Droht ein KI-Crash? Und wie bereitet man sich darauf vor? Wir haben Acatis-Chef Hendrik Leber gefragt, Deutschlands prominentesten Value-Investor.
01.09.2026 | 08:00 Uhr von «Tobias Aigner»
TiAM FundResearch: Herr Leber, am KI-Boom scheiden sich die Geister. Enorme Produktivitätsgewinne und einen unglaublichen Wachstumsschub prognostizieren die einen. Vor Investitionen, die sich niemals auszahlen, und einem KI-Crash, der die ganze Börse runterzieht, warnen die anderen. Wie ordnen Sie die Entwicklung ein?
Hendrik Leber: KI hat eine typische Boom-Phase ausgelöst. Wie vor 150 Jahren die Eisenbahnen, die damals 60 Prozent der Börsenkapitalisierung ausgemacht haben. Oder um 1900 der Elektrifizierungs-Boom mit den Versorgern an der Spitze. Oder zur Jahrtausendwende das Internet…
TiAM FundResearch: …und jede dieser Boom-Phasen endete mit einem Knall.
Leber: Ja, und auch diesmal wird es irgendwann knallen. Konzerne wie Alphabet stecken jetzt jedes Jahr dreistellige Milliardenbeträge in Rechenzentren, zum Teil auf Kredit. Aber wir wissen, dass die Rechenzentren, die jetzt gebaut werden, wahrscheinlich schon in drei Jahren wieder technisch überholt sind und die Milliarden-Investitionen abgeschrieben werden müssen. Da kann es schon zu einem KI-Crash kommen.
TiAM FundResearch: Sie sehen einen KI-Crash, sind in ihrem Datini-Fonds aber fast komplett investiert. Wie passt das zusammen?
Leber: Es macht keinen Sinn, den Markt zu timen. Ich weiß ja nicht, wann es runtergeht. Das kann niemand vorhersagen. Und langfristig sind Aktien einfach die beste Wahl. Eine uralte Regel sagt: Wer die zehn besten Tage eines Jahres an der Börse versäumt, verpasst den Großteil der Gewinne. Aber zur Absicherung habe ich Volatilität ins Portfolio gekauft – denn die wird bei einem Crash steil ansteigen.
TiAM FundResearch: Ob Nvidia, Microsoft, Amazon oder Alphabet: Neun der zehn größten Positionen im MSCI World stammen inzwischen aus dem Tech- und KI-Bereich. Und sie machen zusammen rund ein Viertel des Index aus. Scheint ein Rückschlag auch deshalb unausweichlich?
Leber: Das Argument zieht nicht. Der gesamte IT-Sektor hat knapp 30 Prozent am MSCI-World-Index. Das ist historisch noch völlig normal und kann durchaus noch einige Jahre so bleiben.
TiAM FundResearch: Kommen wir noch mal zu den Auswirkungen von KI für die Gesamtwirtschaft. Werden die erhofften Produktivitätsgewinne eintreten?
Leber: Im Jahr 2000 hat Warren Buffett gesagt: Durch das Internet werden die Firmen nicht reicher, sondern ärmer, denn der Wettbewerb wird intensiver. Und jetzt bei KI sehen wieder alle ungeahnte Reichtümer. Ja, die Produktivität steigt, aber wahrscheinlich führt die KI wieder zu einem enormen Konkurrenz- und Kostendruck. Dann sehen wir am Ende fallende Unternehmensgewinne, nicht steigende. Und die Marktkonzentration nimmt zu.
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