Fonds im Fokus: „17.000 Dax-Punkte sind durchaus möglich“

Dr. Christian Jasperneite, CIO bei M.M.Warburg & Co, erklärt warum dieser Konjunkturaufschwung so außergewöhnlich ist und welche Märkte jetzt ins Portfolio gehören

07.06.2021 | 07:30 Uhr von «Uli Kühn»

Corona hat unsere Art des Arbeitens massiv verändert. Daher vorab die Frage: Arbeiten Sie noch im Homeoffice ?

Dr. Christian Jasperneite: Heute bin ich tatsächlich im Büro, wir haben die Präsenz auch zuletzt wieder etwas hochgefahren. Mittlerweile dürften schon wieder 30 % oder 35 % der Belegschaft hier sein. Es gab aber eine Zeit, in der tatsächlich nur eine Person pro Büroraum erlaubt war.

Also ist bald alles wieder wie früher?

Jasperneite: Die Welt nach Corona wird sicher eine andere sein. In Zukunft wird es viel selbstverständlicher sein, auch einmal zuhause zu arbeiten – und das ist auch gut so. Oft hilft es aber auch, zusammen in einem Raum zu sitzen. Die Entscheidungsfindung wird direkter und effizienter. Ich freue mich jedenfalls darauf, wieder regelmäßig ins Büro zu gehen, und das tun hier alle.

Viele Fondsmanager sagen, dass sie das Arbeiten im Homeoffice sogar als Vorteil empfinden, weil zum Beispiel Finanzvorstände viel besser zu erreichen seien.

Jasperneite: Ja, oft ist es leichter, einen Zoom-Termin zu bekommen als ein persönliches Gespräch mit einem Finanzvorstand oder einem potenziellen Kunden. Wenn es dann aber zum Beispiel um den konkreten Vertragsabschluss geht, haben physische Treffen große Vorteile. Weiß man, wie Menschen persönlich ticken, können Dinge auch auf dienstlicher Ebene oft schneller abgearbeitet werden. Auch für das Vertrauen ist es wichtig, sich außerhalb der Arbeitsatmosphäre kennenzulernen und abends mal ein Bier zusammen zu trinken.

Haben Sie dem Homeoffice auch etwas Gutes abgewinnen können mit Blick auf die Fitness? Sie sind ja Rennradfahrer.

Jasperneite: Mehr Rennradfahren konnte ich leider nicht. Für das Rennradfahren braucht man mindestens zwei Stunden –­ zu viel für die Mittagspause. Ich bin sogar noch weniger dazu gekommen, denn im Homeoffice kam ich abends noch schlechter vom Rechner weg. Man bekommt eine Mail nach dem Abendessen, beantwortet diese, und schnell sitzt man zwei, drei weitere Stunden am Schreibtisch. Das höre ich auch von anderen.

Kommen wir zu den Märkten. Der DAX ist gerade schon wieder auf ein neues Allzeithoch geklettert. Ist das übertrieben?

Jasperneite: Nicht unbedingt, obwohl auch unser bisheriges Jahresendziel von 16.000 Punkten schon fast erreicht ist. Allerdings sind auch die Konjunkturdaten phänomenal gut. Das produzierende Gewerbe brummt – und würde noch mehr brummen, gäbe es nicht hier und da Knappheiten, etwa bei Chips. Ich habe vor 18 Jahren zusammen mit unserem Chefvolkswirt Carsten Klude ein Konjunkturzyklusmodell entwickelt, in dem wir die Konjunkturdaten und deren Dynamik in Relation zu historischen Daten setzen. Auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten, mit 100 als Optimum, sind wir heute bei 98 Punkten. Das war in den vergangenen 18 Jahren sehr selten der Fall.

Dann hat der Dax noch Luft nach oben?

Jasperneite: In einem solchen Umfeld haben Aktien trotz hoher Bewertung immer noch Potenzial. Was heißt schon hohe Bewertung, wenn die Geldpolitik aus allen Rohren schießt und dies noch eine Weile tun wird? In den USA wird über ein Zurückfahren der extrem expansiven Geldpolitik zumindest geredet, vielleicht kommt es in den nächsten zwölf Monaten dazu. Die EZB wird diese Geldpolitik aber noch lange Zeit betreiben. Daher dürfen Bewertungen auch ein bisschen höher sein. Bei nochmals besserer Konjunktur und höheren Gewinnen können die Kurse sogar noch etwas steigen. 17.000 Punkte bis Ende des Jahres könnten möglich sein, auch wenn Punktprognosen natürlich immer etwas problematisch sind.

Gibt es noch weitere Gründe für diese extrem positive Entwicklung?

Jasperneite: Die Entwicklung ist zum Teil künstlich. Immer einmal haben einzelne Länder kurzfristig die Ausgaben stark erhöht, dass aber weltweit quasi jedes Land 6 Prozent oder gar 10 Prozent des BIP zusätzlich auf den Tisch legt, um die Konjunktur anzuheizen, ist einmalig. Man könnte die gute konjunkturelle Entwicklung auch für ein Strohfeuer halten, das in 12 oder 18 Monaten in sich zusammenfällt. Ich denke aber, dass es sich eher um die Initialzündung handelt für ein über längere Zeit höheres Wachstum. Flankiert werden die Konjunkturprogramme durch die Notenbanken, die den Staaten durch niedrige Zinsen und Anleihekäufe implizit vermitteln, dass sie sich ruhig verschulden können. Gleichzeitig beobachten wir Nachholeffekte beim coronabedingt aufgestauten Konsum und auch bei den Investitionen in langlebige Güter. Niemand hatte erwartet, dass die Industrieproduktion so schnell auf das alte Niveaus zurückkehrt. Viele sehen die Knappheiten als Problem, ich sehe das aber positiv: Das Wachstum verläuft dadurch jetzt etwas schwächer, wird später nicht so schnell wieder zurückgehen.

Das könnte aber auch mehr Inflation bedeuten. Würde das nicht alles zunichte machen?

Jasperneite: Die aktuell relativ hohen Inflationsraten ergeben sich zum Teil aus dem Basiseffekt, außerdem spielen die erwähnten Knappheiten eine Rolle. Das dürfte aber beides ein temporäres Phänomen sein. Für längerfristig hohe Inflationsraten müssten wir in eine Lohn-Preis-Spirale geraten, womit ich aber nicht rechne. Wenn es noch einen so engen Zusammenhang zwischen Inflation und Geldmenge gäbe, hätte sich das schon vor 12 oder 18 Monaten auswirken müssen. Das Ausbleiben hängt wahrscheinlich mit der heute hohen Wettbewerbsintensität und Transparenz durch Globalisierung und Digitalisierung zusammen. Auch ist die Macht der Gewerkschaften bei Weitem nicht mehr so groß wie früher. Die Zeit der Preis-Lohn-Spiralen, wie wir sie aus den 60er, 70er 80er Jahren kennen, ist vorbei.

Und wenn es doch zu nennenswerter Inflation käme: Können oder wollen Notenbanken überhaupt noch dagegenhalten?

Jasperneite: Auch steigende Inflationsraten werden wohl nicht dazu führen, dass die Notenbanken die Zinsen erhöhen oder die Anleihekäufe reduzieren. Die Notenbanken peilen ja auch nicht mehr maximal 2 %, sondern im Schnitt 2 % an. Das heißt: Wir können auch ein paar Jahre 3 % Inflation haben, im Zehnjahresdurchschnitt sind das dann aber immer noch 2 %. Die Notenbanken haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht: Zinserhöhungen waren immer der Trigger für die nächste Rezession – und die will keiner riskieren. Notenbanken sehen sich zunehmend als „fine tuner“, auch auf konjunktureller Ebene, auch wenn es eigentlich nicht ihr Auftrag ist. Und sie verstehen sich zunehmend als „lender of last resort“: Sie sorgen dafür, dass sich Staaten refinanzieren und die hohe Verschuldung lange Zeit aufrechterhalten können.

Wie lange kann das gutgehen?

Jasperneite: Was das Zusammenspiel von Staat und Notenbank angeht, nähern wir uns japanischen Verhältnissen. Als Volkswirt mit klassischer Ausbildung sehe ich das sehr kritisch und gehe davon aus, dass uns das in den kommenden 20 oder 30 Jahren noch riesige Probleme bereiten wird. Aus Investorensicht ist es aber zunächst von Vorteil, da potenzielle Risiken quasi sozialisiert werden und die Discounted Cashflows sehr hoch sind. Daher können die KGVs auch hoch sein und der DAX kann auf 16.000 oder 17.000 Punkte steigen.

Gibt es am Rentenmarkt noch interessante Anlagemöglichkeiten?

Jasperneite: Das Umfeld spricht klar für Aktien. Die Renditen sind extrem niedrig. Steigen sie, dann wären Kursverluste die Folge. Es ist außerdem erschreckend, wie stark die Spreads in den vergangenen Monaten zusammengelaufen sind. Der Markt suggeriert, dass es fast keine Ausfälle mehr gibt – was nicht sein kann. Die attraktiven Chancen, die sich vor Monaten noch boten, sind verschwunden. Man braucht Anleihen unter Diversifikationsaspekten, Performancepotenzial gibt es aber fast nicht mehr.

Was machen aber alle die, trotzdem in Zinspapiere investieren müssen?

Jasperneite: Vermögensverwalter und Fonds haben noch ein paar Möglichkeiten in Nischen wie Micro Finance. Hier ist die Liquidität zwar geringer, die zu erwartende Performance liegt aber etwas über der von Unternehmensanleihen. Auch Cat-Bonds sind eine Möglichkeit, möglichst diversifiziert. Natürlich kann man nicht ein ganzes Rentenportfolio aus Micro Finance und Cat-Bonds zusammenstellen, sie eignen sich aber als Beimischungen. Im Übrigen kommen immer wieder neue Unternehmensanleihen an den Markt. Oft ist die Performance nach der Zuteilung wegen der hohen Nachfrage gut. Für unsere Vermögensverwaltung setzen wir auch auf solche Neuemissionen.

Welcher Aktienmarkt hat Ihrer Ansicht nach in den kommen Monaten das größte Potenzial?

Jasperneite: In der Vergangenheit haben wir meist zu US-Aktien geraten. Heute sind diese aber schon sehr teuer: So liegt das KGV des S&P 500 mittlerweile bei 22, beim DAX sind es nur 15. Noch extremer ist es beim Kurs-Buchwert-Verhältnis: Das liegt für den S&P 500 bei 4,2, für den Nasdaq 100 sogar bei 6,1, für den DAX hingegen nur bei 1,7. US-Aktien waren zwar immer schon ein bisschen teurer. Das ist aufgrund höherer Wachstumsraten auch gerechtfertigt, allerdings vielleicht nicht mehr in dem aktuellen Maße. Ich empfehle, jetzt auch einmal in Richtung China zu schauen. Angesichts der fundamentalen Entwicklung dort ist der Aktienmarkt zu schlecht gelaufen. Der Markt ist für Außenstehende zwar nicht immer leicht einzuordnen, geht man aber pragmatisch vor und blickt auf die Bewertungen, die konjunkturelle Dynamik und das zu erwartende Wachstum, spricht viel für China.

Lohnen neben deutschen Aktien auch andere europäische Märkte?

Jasperneite: Es spricht auch viel für Europa. In den letzten Jahren war man gut beraten, Europa unterzugewichten. Das würde ich in den kommenden Jahren nicht mehr zwangsläufig machen. In Europa sind Geld- und Fiskalpolitik so locker wie in den USA. Und das Gewinnwachstum ist derzeit ähnlich: Für 2021 wird für die S&P 500-Unternehmen ein Gewinnanstieg von 31 % erwartet, für die Stoxx 50-Unternehmen 30,5 %. 2022 sollen es 12 % in den USA und 10 % in Europa sein.

Wie sehen Sie die Chancen von Schwellenländern, jenseits von China?

Jasperneite: Klassischen Schwellenländern wie Russland oder Brasilien kann man sich nur noch mit der Kneifzange nähern. Russland ist eine Diktatur und dann auch noch stark energielastig, und der Sektor ist sehr politisch getrieben und aus ESG-Gesichtspunkten problematisch. Brasilien hat klar an Bedeutung verloren. Emerging Markets heißt heute eigentlich nur noch: Bin ich in China investiert oder nicht? Den Rest kann man sich wohl sparen.

Herr Jasperneite, vielen Dank für dieses Gespräch.


Die interaktiven Videokonferenzen im Überblick:

Dienstag, 22.06.2021

BLI: BL Equities Dividend – qualitativ hochwertige Unternehmen mit guten Wachstumsaussichten

Eine Überzeugung ist bei uns tief verwurzelt: „Keine Kompromisse bei der Qualität!“. So halten wir es auch bei unserem globalen Dividendenansatz. Im Vordergrund steht immer die Qualität eines Unternehmens, die sich u.a. durch seinen Wettbewerbsvorteil ausdrückt. Erst im zweiten Schritt analysieren wir die Dividendenrenditen, welche wir dann wiederum in zwei Kategorien unterteilen. Erfahren Sie in diesem Webinar, welche Auswirkungen dies auf das Risiko-/ Ertragspotenzial des Fonds hat, und warum Dividendenaktien stets ihre Berechtigung in einem diversifizierten Portfolio haben.

Jetzt für die Videokonferenz am 22.06.2021 anmelden

Guy Wagner, Chefanlagestratege von BLI - Banque de Luxembourg Investments
BNP Paribas REIM

Mittwoch, 23.06.2021

Jupiter AM: Glänzende Aussichten für Gold & Silber

Erfahren Sie, wie durch eine aktive Beimischung von Silber sowie Gold- und Silberminenaktien potenziell höhere Renditen erzielt werden können als mit einer reinen Goldallokation und wie eine kleine Allokation in eine Gold- und Silber-Strategie einen sinnvollen Beitrag zur Portfoliodiversifikation leisten kann.

Ned Naylor-Leyland wird zudem Einblick in die aktuelle Positionierung des Jupiter Gold & Silver Fund geben und Ihre Fragen beantworten.

Jetzt für die Videokonferenz am 23.06.2021 anmelden

Ned Naylor-Leyland, Fund Manager (Head of Strategy, Gold & Silver)
BNP Paribas REIM

Donnerstag, 24.06.2021

UBS Real Estate: Immobilienanlagen im Zeichen sich verändernder Arbeits- und Lebenswelten

Arbeits- und Lebenswelten verändern sich in Zeiten der Digitalisierung. Die Pandemie ist ein Beschleuniger des gesellschaftlichen Wandels. Aus den Herausforderungen entstehen Chancen in zukunftsgerichtete und nachhaltige Immobilienanlagen. Aktives nachhaltiges Asset Management in Offene Immobilienfonds, die den Wandel antizipiert, ist das Fundament unserer Anlageentscheidung.

Jetzt für die Videokonferenz am 24. Juni 2021 anmelden.


Dienstag, 29.06.2021

StarCapital AG: Die Welt in zwei Lager? Warum alte Value-und Growth-Definitionen nicht mehr zählen

Value-Aktien dominierten lange Zeit die Renditerankings. Seit der Finanzkrise konnten jedoch Wachstumswerte wesentlich stärker im Kurs wachsen. Doch die (Aktien-)Welt dreht sich weiter und die zwei Lager, in die sie aufgeteilt wurde, lösen sich auf.

Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei StarCapital, nennt die Gründe und erläutert, warum der klassische Value-Ansatz nicht mehr reicht und welche Chancen die Profitable Value-Strategie bietet.

Jetzt für die Videokonferenz am 29. Juni 2021 anmelden.

Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement und Vorstand der StarCapital AG
BNP Paribas REIM

Mittwoch, 30.06.2021

Assenagon Multi Asset-Strategie: Attraktive Renditechancen im Niedrigzinsumfeld und Stabilitätsanker für die individuelle Anlagestrategie

Das aktuelle Niedrigzinsumfeld und volatile Kapitalmarktphasen erfordern zum einen die Aussicht auf Rendite, aber auch einen Stabilitätsanker im Portfolio. Beides konnte der mehrfach ausgezeichnete Fonds Assenagon I Multi Asset Conservative unter Beweis stellen.

Thomas Romig zeigt auf, welche Möglichkeiten im gegenwärtigen Umfeld von Inflationsängsten, möglicherweise steigenden Zinsen und den aktuellen Aktienmarktniveaus im Multi Asset-Kontext bestehen und wie diese aktiv genutzt werden.

Jetzt für die Videokonferenz am 30. Juni 2021 anmelden.

Thomas Romig, Head of Multi Asset Portfolio Management
Assenagon

Donnerstag, 01.07.2021

Neuberger Berman: Private Equity ELTIF - von der Wallstreet zur Mainstreet

Mit dem European Long Term Investment Fund, kurz ELTIF, wurde ein Weg geschaffen, der es auch einer breiteren Investorengemeinschaft ermöglicht, in regulierten Rahmen in illiquide Anlagestrategien zu investieren

Im Webinar werden wir die Chancen des ELTIF vorstellen und wichtige Konzepte für Private-Equity-Investoren erläutern.

Jetzt für die Videokonferenz am 1. Juli 2021 anmelden.

Stefan Becker, Senior Vice President
Neuberger Berman

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