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Fondsmanagerin des Jahres-Kandidatin Burcheri: „Disziplin ist entscheidend, weil sie dafür sorgt, dass man ehrlich zu sich selbst bleibt“

Foto: Rosanna Burcheri © Fidelity International
Auszeichnung

Am 23. Oktober zeichnet das Frauenfinanzmagazin Courage die „Fondsmanagerin des Jahres 2026“ aus. Nominiert ist auch Rosanna Burcheri von Fidelity International. Im Interview spricht die Fondsmanagerin über Risiko, Verantwortung und langfristigen Anlageerfolg.

13.10.2026 | 16:15 Uhr von «Courage Redaktion»

Rosanna Burcheri blickt auf rund 25 Jahre Investmenterfahrung zurück. Die gebürtige Italienerin studierte an der Bocconi-Universität in Mailand und arbeitete unter anderem für Paribas Asset Management, die Investmentgesellschaft M&G, den Pensionsfonds von Shell, die Hedgefondsgesellschaft FrontPoint und die Asset-Management-Boutique Artemis, bevor sie 2021 zu Fidelity International wechselte. Dort verantwortet sie US-Aktienstrategien mit einem klaren Value-Investing-Ansatz.

Auch ihr eigener finanzieller Weg war nicht ganz frei von kleinen „Sünden“: Ihren ersten größeren Bonus gab sie für eine Handtasche von Gucci aus. Weniger glamourös, dafür umso lehrreicher war eine frühe Investition in eine stark schwankende Biotech-Aktie. Sie zeigte ihr, wie schnell sich ein vermeintliches Schnäppchen in ein Risiko verwandeln kann.

Ihr Vater hat die Ausgaben der Familie akribisch dokumentiert. Haben Sie diese Gewohnheit übernommen – und führen Sie sie vielleicht sogar bis heute fort?

Rosanna Burcheri: Gute Gewohnheiten legt man nicht ab. Ich habe mir diese Disziplin bewahrt und sie auch an meine Söhne weitergegeben. Bis heute gleiche ich zweimal im Monat Rechnungen und Belege mit meinen Bank- und Kreditkartenabrechnungen ab – am liebsten an verregneten Wochenenden.

Diese Disziplin hat sich für mich in mehrfacher Hinsicht ausgezahlt. Zum einen habe ich immer sehr schnell bemerkt, wenn meine Kartendaten gestohlen oder missbräuchlich verwendet wurden. Zum anderen hilft sie mir, den Bezug zur Realität nicht zu verlieren und bewusst wahrzunehmen, wohin das Geld fließt. Am wichtigsten ist vielleicht, dass man dadurch lernt, offen und ehrlich über Geld zu sprechen und keine Angst davor zu haben. Ich halte das für eine sehr wertvolle Gewohnheit, die wir an die nächste Generation weitergeben sollten.

Sie sind in einer Familie aufgewachsen, in der das Geld knapp war. Hat Sie das als Fondsmanagerin risikoscheuer gemacht?

Als Portfoliomanagerin ist es meine Aufgabe, Risiken einzugehen. Deshalb würde ich mich nicht als risikoscheu bezeichnen. Mein familiärer Hintergrund hat mich jedoch sicherlich sensibler für Verlustrisiken und für die Bedeutung eines disziplinierten Risikomanagements gemacht.

Als ich bei FrontPoint den Hedgefonds verwaltete, führte ich eine feste Regel in den Anlageprozess ein: Sobald ich bei einer Position 150 Basispunkte verlor – also so viel wie die jährliche Managementgebühr –, musste ich die Position schließen und durfte eine Woche lang nicht erneut einsteigen. Ich nannte das die „Abkühlphase“.

Wenn man keine Position mehr hält – weder long noch short –, verändert sich die eigene Sichtweise. Ich erinnere mich, dass andere Portfoliomanager und auch Kunden dieser Regel widersprachen. Ihr Argument lautete: Wenn man weiterhin von einer Position überzeugt sei, müsse man sie aufstocken. Meine Haltung war und ist eine andere: Wenn ich mit einer einzigen Position einen Verlust in Höhe der gesamten jährlichen Managementgebühr verursache, ist es meine treuhänderische Pflicht, die Anlage noch einmal unvoreingenommen zu prüfen. Diese Disziplin und Denkweise haben mir während meiner gesamten Laufbahn sehr geholfen.

Von Ihrem ersten Bonus haben Sie sich eine kleine Gucci-Handtasche gekauft. Würden Sie das heute wieder tun – oder das Geld lieber anlegen?

Ich würde diesen Kauf auf jeden Fall noch einmal tätigen. Damit wollte ich meinem jüngeren Ich sagen: „Das hast du gut gemacht, meine Liebe“, und einen wichtigen Moment in meinem Leben würdigen.

Übrigens besitze ich die Handtasche noch immer und benutze sie auch nach wie vor. Vielleicht war sie also doch eine ziemlich gute Investition – und außerdem ein schönes Erinnerungsstück.

Sie verfolgen einen Value-Ansatz. Wann ist eine Aktie tatsächlich unterbewertet – und wann ist sie aus gutem Grund einfach nur billig?

Das ist eine sehr gute Frage – und eine, die ich mir jedes Mal stelle, wenn ich ein Unternehmen analysiere. Entscheidend ist die feine, aber grundlegende Unterscheidung zwischen Preis und Wert. Der Kurs einer Aktie kann aus sehr guten Gründen fallen. Am US-Markt geschieht das beispielsweise häufig, wenn ein Unternehmen seine Prognosen verfehlt hat oder sich die Erwartungen für das kommende Jahr zahlenmäßig verändert haben.

Ich versuche in einer solchen Situation, den inneren Wert des Unternehmens zu ermitteln. Welchen Wert haben seine materiellen und immateriellen Vermögenswerte? Was sind sein Geschäftsmodell, seine Marke oder seine Plattform wert? Wie hoch ist seine zugrunde liegende Fähigkeit, nachhaltige Cashflows zu erwirtschaften? Und ganz entscheidend: Welche Annahmen über das Wachstum des freien Cashflows in den kommenden zehn Jahren sind im heutigen Aktienkurs bereits enthalten?

Liegt der Marktpreis unter dem Wert, den ich für den tatsächlichen inneren Wert des Unternehmens halte, und gibt mir meine Analyse genügend Sicherheit für diese Einschätzung, ziehe ich einen Kauf in Betracht. Der richtige Einstiegszeitpunkt ist allerdings noch einmal eine andere Frage.

Was ist für eine Fondsmanagerin schwieriger: eine Aktie mit Verlust zu verkaufen oder sich von einem großen Gewinner zu trennen?

Beides sind schwierige Entscheidungen. Nach meiner Erfahrung fällt es jedoch schwerer, eine Aktie mit Verlust zu verkaufen. Denn im Hinterkopf meldet sich immer diese leise Stimme, die einem sagt, dass man genau am Tiefpunkt verkauft.

Gerade deshalb ist es so wichtig, einen klar definierten Kauf- und Verkaufsprozess zu haben, dessen Regeln feststehen, bevor Emotionen ins Spiel kommen. Ebenso wichtig ist es, diesen Prozess gegenüber den Kunden transparent zu machen. Disziplin ist entscheidend, weil sie dafür sorgt, dass man ehrlich zu sich selbst bleibt – insbesondere dann, wenn eine Entscheidung unangenehm ist.

Gab es in Ihrer Karriere Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, sich zwischen beruflichem Aufstieg und Familie entscheiden zu müssen?

Ständig – und ich vermute, dass es Frauen in vielen Branchen ähnlich geht. Als Ehefrau, Mutter und Vollzeitberufstätige versucht man fortwährend, unterschiedliche und miteinander konkurrierende Prioritäten unter einen Hut zu bringen.

Interessanterweise entwickelt man dadurch eine beruflich sehr wertvolle Fähigkeit: Man wird ausgesprochen gut im Planen und Organisieren. Noch wichtiger ist vielleicht, dass man lernt, zu erkennen, worauf es wirklich ankommt, und alles Unwesentliche konsequent auszublenden.

Das hat mir gerade als Portfoliomanagerin sehr geholfen. An einem einzigen Tag erhält man mitunter 300 oder mehr E-Mails, verarbeitet enorme Mengen an Echtzeitinformationen, wechselt zwischen Gesprächen mit Unternehmen und Kundenterminen und muss trotzdem genügend Zeit und geistigen Freiraum zum Nachdenken finden. Die Fähigkeit, kompromisslos Prioritäten zu setzen, ist für mich von unschätzbarem Wert.

Welches finanzielle Wissen würden Sie der nächsten Generation besonders gern mitgeben?

Ich würde der nächsten Generation empfehlen, sich intensiv mit der Geschichte der Finanzkrisen zu beschäftigen. Es ist ungemein lehrreich, nicht nur zu verstehen, was geschehen ist, sondern auch, warum und wie es dazu kam – und welche Eigenschaften die beteiligten Personen hatten.

Die Beschäftigung mit Krisen lehrt uns, Zusammenhänge zwischen Makroökonomie, einzelnen Unternehmen und Branchen, geografischen Gegebenheiten, Politik und Geopolitik zu erkennen.

Während einer gesamten Laufbahn in der Investmentbranche ist genau das täglich gefragt. Dieses historische Wissen halte ich gerade heute für besonders wertvoll – in Märkten, in denen passive Strategien einen erheblichen Anteil der Anlageaktivitäten ausmachen.

Rosanna Burcheri ist eine von acht Nominierten für die Goldmarie 2026 in der Kategorie „Fondsmanagerin des Jahres“. Die weiteren Kandidatinnen stellen wir Ihnen in den kommenden zwei Wochen vor. Die Gewinnerin wird am 23. Oktober 2026 bei der ersten Night of Finance in München von Courage und TiAM ausgezeichnet.


Bisher erschienen sind Interviews mit folgenden Nominierten : 

Jennifer Nerlich von Allianz Global Investors „KI ist für uns eher die nächste Evolutionsstufe als eine Revolution“

Verena Diehl von Union Investment: „Richtig gute Firmen sind für gute und schlechte Zeiten gewappnet“

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