorische Veränderungen erschweren langfristige Prognosen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Qualität der Modellannahmen an Bedeutung. Konservative DCF-Modelle erscheinen auf den ersten Blick häufig weniger attraktiv, da sie niedrigere Projektwerte und Renditeerwartungen ausweisen. Sie reduzieren jedoch das Risiko unrealistischer Erwartungen und schaffen eine belastbarere Grundlage für langfristige Investitionsentscheidungen.
Für professionelle Investoren ergibt sich daraus eine zentrale Erkenntnis: Nicht die optimistischste Bewertung führt zwangsläufig zur besten Investition. Entscheidend ist vielmehr, wie realistisch die zugrunde gelegten Annahmen sind und wie belastbar die daraus abgeleiteten Cashflows über die gesamte Projektlaufzeit eingeschätzt werden können.
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