Am 23. Oktober zeichnet das Frauenfinanzmagazin Courage die „Fondsmanagerin des Jahres 2026“ aus. Als eine der acht Nominierten spricht Jennifer Nerlich (Allianz Global Investors) im Interview über sytematisches Investieren, den Nutzen von KI und die überschätzteste Kennzahl für Anleger.
09.10.2026 | 14:00 Uhr von «Courage Redaktion»
Jennifer Nerlich arbeitet als Portfolio Manager Systematic Equity bei Allianz Global Investors und gehört zu einer Generation von Fondsmanagerinnen, für die Big-Data-Analyse und Kapitalmarkt selbstverständlich zusammengehören. Im Team für systematische Aktienstrategien nutzt sie quantitative Modelle für die Titelauswahl und Portfoliosteuerung. Zuvor war sie bei Invesco im quantitativen Portfoliomanagement und beim Indexanbieter Solactive tätig, wo sie sich auch mit ESG und Nachhaltigkeit beschäftigte. Nerlich hat Finance an der Frankfurt School studiert, ist CFA Charterholder und Certified ESG Analyst. Ihr Profil zeigt ziemlich gut, wie stark sich Fondsmanagement verändert hat: Zahlen, Modelle und Daten spielen heute eine deutlich größere Rolle als früher.
Sie treffen Investmententscheidungen stark auf Basis von Daten und
Modellen. Wie viel Raum bleibt dabei noch für Intuition?
Jennifer Nerlich: Unser Best-Styles-Investmentmodell, ein sogenanntes
Multi-Faktor-Modell, bildet den Kern meines Anlageprozesses. Dabei verlasse ich
mich nicht auf ein neu entwickeltes Konzept, sondern auf einen Ansatz, der seit
mehr als 25 Jahren im Team kontinuierlich weiterentwickelt und erfolgreich
eingesetzt wird. Die Portfoliokonstruktion folgt klaren, datenbasierten Regeln
und soll sicherstellen, dass Anlageentscheidungen konsistent und frei von
emotionalen Einflüssen getroffen werden. Intuition spielt bei uns daher nicht
die klassische Rolle, die man häufig mit aktivem Management verbindet. Wir
glauben, dass einzelne Gespräche mit Unternehmensvorständen oder subjektive
Einschätzungen allein keinen dauerhaften Informationsvorsprung schaffen.
Insbesondere in einem globalen Anlageuniversum mit mehreren Tausend Unternehmen
ist ein solcher Ansatz nur begrenzt skalierbar. Daher beurteilen wir die
Attraktivität eines Unternehmens konsequent anhand quantitativer Daten und
fundamentaler Kennzahlen.
Dennoch ist menschliches
Urteilsvermögen unverzichtbar. Ein wichtiger Bereich ist die Datenqualität.
Obwohl wir umfangreiche quantitative Kontrollmechanismen einsetzen, kann die
Erfahrung eines Portfoliomanagers helfen, Auffälligkeiten zu erkennen. Wenn Ergebnisse
oder Daten nicht plausibel erscheinen, hinterfragen wir Quellen und Analysen,
bevor sie in den Investmentprozess einfließen.
Auch im Risikomanagement spielen
Erfahrung und eine gewisse Intuition eine wichtige Rolle. Wir versuchen nicht,
das Ergebnis politischer Ereignisse oder großer Markttrends vorherzusagen,
sondern diese frühzeitig zu erkennen. Bei potenziell marktbewegenden
Ereignissen, etwa Wahlen oder anderen Unsicherheitsfaktoren wie dem KI-Boom,
achten wir darauf, dass das Portfolio keine unbeabsichtigten Risiken gegenüber
der Benchmark eingeht. Diese Disziplin hilft uns, auch in volatilen Marktphasen
stabil zu bleiben und die langfristigen Ertragsquellen der Strategie zu
vereinnahmen.
Was war bisher die Investmententscheidung, bei der Sie am stärksten an
Ihrem eigenen Modell gezweifelt haben?
Gerade beim systematischen
Investieren hat die einzelne Investmententscheidung in eine Aktie bewusst nur
ein geringes Gewicht. Ich verantworte unter anderem den nachhaltig
ausgerichteten Publikumsfonds Allianz Best Styles Global Equity SRI, der
typischerweise mehr als 250 Aktien hält. Der Fokus liegt nicht auf einzelnen
Unternehmen, sondern auf der Vereinnahmung verschiedener Prämien, die mit
unseren Faktoren verbunden sind.
Am stärksten hinterfragt man ein Modell daher meist nicht wegen einer einzelnen Aktie, sondern dann, wenn mehrere Faktoren über einen längeren Zeitraum nicht funktionieren. Eine solche Phase haben wir 2018 und 2019 erlebt, als Faktoren wie Bewertung oder Momentum vom Markt zeitweise deutlich weniger honoriert wurden als in der Vergangenheit.
Natürlich haben wir diese
Entwicklung intensiv analysiert. Dabei geht es nicht darum, auf kurzfristige
Marktbewegungen zu reagieren, sondern vorausschauend zu prüfen, ob die zugrunde
liegenden ökonomischen Zusammenhänge weiterhin Bestand haben. Rückblickend war
gerade das Festhalten an einem disziplinierten Prozess eine wichtige
Erkenntnis. Faktorprämien entfalten ihren Mehrwert nicht kontinuierlich,
sondern über längere Zeiträume. Geduld, Disziplin und ein langfristiger
Horizont sind daher wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg eines
systematischen Investmentansatzes.
Wenn Mensch und Modell zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Wann darf
der Mensch das Modell überstimmen?
Grundsätzlich gilt: Wir investieren bewusst systematisch. Entsprechend stecken wir sehr viel Arbeit in die Entwicklung, Überprüfung und Weiterentwicklung unseres Modells. Wenn die Regeln einmal definiert sind, sollten nicht Emotionen oder kurzfristige Markteinschätzungen dazu führen, dass wir das Modell übersteuern.
Gleichzeitig wissen wir sehr genau, was unser Modell leisten kann und wo seine Grenzen liegen. Das Best-Styles-Modell ist darauf ausgelegt, attraktive Aktien anhand etablierter Faktoren zu identifizieren – kombiniert mit einem umfassenden Risikomanagementansatz. Daneben gibt es jedoch Risiken, die nicht unmittelbar Teil klassischer Aktienfaktoren sind. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Kredit- oder Ausfallrisiken. Auch wenn diese Risiken nicht aus dem Aktienmodell selbst kommen, können sie erhebliche Auswirkungen auf den Aktienkurs haben. In solchen Fällen können wir aus Risikomanagementgründen eingreifen.
Ein weiterer Bereich ist die Nachhaltigkeit. Unser Best Styles Global Equity SRI Fund verfolgt das Ziel, ESG-Risiken aktiv zu steuern und das Portfolio auf Unternehmen mit positiven Nachhaltigkeitsmerkmalen auszurichten. Nachhaltigkeitsratings und ESG-Kennzahlen liefern hierfür eine wichtige Grundlage, sie erfassen jedoch nicht immer das vollständige Bild. Deshalb prüfen wir in Einzelfällen auch qualitative Informationen. Wenn ein Unternehmen zwar alle systematischen Kriterien erfüllt, gleichzeitig aber schwerwiegende Nachhaltigkeits- oder Governance-Risiken und damit auch finanzielle Risiken erkennbar sind, können wir entscheiden, nicht zu investieren.
Kurz gesagt: Das Modell trifft die
Anlageentscheidungen. Der Mensch sorgt dafür, dass die Daten passen und Risiken
angemessen berücksichtigt werden. Gerade diese klare Rollenverteilung ist aus
unserer Sicht eine wesentliche Stärke eines erfolgreichen quantitativen
Investmentansatzes.
Modelle lernen aus der Vergangenheit. Gerade an der Börse passiert aber
immer wieder etwas, das es so noch nie gegeben hat. Wo liegen die Grenzen
quantitativen Investierens?
Modelle sollen bei uns nicht die Zukunft vorhersagen. Unser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass bestimmte Faktoren wie Qualität, Bewertung oder Momentum Anleger über lange Zeiträume hinweg belohnen. Wir setzen daher auf die disziplinierte Vereinnahmung dieser Faktorprämien und nicht auf kurzfristige Prognosen.
Die Grenzen quantitativen
Investierens liegen vor allem bei unvorhersehbaren Einzelereignissen. Ob eine
Fabrik abbrennt oder ein Managementwechsel erfolgt, lässt sich nicht
modellieren. Deshalb spielen Diversifikation und Risikomanagement eine zentrale
Rolle. Mit mehr als 250 Titeln im globalen Nachhaltigkeitsportfolio helfen sie
uns sicherzustellen, dass die langfristigen Ertragsquellen unserer Faktoren
nicht von einzelnen Unternehmensereignissen oder unerwünschten Markt-, Sektor-
oder Länderwetten überlagert werden.
KI kann heute immer größere Datenmengen auswerten. Wird sie den Job einer
Fondsmanagerin fundamental verändern – oder sogar überflüssig machen?
Die Verarbeitung großer Datenmengen gehört im quantitativen Investieren schon seit Langem zum Alltag. Bei Best Styles arbeiten wir seit 1999 datengetrieben und haben unseren Ansatz kontinuierlich durch neue Methoden und Technologien weiterentwickelt. KI ist für uns daher eher die nächste Evolutionsstufe als eine Revolution.
Bereits heute hilft KI dabei, Informationen effizienter auszuwerten und Arbeitsprozesse zu beschleunigen. Gleichzeitig nutzen wir schon seit Jahren Verfahren der Sprachverarbeitung, um zusätzliche Informationen für die Aktienselektion zu erschließen.
Ob die KI den Fondsmanager eines
Tages ersetzt, kann niemand seriös vorhersagen. Aus heutiger Sicht bleibt
menschliches Urteilsvermögen jedoch unverzichtbar. Gerade an den Kapitalmärkten
sind die verfügbaren Trainingsdaten begrenzt, insbesondere für langfristige
Anlageentscheidungen. KI ist daher ein wertvolles Werkzeug, aber noch kein
Ersatz für Erfahrung, Verantwortung und Risikobewusstsein im Umgang mit
Kundengeldern.
Sie haben sich früh mit ESG und Nachhaltigkeitsdaten beschäftigt. Hat sich
Ihr Blick auf nachhaltiges Investieren in den vergangenen Jahren verändert?
Ich bin froh, schon lange in diesem Bereich tätig zu sein. Nach einer anfänglichen Phase der Skepsis folgte ein starker ESG-Boom, in dem nachhaltige Strategien enorme Zuflüsse verzeichneten. Heute hat sich der Markt etwas normalisiert, und das halte ich für eine gesunde Entwicklung.
Vor allem beobachte ich, dass Anleger heute ein differenzierteres Verständnis davon haben, was ESG tatsächlich bedeutet. Mit unseren SRI-Portfolios verfolgen wir das Ziel, ESG-Risiken zu steuern, bestimmte kontroverse Geschäftsfelder auszuschließen und Nachhaltigkeitsmerkmale wie den CO₂-Fußabdruck des Portfolios zu verbessern. ESG bedeutet dabei nicht automatisch Impact Investing. Es bedeutet auch nicht, dass jedes Unternehmen, das aus ESG-Perspektive gut aussieht, eine Überrendite bringt oder dass man sich ausschließlich auf erneuerbare Energien fokussiert. Eine fundierte Anlagestrategie ist genauso wichtig wie eine sinnvolle Nachhaltigkeitsimplementierung.
Genau diese unterschiedlichen
Facetten nachhaltigen Investierens stehen heute stärker im Fokus der Gespräche
mit Anlegern. Ich empfinde das als große Bereicherung, denn es ermöglicht einen
offenen Austausch darüber, was Investoren von einem nachhaltigen Produkt
erwarten können und wo dessen Grenzen liegen.
Gibt es einen Faktor oder eine Kennzahl, die Anleger Ihrer Meinung nach
völlig überschätzen?
Wenn ich eine Kennzahl nennen müsste, dann wäre es das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Es ist beliebt, weil es einfach zu verstehen ist. Eine niedrige Bewertung allein macht jedoch noch keine attraktive Aktie. Viele Unternehmen sind aus guten Gründen günstig.
Grundsätzlich wird aus meiner Sicht die Aussagekraft einzelner Kennzahlen überschätzt. Wer ein Unternehmen oder sogar ein Portfolio anhand einer einzigen Kennzahl beurteilt, übersieht oft wichtige Zusammenhänge.
Deshalb kombinieren wir unterschiedliche Faktoren wie Bewertung, Qualität und Momentum. Erst das Zusammenspiel verschiedener Merkmale liefert ein robusteres Bild der Attraktivität eines Unternehmens und eines Portfolios. Genau deshalb bin ich so überzeugt von unserem breit diversifizierten Multi-Faktor-Ansatz statt von der Vorhersagekraft einer einzelnen Kennzahl.
Jennifer Nerlich ist eine von acht Nominierten für die Goldmarie 2026 in der Kategorie „Fondsmanagerin des Jahres“. Die Gewinnerin wird am 23. Oktober 2026 bei der ersten Night of Finance in München von Courage und TiAM ausgezeichnet.
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