TiAM FundResearch hat Investment-Profis zu den großen Trends an den Kapitalmärkten in diesem Jahr befragt. Thomas Friedberger, stellvertretender CEO von Tikehau Capital, zu den Chancen und Risiken für Anleger im zweiten Halbjahr 2026.
30.06.2026 | 09:45 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundResearch: Welche übergeordneten Markt- und Konjunkturtrends werden aus Ihrer Sicht die zweite Hälfte des Anlagejahrs 2026 prägen, und was bedeutet das für Ihre Asset Allocation?
Thomas Friedberger: In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Investitionsumfeld grundlegend verändert: Regierungen spielen eine größere Rolle in der Wirtschaft, Investitionsausgaben (Capex) werden zu einem wichtigeren Wachstumstreiber, KI verändert ganze Branchen und Geopolitik ist zu einer zentralen Investitionsvariable geworden. Infolgedessen befinden wir uns heute in einem Umfeld mit höheren Renditen, höheren Energiepreisen und hartnäckigerer Inflation. Gleichzeitig dürfte das Wachstum zunehmend eher durch Capex als durch Konsum getragen werden, da Volkswirtschaften mehr in ihre Widerstandsfähigkeit investieren – insbesondere entlang der „4 Ds“: Defense, Dekarbonisierung, Digitalisierung und Deglobalisierung. Europa erscheint hier besonders gut positioniert, weshalb wir den Alten Kontinent gegenüber den USA bevorzugen und uns auf Sektoren und Vermögenswerte konzentrieren, die vom Resilienz-Capex-Zyklus profitieren.
Wo sehen Sie im 2. Halbjahr 2026 die attraktivsten Chancen – sei es regional, auf Ebene der Assetklassen oder bei Themen wie KI, Energiewende und Infrastruktur?
Aus unserer Sicht liegen einige der attraktivsten
Opportunitäten in Unternehmen, die Lösungen zur Stärkung von Resilienz
anbieten. In Private Equity begünstigt das Umfeld heute eher kapitalintensivere
Unternehmen mit geringerer Verschuldung, einem stärkeren Fokus auf ROCE (Return
on Capital Employed) statt auf EBITDA-Wachstum und deutlich geringerer
Abhängigkeit von Multiple Expansion als im vorherigen Zyklus. Für Private Debt
sehen wir die attraktivsten Chancen weiterhin im Large-Cap-Segment, vor allem
in Europa. Im Immobilienbereich liegen Chancen in der Finanzierung von
Rechenzentren (wobei wir Rechenzentrums-Equity meiden). Grundsätzlich glauben
wir, dass die Dekarbonisierung eine der größten Investitionschancen unserer
Generation darstellt, insbesondere in den Bereichen Netzeffizienz,
Elektrifizierung und Energieinfrastruktur. Auch in diesem Segment ist Europa
besonders gut positioniert, und wir sehen zudem viele Argumente, die für
Investmentchancen beim Thema Dekarbonisierung in Asien sprechen.
Welche zentralen Risiken – etwa Inflation, Zinsen, politische Eingriffe oder geopolitische Konflikte – bereiten Ihnen für die zweite Jahreshälfte am meisten Sorge, und wie steuern Sie diese im Portfolio?
Unserer Ansicht nach sind die wesentlichen Risiken die Möglichkeit eines stagflationären Umfelds, geopolitische Spannungen sowie die zunehmende Fragilität, die aus der starken Abhängigkeit des Marktes von KI entsteht, insbesondere in den USA. Tatsächlich ist die US-Wirtschaft inzwischen so stark auf KI angewiesen, dass jede Enttäuschung – sei es durch schwächere Monetarisierung, Verzögerungen beim Ausbau von Rechenzentren, Engpässe bei der Stromversorgung, Finanzierungsbeschränkungen oder günstigere chinesische Disruption – eine deutlich breitere Korrektur auslösen könnte. Die Geopolitik stellt einen weiteren Risikofaktor dar, vor allem mit Blick auf den Nahen Osten, der sowohl als Kapitalquelle für KI-Investitionen als auch als potenzieller Standort für den künftigen Ausbau von Rechenzentren an Bedeutung gewonnen hat.
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