KI-Experte Fabian Westerheide sieht Künstliche Intelligenz erst am Anfang einer Entwicklung, die Wirtschaft, Kapitalströme und geopolitische Macht neu ordnen könnte. Für Investoren bedeutet das nicht nur neue Chancen, sondern auch veränderte Risiken und die Frage, ob klassische Bewertungs- und Risikomodelle noch ausreichen.
14.10.2026 | 10:00 Uhr von «Jörn Kränicke»
Auf der Veranstaltung Morningstar Global Insights Germany sprach KI-Experte Fabian Westerheide (AI for Humans) über technologische Macht, Kapital und Risiken. Seine zentrale Botschaft: Der aktuelle KI-Boom ist aus seiner Sicht nicht das Ende, sondern erst der Beginn einer wesentlich größeren Entwicklung.
Westerheide beschäftigt sich seit rund 15 Jahren intensiv mit Künstlicher Intelligenz. Den heute sichtbaren Durchbruch datiert er auf die Verbindung leistungsfähiger Grafikprozessoren mit modernen Verfahren des maschinellen Lernens. Solche Entwicklungen benötigten häufig ein Jahrzehnt oder länger, bis sie aus der Forschung in Wirtschaft und Politik durchschlagen. Genau an diesem Punkt befinde sich KI nun.
Die Größenordnung des Wandels vergleicht Westerheide mit früheren technologischen Umbrüchen wie Eisenbahn und Elektrizität. Auch damals sei nicht allein eine neue Technologie entstanden. Vielmehr habe sie ganze Industrien verändert und neue wirtschaftliche Strukturen geschaffen. Bei KI sei mit einem ähnlichen Effekt zu rechnen, weil die Technologie potenziell nahezu alle Bereiche der Wirtschaft erfasse.
Dabei hält Westerheide die gegenwärtige Euphorie durchaus für nachvollziehbar. Ein großer technologischer Boom bringe zwangsläufig Übertreibungen, hohe Bewertungen und Unternehmen hervor, die lediglich auf den Trend aufspringen. Gleichzeitig sieht er aber einen grundlegenden Unterschied zu einem klassischen Spekulationszyklus: Hinter dem KI-Boom stehe eine reale technologische Entwicklung mit erheblichen physischen und wirtschaftlichen Investitionen.
Besonders interessant für Anleger ist Westerheides Blick auf die Kapitalströme. Er habe unterschätzt, wie viel Kapital zunächst nicht in Anwendungen, sondern in die notwendige Infrastruktur fließe. Rechenzentren, Chips, Energieversorgung und Netzwerke seien die Grundlage für den weiteren Ausbau der Technologie.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf mögliche Gewinner des KI-Zyklus. Nicht nur die großen Software- und Plattformkonzerne könnten profitieren. Vielmehr entstehe eine breite Wertschöpfungskette rund um Halbleiter, Rechenzentren, Energie und die dafür erforderliche Infrastruktur.
Für Investoren bedeutet das eine wichtige Differenzierung: Wer ausschließlich auf die bekanntesten KI-Konzerne setzt, betrachtet nur einen Teil des technologischen Ökosystems. Westerheide beschreibt deshalb seinen eigenen Investmentansatz als eine Suche nach den Unternehmen, die als „Schaufelproduzenten“ von der Entwicklung profitieren. Bei Robotik habe er beispielsweise nicht allein auf Roboterhersteller gesetzt, sondern auch auf Sensoren, Elektronik und weitere Zulieferer entlang der Wertschöpfungskette.
Noch weitreichender könnte nach Westerheides Einschätzung die Wirkung auf die Produktivität sein. Er berichtet aus seinem eigenen unternehmerischen Umfeld, dass sich mit KI bestimmte Prozesse erheblich beschleunigen und Kosten reduzieren ließen. Mensch und Maschine würden dabei nicht zwangsläufig gegeneinander arbeiten. Vielmehr entstehe ein neues Zusammenspiel, bei dem Unternehmen mit deutlich weniger Personal mehr Leistungen erbringen könnten.
Genau darin liegt aus seiner Sicht allerdings auch eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn bestimmte Tätigkeiten automatisiert werden, verändert sich die Nachfrage nach Arbeitskräften. Besonders betroffen seien nach seiner Einschätzung digitale und standardisierbare Tätigkeiten. Gleichzeitig könne es zu einem paradoxen Nebeneinander von Fachkräftemangel und einem Überangebot an Arbeitskräften kommen, deren bisherige Qualifikationen weniger gefragt seien.
Damit rückt für Unternehmen und Gesellschaft eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über die Technologie selbst hinausgeht: Wie müssen Ausbildung und Weiterbildung organisiert werden, wenn sich Tätigkeitsprofile in deutlich kürzerer Zeit verändern?
Westerheide sieht KI zudem als geopolitisches Machtinstrument. Die technologische Führungsrolle hänge nicht allein von guten Modellen oder Software ab. Entscheidend seien ebenso Chips, Rechenkapazitäten, Energie und die Fähigkeit, die dafür erforderliche Infrastruktur aufzubauen.
Aus seiner Sicht haben die USA bei diesen Voraussetzungen einen erheblichen Vorteil. China wiederum habe den strategischen Wert technologischer Unabhängigkeit erkannt und massiv in eigene Fähigkeiten investiert. Europa müsse sich ebenfalls stärker mit der Frage beschäftigen, wie es kritische Teile der technologischen Infrastruktur selbst bereitstellen könne. Gerade für Deutschland sieht Westerheide dabei einen zentralen Engpass: Energie. KI-Anwendungen und Rechenzentren benötigen enorme Mengen davon. Damit werde die Verfügbarkeit günstiger und verlässlich bereitgestellter Energie zu einem Standortfaktor für die digitale Wirtschaft.
Für Anleger verändert sich damit nicht nur die Liste potenzieller Gewinner. Auch die Risikobetrachtung müsse sich verändern. Traditionelle Modelle basieren häufig auf historischen Daten und der Annahme, dass sich wirtschaftliche Entwicklungen zumindest teilweise aus der Vergangenheit ableiten lassen. Bei einer Technologie, deren Leistungsfähigkeit und Verbreitung sich in kurzer Zeit verändern können, stößt diese Logik an Grenzen.
Westerheides Perspektive legt deshalb nahe, KI weniger als isoliertes Investmentthema und stärker als strukturellen Wandel zu betrachten. Die Auswirkungen reichen von Halbleitern und Energie über Industrie und Robotik bis hin zu Software, Dienstleistungen und Arbeitsmärkten.
Damit steigt allerdings auch die Komplexität für Investoren. Der Boom kann neue Geschäftsmodelle hervorbringen, bestehende Wettbewerbsvorteile aufbrechen und gleichzeitig ganze Branchen unter Druck setzen. Genau diese Kombination aus Chancen und Disruption macht KI zu einem besonderen Investmentthema.
Für Europa sieht Westerheide weniger ein grundsätzliches Problem bei Unternehmen und Forschung als bei der Infrastruktur. Europäische Firmen seien in verschiedenen industriellen und technologischen Nischen durchaus stark. Der Engpass liege stärker bei den Grundlagen der digitalen Wertschöpfung. Das reicht von Rechenkapazitäten über Chips bis zur Energieversorgung.
Für Anleger ist das eine relevante Unterscheidung. Denn vom langfristigen KI-Wachstum profitieren möglicherweise nicht nur diejenigen Unternehmen, die künstliche Intelligenz entwickeln. Auch die Anbieter der physischen Voraussetzungen könnten einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung vereinnahmen.
Westerheides Fazit fällt deshalb weniger wie eine kurzfristige Prognose für einzelne Aktien aus, sondern eher wie eine Beschreibung eines langfristigen Strukturwandels: Die entscheidende Frage sei nicht, ob KI kommt, sondern wie schnell sie sich durch die Wirtschaft bewegt und wer die dafür notwendigen Ressourcen kontrolliert.
Fabian Westerheide ist KI-Investor, Unternehmer und Autor aus Berlin. Seit 2014 investiert er über Asgard Capital, den Investmentarm seiner Familienholding, in Unternehmen im Bereich Künstlicher Intelligenz — inzwischen über 30 Beteiligungen. Seit Dezember 2023 ist er Gründungspartner des AI.FUND. Gemeinsam mit Veronika Westerheide veranstaltet er seit 2017 die Rise of AI Conference in Berlin. 2024 erschien sein Buch „Die KI-Nation: Zwischen Dystopie und Utopie“, das er auf Einladung des Kanzler-Teams im Bundeskanzleramt vorstellte. 2017 war er als Sachverständiger im Ausschuss Digitale Agenda des Deutschen Bundestages geladen. Er schreibt Kolumnen für deutsche-startups.de und das AI Mag. (jk)
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