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„Für Vermittler ist es eine große Chance, ihre Beratungsqualität unter Beweis zu stellen“

Frank Rottenbacher
Altersvorsorge

Die Reform der privaten Altersvorsorge ist für AfW-Vorstand Frank Rottenbacher ein überfälliger Paradigmenwechsel. Gleichzeitig kritisiert er das geplante Standarddepot ohne Beratung und die strikte Kostenfixierung der Politik. Im Interview erklärt er, warum Vermittler jetzt gefordert sind und welche Chancen die Reform dennoch bietet.

10.07.2026 | 08:25 Uhr von «Peter Gewalt»

TiAM FundResearch: Herr Rottenbacher, der AfW begrüßt die Reform der privaten Altersvorsorge grundsätzlich. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Verbesserung? 

Frank Rottenbacher: Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht der mentale Wandel in der Politik. Jahrzehntelang galt Altersvorsorge am Kapitalmarkt in Deutschland als beinahe tabu. Alles musste garantiert sein, jede Einzahlung abgesichert. Die Folgen dieser Denkweise haben wir spätestens in der Niedrigzinsphase gesehen. Jetzt setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass langfristige Altersvorsorge auch am Kapitalmarkt stattfinden muss. Das ist die eigentliche Revolution – und dafür gebührt sowohl der vorherigen als auch der aktuellen Bundesregierung Anerkennung. 

Warum messen Sie diesem Perspektivwechsel eine so große Bedeutung bei? 

Weil damit eine ideologische Blockade aufgelöst wird. Natürlich hört man noch Aussagen, die Aktienanlagen mit Spekulation gleichsetzen. Aber die Grundhaltung hat sich verändert. Immer mehr politische Akteure akzeptieren, dass langfristiges Investieren nichts mit Zocken zu tun hat, sondern ein sinnvoller Weg ist, Vermögen für das Alter aufzubauen. Deutschland kommt damit zwar spät, aber immerhin in der Realität moderner Altersvorsorge an. 

Welche weiteren Elemente der Reform bewerten Sie positiv? 

Ich halte es für richtig, den Menschen bei einem Teil seiner Altersvorsorge mehr Freiheit bei der Auszahlungsphase zu geben. Nicht jeder möchte eine klassische Verrentung bis ans Lebensende. Wer über Jahrzehnte diszipliniert spart, sollte auch selbst entscheiden dürfen, ob das Kapital beispielsweise über einen Auszahlplan bis zum 85. Lebensjahr genutzt wird. Die Lebensentwürfe der Menschen sind heute viel vielfältiger als früher. Eine Einheitslösung kann das nicht mehr abbilden. 

Trotz Ihrer Zustimmung äußert der AfW deutliche Kritik. Wo liegen die größten Probleme? 

Unsere wichtigsten Kritikpunkte sind das geplante beratungsfreie Standarddepot, die Rolle des staatlich organisierten Vorsorgefonds und die starke Kostenregulierung. Hinzu kommt der Wegfall bisheriger Vergütungsmöglichkeiten. Insgesamt führt das dazu, dass einerseits immer strengere Beratungs- und Dokumentationspflichten gelten, andererseits aber bei diesem Produkt plötzlich auf Beratung verzichtet werden soll. Das passt nicht zusammen. 

Warum halten Sie gerade die Beratungsfreiheit für problematisch? 

Weil wir über Altersvorsorge sprechen und nicht über einen kurzfristigen Konsumkauf. Die Produkte laufen über 30 oder 40 Jahre. Gleichzeitig wissen wir, dass die Finanzbildung in Deutschland oft begrenzt ist. Viele Menschen treffen eine Entscheidung, legen das Thema dann zur Seite und beschäftigen sich jahrelang nicht mehr damit. Genau deshalb ist Beratung wichtig. Wer überall Verbraucherschutz fordert, sollte ihn nicht ausgerechnet bei der Altersvorsorge aushebeln. 

Wie müsste ein sinnvolles Beratungsmodell aussehen? 

Idealerweise sollte es regelmäßige Überprüfungen geben – etwa einmal jährlich. Dann kann die gesamte finanzielle Situation eines Kunden betrachtet werden. Altersvorsorge funktioniert nie isoliert. Es geht immer um das Zusammenspiel von gesetzlicher Rente, privater Vorsorge, betrieblichen Lösungen und weiteren Vermögenswerten. Dafür braucht es unterschiedliche Vergütungsmodelle: Provisionen, Servicegebühren oder Honorare. Wir als AfW sehen das pragmatisch. Entscheidend ist, dass Vermittler und Kunden Wahlfreiheit behalten. 

Wie groß sind die Chancen, dass Ihre Kritikpunkte noch berücksichtigt werden? 

Die grundlegenden politischen Entscheidungen sind gefallen. Bei vielen Details stehen allerdings noch Durchführungsverordnungen aus. Gerade beim geplanten öffentlich verwalteten Fonds sehe ich erhebliche praktische Herausforderungen. Es ist völlig offen, wie die Verwaltung, der Kundenservice oder komplexe Vorgänge wie zum Beispiel Versorgungsausgleiche im Scheidungsfall organisiert werden sollen. Deshalb bin ich skeptisch, ob alle Pläne tatsächlich zum vorgesehenen Zeitpunkt umgesetzt werden können. 

Kontrovers diskutiert wird auch die Begrenzung der Kosten auf ein Prozent. Warum sehen Sie das kritisch? 

Weil Politik und Realität hier auseinanderlaufen könnten. Die Frage ist doch: Gibt es überhaupt Anbieter, die unter diesen Bedingungen wirtschaftlich arbeiten können? Wenn niemand ein entsprechendes Produkt anbieten kann, hilft der schönste Kostendeckel nicht. Besonders bemerkenswert ist, dass die EU beim europäischen Altersvorsorgeprodukt PEPP gerade die Erfahrung gemacht hat, dass zu strenge Kostendeckel ein Erfolgshemmnis sein können und daher den 1-Prozent- Kostendeckel kippen wird. Daraus scheint man in Deutschland bislang wenig gelernt zu haben. 

Sie kritisieren generell die starke Fokussierung auf Kosten. Warum? 

Weil „billig“ nicht automatisch „gut“ bedeutet. Natürlich spielen Kosten eine Rolle. Aber Verbraucher entscheiden in vielen Lebensbereichen nicht ausschließlich nach dem niedrigsten Preis. Niemand würde zum Beispiel bei Kleidung behaupten, dass grundsätzlich immer das billigste Produkt die beste Wahl ist. Gleiches gilt auch für Kapitalanlagen. Manche Kunden bevorzugen ETFs, andere aktiv gemanagte Fonds oder spezielle Nachhaltigkeitsstrategien. Diese Freiheit sollte erhalten bleiben. 

Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz und Chatbots künftig in der Beratung spielen? 

Das Thema wird massiv an Bedeutung gewinnen. Viele Verbraucher besorgen sich heute schon Informationen oder sogar konkrete Anlagevorschläge über KI-Systeme. Dabei stellt sich die spannende Frage, warum für menschliche Berater immer strengere Regeln gelten, während Chatbots teilweise sehr konkrete Empfehlungen geben können, ohne vergleichbaren regulatorischen Anforderungen zu unterliegen. Hier besteht aus meiner Sicht ein Ungleichgewicht. 

Sehen Sie in der Reform eher Risiken oder Chancen für Vermittler? 

Beides. Das Risiko besteht darin, dass FinTechs und Onlineplattformen durch große Kampagnen die Aufmerksamkeit vieler Kunden gewinnen und Wechselprozesse etwa bei Riester-Verträgen stark vereinfachen. Gleichzeitig bietet die Reform enormes Potenzial. Viele Menschen, die sich bisher nicht mit Altersvorsorge beschäftigt haben, könnten erstmals Interesse zeigen. Für Vermittler ist das eine große Chance, ihre Beratungsqualität unter Beweis zu stellen und langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen. 

Zum Abschluss: Wie bewerten Sie die geplante Frühstartrente? 

Frank Rottenbacher: Grundsätzlich sehr positiv. Die Beträge mögen zunächst überschaubar sein, aber das Signal ist wichtig. Kinder und Jugendliche kommen früh mit dem Thema Kapitalmarkt in Berührung. Das kann helfen, Finanzwissen aufzubauen und Berührungsängste abzubauen. Wenn Eltern und Großeltern zusätzlich einzahlen, können durch die steuerfreien Zwischengewinne über die Jahrzehnte beachtliche Vermögen entstehen. Vor allem aber sendet die Frühstartrente die richtige Botschaft: Vermögensaufbau beginnt früh und Kapitalmarkt gehört selbstverständlich zur Altersvorsorge dazu. 

Herr Rottenbacher, vielen Dank für das Gespräch.


Mehr über die Kapitalrente, das Altersvorsorgedepot und weitere Themen zur Altersvorsorge lesen Sie hier https://www.fundresearch.de/altersvorsorge/


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