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Investmenttrends: „Gold bleibt als strategische Krisenabsicherung sinnvoll“

Michael Titz
Anlagestrategie

TiAM FundResearch hat Investment-Profis zu den großen Trends an den Kapitalmärkten für das zweite Halbjahr 2026 befragt. Michael Titz, Leiter Investment Office beim Bankhaus Herzogpark, zu den Chancen und Risiken für Anleger.

01.07.2026 | 09:00 Uhr von «Peter Gewalt»

TiAM FundResearch: Welche übergeordneten Markt- und Konjunkturtrends werden aus Ihrer Sicht die zweite Hälfte des Anlagejahrs 2026 prägen, und was bedeutet das für Ihre Asset Allocation?

Michael Titz: Die Grundlinie unseres Jahresausblicks hat sich nicht wesentlich verändert. Wir sehen weiterhin ein konstruktives Kapitalmarktumfeld, das zugleich selektiver, politischer und empfindlicher gegenüber Zins- und Inflationsüberraschungen geworden ist. Die Weltwirtschaft zeigt sich getragen von wesentlichen Investitionstrends tragfähig. Zugleich bleiben Inflation, Staatsverschuldung und geopolitische Risiken deutlich präsenter als in früheren Zyklen.

Für die Asset Allocation bedeutet das: eine relativ neutrale, nicht zu defensive Grundhaltung und keine pauschale Absicherung gegen ein Krisenszenario. Wir setzen insofern auf ein robustes und ausgewogen gestaltetes Portfolio. Auf der Aktienseite achten wir noch stärker auf Qualität, Gewinnwachstum und Bewertung. Auf der Anleiheseite bleiben kürzere bis mittlere Laufzeiten, gute Bonität und eine bewusste Durationssteuerung zentral. Die Inflationsthematik kam für uns nicht überraschend. Deshalb war und ist das Portfolio auch nicht auf ein einfaches „Zinsen fallen, alles steigt“-Szenario angewiesen.

Wo sehen Sie im 2. Halbjahr 2026 die attraktivsten Chancen – sei es regional, auf Ebene der Assetklassen oder bei Themen wie KI, Energiewende und Infrastruktur?

Die attraktivsten Chancen sehen wir dort, wo strukturelles Wachstum inzwischen nicht mehr nur als Zukunftsnarrativ erzählt wird, sondern in realen Umsätzen, Aufträgen und Cashflows sichtbar und etwas planbarer wird. Das gilt insbesondere für den Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Halbleiter, Energieversorgung, Stromnetze sowie Bau-, Industrie- und Infrastrukturkomponenten. Der KI-Boom besteht aus unserer Sicht nicht nur aus Plattform- und Softwareunternehmen, sondern aus einer breiten Wertschöpfungskette: Rechenleistung, Speicher, Strom, Kühlung, Kabel, Netze und industrielle Zulieferer werden zunehmend zu Engpassfaktoren. Software bleibt nach der deutlichen Korrektur antizyklisch interessant, aber nicht blind kaufenswert. Entscheidend ist, ob aus der zuletzt dominierenden KI-Sorge wieder Fantasie wird. Zugleich müssen die Unternehmen zeigen, dass KI nicht nur Risiko, sondern auch Monetarisierungschance ist.

Wir wollen aber kein monothematisches KI-Portfolio bauen. Das Thema bleibt ein wichtiger Baustein, wird jedoch durch defensive Qualitätswerte, vernachlässigte Nachzügler sowie kleinere und mittlere Unternehmen ergänzt. Regional bleiben neben den USA auch Europa, Japan und ausgewählte Schwellenländer relevant, wenn dort attraktive Bewertungen, verbesserte Gewinntrends und eine glaubwürdige Teilhabe an den großen Investitionstrends zusammenkommen.

Welche zentralen Risiken – etwa Inflation, Zinsen, politische Eingriffe oder geopolitische Konflikte – bereiten Ihnen für die zweite Jahreshälfte am meisten Sorge, und wie steuern Sie diese im Portfolio?

Die größten Risiken sehen wir weniger in einem klassischen Konjunktureinbruch als weiterhin in politischen und geopolitischen Ereignissen. Die US-Zwischenwahlen dürften medial und marktpsychologisch das bestimmende Thema werden. Danach könnten Politik, Handelspolitik und internationale Beziehungen wieder deutlich sprunghafter werden. Auch die Lage im Nahen Osten sehen wir nicht so entspannt, wie es die Märkte zwischenzeitlich eingepreist haben. Eine fragile Entspannung ist noch keine belastbare Stabilität, vor allem wenn Energiepreise, Lieferketten und Inflationspsychologie betroffen sind. Hinzu kommt, dass hartnäckige Inflation die Notenbanken weniger flexibel macht und damit die Bewertungsspielräume an den Märkten begrenzt.

Gesteuert werden diese Risiken bei uns nicht über große Richtungswetten, sondern über breite Diversifikation und damit über die konsequente Begrenzung von Konzentrationsrisiken, Qualitätsfokus, disziplinierte Bewertungskriterien und eine bewusste Durationssteuerung. Ergänzend beobachten wir bewährte Sentiment- und Bewertungsindikatoren sehr genau. Auch in einem konstruktiven Marktumfeld ist es wichtig, nicht erst dann vorsichtiger zu werden, wenn die Risiken bereits offensichtlich sind. Gold bleibt als strategische Krisenabsicherung sinnvoll, dürfte aber nach der zwischenzeitlichen Korrektur erst dann wieder stärker in den Fokus rücken, wenn sich die Realzinsen beruhigen oder es zu einer echten markttechnischen Bereinigung gekommen ist. Hochvolatile Kryptoanlagen sehen wir unverändert kritisch.


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