Am 23. Oktober zeichnet unser Schwestermagazin Courage bei der Night of Finance die „Fondsmanagerin des Jahres 2026“ aus. Als eine der acht Nominierten spricht Madeleine Ronner (DWS) im Interview über die Chancen von KI, die Faszination von Dividenden und ihre erste Aktie.
19.10.2026 | 14:00 Uhr von «Courage redaktion»
Madeleine Ronner investiert dort, wo sich Wirtschaft und Technologie besonders stark verändern. Seit 2015 arbeitet sie bei der DWS und managt heute unter anderem Fonds mit Fokus auf sogenannte Critical Technologies und Industrie. Dazu gehören derzeit Themen wie Automatisierung, Energie-infrastruktur, Halbleiter oder Verteidigung. Gleichzeitig gehört sie zum Managementteam des DWS Top Dividende. Ihr Blick auf die Börse reicht damit von Zukunftstechnologien bis zu etablierten Unternehmen mit soliden Ausschüttungen – eine Mischung, die gerade in unruhigen Marktphasen spannend ist.
Ihr Anlageuniversum reicht von Halbleitern über Automatisierung bis Verteidigung. Welche Technologie ist für Europas Zukunft tatsächlich kritisch?
Madeleine Ronner: Essenzielle Technologien sichern langfristig Europas Handlungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehören vor allem Energieinfrastruktur, Halbleiter, Automatisierung, KI und Verteidigungstechnologien. Ohne eigene Kompetenzen in diesen Bereichen steigt die Gefahr wirtschaftlicher und geopolitischer Abhängigkeiten.
Dabei geht es nicht darum, in jeder Technologie weltweit führend zu sein. Entscheidend ist, in den Bereichen stark aufgestellt zu sein, die für unseren Wohlstand, unsere Sicherheit und unsere industrielle Basis unverzichtbar sind. Gerade in einer Welt, die geopolitisch fragmentierter wird, gewinnen technologische Souveränität und resiliente Lieferketten an Bedeutung. Wer essenzielle Technologien beherrscht, sichert nicht nur Innovationen, sondern auch wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. KI ist eines der großen Börsenthemen.
Wo sehen Sie bereits echte wirtschaftliche Erträge – und wo vor allem Erwartungen?
Die größten realen Erträge sehen wir aktuell bei den Unternehmen, die die Infrastruktur für KI bereitstellen, beispielsweise in den Bereichen Halbleiter, Stromversorgung oder Kühlung. Dort steigen Aufträge und Investitionen bereits heute deutlich. Gleichzeitig halte ich das langfristige Potenzial von KI auch auf der Anwenderseite für enorm. Die möglichen Anwendungsfelder reichen von Software-Entwicklung über Kundenservice bis hin zu Forschung, Produktion und Verwaltung. In vielen Bereichen lässt sich bereits erkennen, wie Prozesse beschleunigt, repetitive Aufgaben automatisiert und Produktivität gesteigert werden können. Die spannende Frage ist deshalb weniger, ob KI Wert schaffen wird, sondern wie schnell und in welchem Umfang sich diese Potenziale tatsächlich realisieren lassen.
Dem enormen Potenzial stehen nämlich auch gewaltige Investitionen gegenüber. Weltweit fließen Hunderte Milliarden in Rechenzentren, Chips und digitale Infrastruktur. Damit die Renditen auf dieses eingesetzte Kapital attraktiv ausfallen, müssen die zukünftigen Ertragssteigerungen ebenfalls sehr groß sein. Deshalb muss man die tatsächlichen Fortschritte und die daraus entstehenden Erträge kontinuierlich neu bewerten. Und genau das macht die Börse jeden Tag. Sie versucht, die Balance zwischen Vision und Realität zu finden.
Welche europäische Industrie wird derzeit von Anlegern unterschätzt?
Ich glaube, dass Europas Stärke bei industrieller Software, Automatisierung und Elektrifizierung häufig unterschätzt wird. Europa verfügt in vielen dieser Bereiche über weltweit führende Unternehmen und eine starke industrielle Basis. Gerade angesichts von Fachkräftemangel, steigenden Lohnkosten und geopolitischer Unsicherheit wird Automatisierung immer wichtiger. Viele Investoren blicken derzeit vor allem auf KI-Software, dabei entsteht ein großer Teil der Produktivitätssteigerung künftig in der physischen Welt. Sie beschäftigen sich auch mit Verteidigung.
Haben sich Ihre eigenen Maßstäbe für Investments in diesem Bereich verändert?
Die öffentliche Wahrnehmung des Verteidigungssektors hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Die geopolitischen Entwicklungen haben das Bewusstsein dafür geschärft, welche Bedeutung Sicherheit für wirtschaftliche Stabilität und staatliche Handlungsfähigkeit hat.
Die Investmentkriterien sind für mich jedoch dieselben wie in jedem anderen Sektor. Ich schaue auf die Qualität des Geschäftsmodells, die Wettbewerbsposition, die Bewertung und die langfristigen Wachstumsperspektiven. Dividenden wirken neben KI und Raumfahrt fast altmodisch.
Was fasziniert Sie trotzdem daran?
Dividenden kommen nie aus der Mode. Ein Unternehmen, das über viele Jahre Dividenden zahlt und steigert, beweist oft die Qualität seines Geschäftsmodells. Gleichzeitig sind Dividenden ein wichtiger Teil der langfristigen Gesamtrendite.
Ihre Bedeutung hängt natürlich auch von der Risikobereitschaft des jeweiligen Investors ab. Für viele Anleger können dividendenstarke Unternehmen einen wichtigen Anker im Portfolio bilden, gerade in volatileren Marktphasen. Dividenden sind für mich ein sehr greifbarer Beleg für Wertschöpfung. Sie zeigen, dass ein Unternehmen nicht nur von Zukunftsvisionen lebt, sondern nachhaltig Gewinne erwirtschaftet und seine Aktionäre daran beteiligt. Glauben Sie, dass mehr Frauen in Investmentteams auch zu anderen Investmententscheidungen führen? Ich glaube, dass unterschiedliche Perspektiven bessere Entscheidungen ermöglichen. Gute Investment-Entscheidungen entstehen selten dadurch, dass alle dieselbe Meinung haben. Vielfältige Teams hinterfragen Annahmen oft stärker und vermeiden eher Gruppendenken. Davon profitiert am Ende die gesamte Investment-Kultur.
Was war Ihre erste eigene Aktie?
Meine erste eigene Aktie war die Deutsche Bank. Direkt nach dem Abitur hatte ich ehrlich gesagt noch wenig Berührungspunkte mit Aktien. Mit dem Start meines dualen Studiums konnte ich dann aber über das Mitarbeiteraktienprogramm meine ersten Erfahrungen als Aktionärin sammeln. Umso spannender war es, plötzlich selbst Aktionärin zu sein und die Kursschwankungen mit ganz anderen Augen zu verfolgen.
Ich glaube, dass solche Mitarbeiterprogramme einen wichtigen Beitrag zur Aktienkultur leisten können. Sie ermöglichen einen sehr praktischen und greifbaren Einstieg in die Welt des Investierens. Gleichzeitig sollte man natürlich immer auf eine ausreichende Diversifikation achten.
Madeleine Ronner ist eine von acht Nominierten für die Goldmarie 2026 in der Kategorie „Fondsmanagerin des Jahres“. Die Gewinnerin wird am 23. Oktober 2026 bei der ersten Night of Finance in München von unserem Schwestermagazin Courage ausgezeichnet.
Bisher erschienen sind Interviews mit folgenden Nominierten :
Jennifer Nerlich von Allianz Global Investors „KI ist für uns eher die nächste Evolutionsstufe als eine Revolution“
Verena Diehl von Union Investment: „Richtig gute Firmen sind für gute und schlechte Zeiten gewappnet“
Rosanna Burcheri von Fidelity International: „Disziplin ist entscheidend, weil sie dafürsorgt, dass man ehrlich zu sich selbst bleibt“
Cornelia Foit von Bantleon: „Gute Arbeit spricht nicht immer automatisch für sich“
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