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Japan im Aufbruch: Warum Anleger jetzt investieren sollten

Hideyuki Taniuchi
Interview

Die japanische Börse erlebt ein bemerkenswertes Comeback. Rekordstände bei Nikkei und TOPIX, steigende Corporate-Governance-Standards und das Ende jahrzehntelanger Deflation haben internationale Investoren zurück in den japanischen Markt gebracht. Doch wie nachhaltig ist diese Entwicklung wirklich? Und welche Chancen ergeben sich daraus für Anleger?

16.06.2026 | 13:00 Uhr von «Jörn Kränicke»

Hideyuki Taniuchi, Fondsmanager des SMD-AM Japan Equity HighConviction Fund (ISIN: LU1767076828, A EUR Hedged) von Sumitomo Mitsui DS Asset Management stand dazu TiAM FundResearch Rede und Antwort. Er erklärt, warum sein Team bewusst auf einen konzentrierten Ansatz setzt, welche Branchen derzeit besonders attraktiv erscheinen – und weshalb Japan seiner Meinung nach vor einer strukturellen Neubewertung steht.

TiAM FundResearch: Herr Taniuchi, was unterscheidet Ihren Japan Equity High Conviction Fund von klassischen Japan-Aktienfonds?

Hideyuki Taniuchi: Viele traditionelle Japan-Strategien bewegen sich entweder stark in Richtung Growth oder klar in Richtung Value. Genau das war über Jahre ein Problem für Investoren, denn die Schwankungen zwischen diesen Stilfaktoren waren in Japan oft extrem. Wir verfolgen deshalb bewusst einen flexiblen Core-Ansatz. Unser Ziel ist es, unabhängig vom jeweiligen Marktumfeld konsistent Alpha zu generieren – also sowohl in Value- als auch in Growth-Phasen erfolgreich zu sein. Hinzu kommt die Stabilität unseres Teams: Wir managen japanische Aktienstrategien seit mehr als zwei Jahrzehnten. Unser Investmentprozess basiert auf einem sehr intensiven fundamentalen Bottom-up-Research, unterstützt von einem 20-köpfigen Analystenteam in Tokio und ESG-Spezialisten.

Ihr Fonds trägt den Zusatz „High Conviction“. Was bedeutet das konkret?

Ganz einfach: Wir investieren ausschließlich in Ideen mit der höchsten Überzeugung. Während vergleichbare Strategien oft 80 bis 100 Aktien halten, konzentrieren wir uns auf rund 30 Titel. Das bedeutet aber nicht automatisch höhere Risiken. Im Gegenteil: Jede einzelne Position muss einen sehr strengen Investmentprozess und umfangreiche Risikokontrollen durchlaufen. Der Wettbewerb um Kapital innerhalb des Portfolios ist enorm. Nur Unternehmen mit überzeugendem Gewinnmomentum und attraktiven Perspektiven schaffen es letztlich in den Fonds.

Sie streben so langfristig eine Outperformance von fünf Prozentpunkten gegenüber dem Vergleichsindex an. Ist das realistisch?

Ja. Seit Auflage der Strategie liegt die durchschnittliche jährliche Überrendite bei etwas mehr als fünf Prozent. Natürlich ist vergangene Performance keine Garantie für die Zukunft. Aber unser Prozess hat sich über unterschiedliche Marktphasen hinweg bewährt.

Wie identifizieren Sie attraktive Aktien?

Wir glauben, dass mikroökonomische Entwicklungen häufig besser prognostizierbar sind als makroökonomische Trends. Deshalb analysieren wir sogenannte „Micro Leading Indicators“ – also frühe Signale auf Unternehmensebene, die auf steigende Gewinne hindeuten könnten. Das können beispielsweise Veränderungen bei Auftragseingängen, Preisentwicklungen, Lagerzyklen oder Investitionsausgaben sein. Unser Ziel ist es, Unternehmen möglichst früh zu identifizieren, deren Gewinnentwicklung positiv überraschen dürfte.

Gibt es Unternehmen in Japan, die internationale Investoren Ihrer Meinung nach noch unterschätzen?

Definitiv. Japan hat zwar in einigen konsumorientierten Branchen an globaler Wettbewerbsfähigkeit verloren. Gleichzeitig gibt es aber hochspezialisierte Industrieunternehmen mit enorm starker Marktstellung. Ein gutes Beispiel ist Mitsubishi Heavy Industries. Wir sind 2022 eingestiegen, als das Unternehmen begann, Marktanteile in Bereichen wie Energieerzeugung und Verteidigung auszubauen. Die Aktie entwickelte sich anschließend außerordentlich stark. Auch Furukawa Electric war ein interessantes Beispiel. Der Markt fokussierte sich damals zu stark auf Risiken im Automobilgeschäft. Wir sahen hingegen steigende Preise im Kabelgeschäft und eine starke Position bei Glasfaserkabeln. Aktuell sehen wir zudem Potenzial bei Yaskawa Electric. Das Unternehmen profitiert langfristig vom Trend zu Robotik, Automatisierung und sogenannter „Physical AI“.

Welche strukturellen Trends treiben derzeit den japanischen Markt?

Vor allem Investitionen in KI-Infrastruktur, Automatisierung, Energieversorgung und Verteidigung. Japanische Unternehmen sind in vielen industriellen Schlüsseltechnologien hervorragend positioniert – besonders bei Robotik, Präzisionsmaschinen oder industrieller Automatisierung. Während die USA und China um die Vorherrschaft bei KI-Modellen konkurrieren, könnten japanische Firmen bei der praktischen Anwendung dieser Technologien eine entscheidende Rolle spielen.

Internationale Anleger sprechen häufig über die Reformen der Tokyo Stock Exchange. Wie tiefgreifend sind diese Veränderungen wirklich?

Die Veränderungen sind erheblich. Über viele Jahre litten japanische Unternehmen unter ineffizientem Kapitaleinsatz, niedriger Eigenkapitalrendite und hohen Barbeständen. Die Governance-Reformen haben dazu geführt, dass Unternehmen heute deutlich stärker auf Aktionärsrenditen achten. Dividenden steigen, Aktienrückkäufe nehmen zu und Managementteams stehen zunehmend unter Druck, Kapital effizient einzusetzen. Vor allem sehen wir einen Mentalitätswandel. Unternehmensführungen beschäftigen sich heute viel intensiver mit Themen wie Kapitalrendite und Shareholder Value als noch vor einigen Jahren.

Rechnen Sie dadurch mit einer dauerhaften Neubewertung japanischer Aktien?

Ja, durchaus. Japan verlässt Schritt für Schritt das alte Deflationsregime. Gleichzeitig verbessern sich Corporate Governance, Kapitalrenditen und Aktionärsorientierung. Sollte sich die Eigenkapitalrendite japanischer Unternehmen langfristig dem europäischen Niveau annähern, wäre eine höhere Bewertung des Gesamtmarktes aus unserer Sicht gerechtfertigt.

Welche Rolle spielen derzeit internationale Anleger?

Eine sehr wichtige. Ausländische Investoren waren zuletzt ein zentraler Treiber der Kursentwicklung. Viele globale Investoren entdecken Japan gerade neu – insbesondere wegen der Governance-Reformen, der politischen Stabilität und des Endes der Deflation. Zudem erscheinen japanische Aktien im internationalen Vergleich weiterhin attraktiv bewertet.

Welche Bedeutung hat die geldpolitische Wende der Bank of Japan?

Sie markiert einen historischen Einschnitt. Über Jahrzehnte war Japan von Deflation geprägt. Positive Zinsen signalisieren nun, dass sich die Wirtschaft in einem nachhaltigeren nominalen Wachstumsumfeld bewegt. Das verändert auch die Wahrnehmung internationaler Investoren. Japanische Anleihen werden wieder interessanter und gleichzeitig profitieren Aktien von stabileren Wachstums- und Inflationsperspektiven.

Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für japanische Aktien?

Kurzfristig beobachten wir vor allem geopolitische Risiken sehr genau. Dazu zählen mögliche Spannungen zwischen den USA und China, Entwicklungen im Nahen Osten oder stark steigende Ölpreise. Japan ist stark von Energieimporten abhängig. Trotzdem bleiben wir bei unserem Investmentansatz diszipliniert. Unsere Aktienauswahl basiert primär auf Unternehmensdaten und Gewinnmomentum – nicht auf kurzfristigen geopolitischen Schlagzeilen.

Die alternde Bevölkerung gilt oft als großes Problem Japans. Wie sehen Sie das?

Natürlich ist die demografische Entwicklung eine Herausforderung. Gleichzeitig sehen wir aber auch Lösungen: höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, mehr ausländische Arbeitskräfte sowie Produktivitätssteigerungen durch Automatisierung und KI. Japan fungiert gewissermaßen als Testlabor für alternde Gesellschaften weltweit. Genau daraus entstehen interessante Chancen – etwa in den Bereichen Robotik, Gesundheitswesen oder Automatisierungstechnologien.

Wie lautet Ihr Ausblick für die kommenden zwölf bis 24 Monate?

Kurzfristig könnte der Markt wegen geopolitischer Unsicherheiten eher seitwärts tendieren. Mittel- bis langfristig bleiben wir jedoch konstruktiv. Das Ende der Deflation, die Governance-Reformen und steigende Investitionen in Industrie- und KI-Infrastruktur bilden aus unserer Sicht ein sehr solides Fundament für japanische Aktien.

Warum sollten Anleger gerade jetzt über Japan nachdenken?

Weil sich mehrere strukturelle Trends gleichzeitig verstärken. Japan erlebt nicht nur eine wirtschaftliche Normalisierung nach Jahrzehnten der Deflation. Gleichzeitig profitieren viele Unternehmen von steigenden Investitionen in Fertigung, Automatisierung und Technologie. Wir glauben deshalb, dass japanische Aktien in den kommenden Jahren wieder deutlich stärker im Fokus globaler Investoren stehen könnten.

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