„Verstehen, abwägen, antizyklisch handeln und Risiken bewusst steuern.“

Richard Schmidt, Co-Fondsmanager des FMM-Fonds
Interview

Interview mit Richard Schmidt, Co-Fondsmanager des FMM-Fonds

04.09.2026 | 06:38 Uhr

Der FMM-Fonds besteht seit fast 40 Jahren. Welche Grundprinzipien haben sich bewährt – und was wurde angepasst?

Unser zentrales Prinzip ist unverändert: Wir investieren unabhängig von starren Indexvorgaben und steuern das Portfolio aktiv durch unterschiedliche Marktphasen. Langfristiges Denken, antizyklisches Handeln sowie Vermögenserhalt und ein angemessenes Chance-Risiko-Verhältnis stehen dabei vor kurzfristiger Ranglistenoptimierung.

Der Kompass bleibt die FMM-Methode: Fundamentale Faktoren bestimmen die strategische Richtung, monetäre Faktoren zeigen das Liquiditätsumfeld, und die Markttechnik hilft, Stimmungsextreme und mögliche Wendepunkte zu erkennen. Hinzu kommt die intensive Analyse einzelner Unternehmen.

Angepasst haben wir vor allem die Umsetzung: Märkte reagieren heute schneller, Informationszyklen sind kürzer. Daher arbeiten wir intensiver mit Szenarien und achten noch stärker auf Liquidität, Positionsgrößen und Korrelationen.

Wie greifen die drei Bausteine der FMM-Methode bei einer Anlageentscheidung ineinander?

Ein Beispiel ist die stärkere Ausrichtung auf europäische Aktien mit hohem Binnenmarktanteil im ersten Halbjahr 2025. Fundamental sprachen fiskalische Impulse und die Aussicht auf robustere Binnennachfrage für ausgewählte europäische Unternehmen. Die unsichere US-Zollpolitik erhöhte zudem die Attraktivität weniger handelsabhängiger Geschäftsmodelle.

Monetär prüften wir, ob Finanzierungsbedingungen und Liquidität eine breitere Erholung unterstützen. Dabei betrachten wir unter anderem Kreditentwicklung, Zinsstruktur, Geldmengen und fiskalische Maßnahmen. Markttechnisch war der Pessimismus gegenüber Europa bereits ausgeprägt. Niedrige Erwartungen können ein attraktives antizyklisches Chance-Risiko-Verhältnis schaffen, wenn sich fundamentale und monetäre Signale verbessern. Anschließend wählten wir Unternehmen mit soliden Bilanzen, belastbaren Cashflows und nachvollziehbaren Ergebnisperspektiven aus.

Welche Indikatoren beobachten Sie aktuell besonders genau?

Derzeit beobachten wir vor allem vier Themenkomplexe. Erstens die Inflationsdynamik: Dazu gehören Energiepreise, Löhne, Dienstleistungsinflation und Inflationserwartungen. Zweitens die Reaktion der Notenbanken und die Zinsstrukturkurven, weil sie sowohl die Konjunktur als auch die Bewertung von Aktien und Anleihen beeinflussen.

Drittens achten wir auf die globale Liquidität: Geldmengen, Kreditimpulse, Bankkonditionen, fiskalische Programme und Kapitalströme. Viertens verfolgen wir geopolitische Risiken und ihre Übertragung auf Ölpreise, Lieferketten, Margen und Investitionsentscheidungen.

Auf Unternehmensebene sind Gewinnrevisionen, Auftragseingänge, Preissetzungsmacht, freie Cashflows und Verschuldung zentral. Markttechnisch beobachten wir Marktbreite, Positionierung, Volatilität, Sentiment und die Frage, ob Kursanstiege von vielen Titeln getragen werden oder nur von wenigen großen Unternehmen. Kein einzelner Indikator entscheidet; relevant ist das Gesamtbild und insbesondere, wo sich Signale gegenseitig bestätigen oder widersprechen.

Wann erhöhen oder reduzieren Sie die Aktienquote deutlich?

Wir erhöhen die Aktienquote, wenn sich das Chance-Risiko-Verhältnis auf mehreren Ebenen verbessert: bei attraktiven Bewertungen, stabileren Gewinnperspektiven, unterstützender Liquidität und übermäßigem Pessimismus oder besserer Marktbreite. Gerade in Stressphasen kann das antizyklische Käufe bedeuten – schrittweise und mit klaren Risikolimits.

Wir reduzieren die Quote, wenn hohe Bewertungen und Erwartungen auf nachlassende Liquidität oder Gewinnentwicklung treffen. Warnsignale sind restriktivere Finanzierungsbedingungen, sinkende Gewinnschätzungen, eine sehr enge Marktführung oder euphorische Positionierung. Es gibt kein mechanisches Ein-Aus-Signal: Wir passen Quoten in Stufen an und prüfen unsere Annahmen laufend.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Value- und Wachstumstitel aus?

Value und Wachstum sind für uns keine starren Gegensätze. Entscheidend ist der Preis für Qualität und künftige Ertragskraft. Bei Value-Titeln suchen wir einen plausiblen Auslöser für eine Neubewertung, etwa höhere Margen, besseren Kapitaleinsatz, Schuldenabbau oder einen zyklischen Wendepunkt. Eine niedrige Bewertung allein kann eine Value-Falle sein.

Bei Wachstumstiteln achten wir auf große adressierbare Märkte, nachhaltige Wettbewerbsvorteile, hohe Kapitalrenditen und die Fähigkeit, Wachstum in freien Cashflow zu übersetzen. Für alle Titel gelten Mindestanforderungen an Bilanzqualität, Management, Governance, Preissetzungsmacht, Aktienliquidität und Risikoprofil. ESG-Faktoren berücksichtigen wir, wenn sie für Geschäftsmodell, Kapitalkosten oder Reputation wesentlich sind.

Was waren wichtige Treiber der Wertentwicklung in den vergangenen Jahren?

Nicht eine einzelne Position, sondern die Kombination aus flexibler Allokation und Titelauswahl war entscheidend. In Phasen von Pandemie, Inflationsschub, Zinswende und geopolitischen Spannungen galt es, die dominanten Treiber früh zu erkennen und die Portfoliostruktur anzupassen.

Unterstützend wirkten die antizyklische Nutzung von Marktverwerfungen, die Steuerung von Zins- und Bewertungsrisiken sowie Unternehmen mit soliden Bilanzen und Preissetzungsmacht. 2025 half die stärkere Ausrichtung auf ausgewählte europäische Binnenmarktwerte. 2026 ergänzten wir angesichts der Spannungen im Nahen Osten Energie- und Versorgerwerte und richteten das Portfolio stärker auf weniger energieintensive Bereiche aus. Nicht jede Entscheidung wirkt sofort; frühere Wertentwicklungen erlauben keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Zukunft.

Welche Lehren ziehen Sie aus den Krisen der vergangenen Jahre?

Erstens: Demut gegenüber Prognosen. Wir arbeiten mit Szenarien statt mit nur einem Basispfad und prüfen, welche Annahmen falsch sein könnten. Zweitens: Liquidität ist ein eigenständiger Risikofaktor. Deshalb achten wir auf handelbare Positionen, angemessene Größen und Handlungsspielräume.

Drittens hat die Rückkehr der Inflation gezeigt, dass historische Korrelationen nicht stabil sind: Aktien und Anleihen können gleichzeitig unter Druck geraten. Diversifikation muss daher über tatsächliche Risikotreiber gedacht werden. Außerdem sind Bilanzqualität, Preissetzungsmacht und belastbare Lieferketten wichtiger geworden. Schnelligkeit hilft nur zusammen mit Disziplin – wir reagieren auf neue Fakten, ohne jedem Nachrichtenimpuls zu folgen.

Was wird sich in fünf Jahren an der Anlagestrategie sicher nicht verändert haben?

Unverändert bleiben wird unser Anspruch, das Geld unserer Anlegerinnen und Anleger mit derselben Sorgfalt zu verwalten wie unser eigenes. Dazu gehören langfristiges Denken, Unabhängigkeit von Moden und Benchmarks sowie die Bereitschaft, Verantwortung für aktive Entscheidungen zu übernehmen.

Ebenso unverändert bleibt die FMM-Methode als Kompass: Fundamental, monetär und markttechnisch analysieren wir das große Bild und verbinden es mit gründlichem Unternehmensresearch. Wir werden weiterhin flexibel zwischen Aktien, Anleihen, Liquidität und gegebenenfalls Edelmetallen steuern, wenn sich das Chance-Risiko-Verhältnis verändert.

Natürlich werden Datenquellen, Technologien und Analysewerkzeuge besser werden – auch künstliche Intelligenz wird Researchprozesse unterstützen. Sie ersetzt aber weder Urteilskraft noch Erfahrung, Unternehmensgespräche oder Risikodisziplin. Die Werkzeuge ändern sich. Der Kern bleibt: verstehen, abwägen, antizyklisch handeln und Risiken bewusst steuern.

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