Am 23. Oktober zeichnet das Frauenfinanzmagazin Courage die „Fondsmanagerin des Jahres 2026“ aus. Als eine der acht Nominierten spricht Vera Diehl (Union Investment) im Interview über erkennbaren Enthusiasmus, starke Firmen und lehrreiche Fehler.
12.10.2026 | 16:00 Uhr von «Courage-Redaktion»
Vera Diehl ist Portfoliomanagerin Aktien bei Union Investment und seit mehr als drei Jahrzehnten im Fondsmanagement zu Hause. Seit 2002 arbeitet sie bei Union Investment und kümmert sich heute um globale Maschinenbautitel sowie Unternehmen aus den Bereichen Aerospace & Defense. Dass sie überhaupt an der Börse gelandet ist, war eher Zufall: Während eines Studienaufenthalts in London stieß sie im „Evening Standard“ auf eine Stellenanzeige und bekam ihren ersten Job im Fondsmanagement bei Morgan Stanley Asset Management. Später wechselte sie ins Aktienresearch von Merrill Lynch. Geprägt haben sie auch die großen Krisen der vergangenen Jahre – allen voran die Finanzkrise rund um den Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008.
Sie sind mehr oder weniger durch eine Zeitungsannonce
Fondsmanagerin geworden. Was wären Sie geworden, wenn Sie an diesem Tag den
„Evening Standard“ nicht aufgeschlagen hätten?
Vera Diehl: Dann wäre ich höchstwahrscheinlich in einem Unternehmen im
Rechnungswesen oder Controlling gelandet.
Woran merken Sie nach zehn Minuten, ob ein Vorstand sein Unternehmen
wirklich im Griff hat?
An seiner gelassenen,
unangestrengten Körperhaltung und an der Art, wie er meine Fragen beantwortet.
Am besten ist es, wenn der Enthusiasmus für die Zukunftsstrategie der Firma aus
den Augen leuchtet und man sieht, dass er mit Herzblut dabei ist! Die „Hausaufgaben“
der Analyse habe ich ja schon im Vorfeld gemacht und habe seinen Track Record
beim Gespräch vor Augen – dann muss er im Gespräch verständlich und klar seine
zukünftige Strategie darlegen.
Sie können praktisch jeden Vorstand treffen und eine Stunde lang ausfragen.
Wer hat Sie in einem solchen Gespräch einmal völlig überrascht?
Der ehemalige CFO von Masco aus den
USA ist mir im Meeting eingeschlafen. Er war völlig übernächtigt und hatte
Jetlag.
Sie haben die Lehman-Krise als besonders prägende Erfahrung bezeichnet. Hat
sie Sie dauerhaft vorsichtiger gemacht?
Definitiv! Das war für mich das
einschneidendste Aktienjahr – weil man nicht wusste, wie lange die Krise dauern
würde! Ich bin seitdem auf Qualitätsaktien fixiert und mag sehr gerne Firmen
mit hohen operativen Margen, die als Puffer für schwierige Zeiten dienen! Und
natürlich auch gerne starke Bilanzen mit Cash, um die Flexibilität der
Firmenstrategie gewährleisten zu können.
Maschinenbau und Rüstung gehören derzeit zu den spannendsten, aber auch
politischsten Branchen. Wie weit darf gesellschaftliche Debatte eine
Investmententscheidung beeinflussen?
Nun, eigentlich gar nicht – die
richtig guten Firmen zeigen uns, dass sie für gute und auch für schlechte
Zeiten gewappnet sind und weiterwachsen können! Zum Beispiel mit gefragten
Produkten und einem hohen Marktanteil, der mit einem „Moat“ (also mit einem
„Burggraben“/Alleinstellungsmerkmal) gegenüber dem Wettbewerb geschützt ist und
auch weiter ausgebaut werden kann!
Anleger sprechen gern über ihre Gewinner. Fondsmanager müssen sich auch
intensiv mit ihren Fehlern beschäftigen. Welche Fehleinschätzung hat Sie am
meisten gelehrt?
Mein allererster Fehler im Jahr
1993 – die Kaufempfehlung auf die norwegische Firma Oceanor. Die Firma stellte
Messbojen für die Erfassung von Wetter-, Wellen- und Ozeandaten her. Oceanor
war eine Pionierin auf ihrem Gebiet und intern noch nicht so in ihren
Strukturen aufgestellt, wie sie hätte sein sollen, um ihr Wachstum im Griff zu
haben. Besonders als Anfängerin konnte man dies nicht ahnen oder von außen
sehen! In der Zwischenzeit habe ich gelernt, wo ich ansetzen muss, um z. B. bei
Neuemissionen ohne nachweisliche Erfolgsbilanz solche internen Strukturen
durchleuchten zu können.
Sie arbeiten seit mehreren Jahrzehnten im Fondsmanagement und haben die
Branche in einer Zeit erlebt, in der Frauen dort noch deutlich seltener waren.
Was hat sich für Frauen wirklich verbessert – und was erstaunlich wenig?
Verbessert haben sich in den drei
Jahrzehnten, in denen ich in der Branche arbeite, die Aufstiegsmöglichkeiten
für Frauen! M. E. kam die Wende, als auch Männer Erziehungsurlaub nehmen
konnten und dies kein „Malus“ im Lebenslauf mehr war.
Was sich leider nicht verbessert
hat, ist die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern – sie klafft weiterhin
bei rund 18 Prozent.
Vera Diehl ist eine von acht Nominierten für die Goldmarie 2026 in der Kategorie „Fondsmanagerin des Jahres“. Die weiteren Kandidatinnen stellen wir Ihnen in den kommenden zwei Wochen vor. Die Gewinnerin wird am 23. Oktober 2026 bei der ersten Night of Finance in München von Courage und TiAM ausgezeichnet.
Bisher erschienen: Jennifer Nerlich von Allianz Global Investors „KI ist für uns eher die nächste Evolutionsstufe als eine Revolution“
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