#Hohe Zinsen machen Anleihen wieder attraktiv. Für Dr. Roger Ruegg eröffnet das neue Chancen für ausgewogene Portfolios. Der Leiter Multi-Asset bei Swisscanto/ZKB erklärt, warum Diversifikation jetzt wichtiger wird und welche Anlageklassen er bevorzugt.
03.11.2026 | 13:30 Uhr von «Peter Gewalt»
Herr Dr. Rüegg, erleben Anleihen aktuell ein Comeback?
Ja, das sehen wir tatsächlich. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen liegen inzwischen auf einem Niveau, das im Vergleich zur Inflation wieder attraktive Realrenditen bietet. Dadurch gewinnen Anleihen als Ertragsquelle und Diversifikator an Bedeutung. Aus unserer Sicht lohnt es sich deshalb wieder deutlich stärker, vermehrt Staatsanleihen im Portfolio zu berücksichtigen.
Bedeutet das auch eine Renaissance der klassischen 60/40-Strategie?
Es könnte durchaus in diese Richtung gehen. In den vergangenen Jahren wurde das klassische Verhältnis von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen vielfach infrage gestellt. Mit dem deutlich höheren Zinsniveau haben Anleihen jedoch wieder ihre Funktion als Stabilitätsanker zurückgewonnen. Deshalb ist ein ausgewogenes Portfolio heute wesentlich attraktiver als noch vor einigen Jahren.
Sind Anleihen mittlerweile attraktiver als Aktien?
Noch nicht grundsätzlich. Wir sehen Aktien weiterhin leicht im Vorteil. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Die Anleihemärkte sind attraktiver geworden, während die Aktienmärkte nach der starken Entwicklung mehr Stolpersteine aufweisen. Deshalb spricht aktuell vieles dafür, die Gewichtung zwischen beiden Anlageklassen ausgewogener zu gestalten.
Wo finden Sie derzeit die interessantesten Chancen im Anleihebereich?
Besonders attraktiv erscheinen uns Schwellenländeranleihen in Lokalwährung. Viele dieser Länder haben die Inflationsbekämpfung frühzeitig eingeleitet, wodurch die Teuerung ist in vielen Fällen weitgehend unter Kontrolle ist und die Realrenditen sind im Verhältnis hoch sind . Darüber hinaus sehen wir auch bei Staatsanleihen ausgewählter Industrieländer interessante Chancen.
Welche Regionen stechen dabei hervor?
Australien gefällt uns derzeit besonders gut. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen liegen dort auf einem sehr attraktiven Niveau. Gleichzeitig schwächt sich die Wirtschaft etwas ab, sodass die Notenbank möglicherweise früher als andere Zentralbanken einen Kurswechsel vollzieht. Das schafft Chancen für Anleiheinvestoren.
Wie gehen Sie als Multi-Asset-Investor mit politischen Risiken um?
Wir versuchen nicht, Wahlausgänge vorherzusagen. Politik sorgt kurzfristig zwar für Unsicherheit, entscheidend bleiben für uns jedoch die Fundamentaldaten. Wir konzentrieren uns deshalb auf wirtschaftliche Entwicklungen, Bewertungen und Markttrends und weniger auf politische Spekulationen.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeitskriterien bei Staatsanleihen?
Eine sehr große. In unseren nachhaltigen Strategien schließen wir beispielsweise US-amerikanische und chinesische Staatsanleihen aus. Das ist für das Portfoliomanagement durchaus anspruchsvoll, weil wichtige Marktsegmente wegfallen. Dennoch halten wir diese Konsequenz für richtig und versuchen alternative Lösungen zu finden, um die gewünschten Portfolioeigenschaften zu erhalten.
Ihr beruflicher Hintergrund liegt im quantitativen Asset Management. Welchen Einfluss hat das heute noch auf Ihre Arbeit?
Einen sehr großen. Ich komme ursprünglich aus dem Quant-Bereich und habe mich intensiv mit Faktoren wie Value, Momentum und Quality beschäftigt. Diese systematischen Ansätze fließen bis heute in unsere Prozesse ein. Gleichzeitig kombinieren wir sie mit fundamentalen Einschätzungen unserer Spezialistenteams. Dadurch verbinden wir Top-down- und Bottom-up-Analysen.
Was unterscheidet Ihren Multi-Asset-Ansatz von vielen Wettbewerbern?
Wir greifen auf die Expertise zahlreicher Spezialisten innerhalb von Swisscanto der Zürcher Kantonalbank, der Asset Managerin von Swisscanto Fonds, zurück. Unser Ziel ist es, auf mehreren Ebenen Mehrwert zu generieren: bei der Asset-Allokation, bei der Auswahl der Anlagethemen und schließlich bei der Titelselektion. Dieses Zusammenspiel sorgt für eine breite Diversifikation und stabile Entscheidungsprozesse.
Wie beurteilen Sie derzeit den deutschen Aktienmarkt?
Wir sind gegenüber Deutschland und Europa insgesamt eher zurückhaltend positioniert. Der Hauptgrund ist das vergleichsweise schwache Gewinnwachstum. Deshalb sehen wir aktuell andere Regionen mit attraktiverem Chancen-Risiko-Verhältnis.
Welche Bedeutung haben Rohstoffe und Gold in einem ausgewogenen Portfolio?
Beide Anlageklassen bleiben können zur wichtige Diversifikat ion beitragen oren . Rohstoffe und Gold sind zwar keine produktiven Vermögenswerte wie Aktien, erfüllen aber eine wichtige Funktion als Inflationsschutz können aber in bestimmten Marktphasen einen gewissen Schutz gegenüber Inflation bieten . Deshalb halten wir sie weiterhin für sinnvoll, auch wenn die Gewichtungen in der Regel moderat ausfallen. Besonders positiv sehen wir derzeit Edelmetalle.
Bitcoin wird zunehmend als Anlageklasse diskutiert. Wie ist Ihre Sicht darauf?
Der Die Anlageklasse Bitcoin hat sich mittlerweile etabliert. Ich sehe ihn sie als eine Art digitales Gold. Anleger nutzen ihn sie ähnlich wie Gold als Alternative zu klassischen Währungen und als Absicherung gegen Vertrauensverlust in Geldsysteme. Gleichzeitig bleibt er sie deutlich volatiler und stärker umstritten. Deshalb betrachten wir ihn eher als optionale Beimischung denn als Kernbestandteil eines Portfolios.
Worauf sollten Anleger in den kommenden Monaten besonders achten?
Die Kapitalmärkte stehen vor einer Phase, in der Diversifikation wieder wichtiger wird. Nach vielen Jahren, in denen Aktien die dominierende Anlageklasse waren, bieten heute auch Anleihen wieder attraktive Renditechancen. Wer Portfolios breiter aufstellt und unterschiedliche Ertragsquellen nutzt, dürfte unserer Meinung nach für die kommenden Marktphasen gut gerüstet sein.
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