Nach schwierigen Jahren hellt sich das Umfeld für Biotech-Investments wieder auf. Im Interview erklärt Evan McCulloch, Manager des Franklin Biotechnology Discovery Fund, warum Innovationen bei Krebs- und Gentherapien, Fortschritte durch KI und eine neue Übernahmewelle großer Pharmakonzerne der Branche Rückenwind geben könnten.
20.05.2026 | 10:15 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Die Biotechnologiebranche hat in den vergangenen Jahren starke Zyklen erlebt. Wo stehen wir derzeit im Innovations- und Bewertungszyklus?
Evan McCulloch: Die Biotechbranche ist mit einer stabileren Ausgangslage in das Jahr 2026 gestartet, nachdem sie eine längere Phase sinkender Aktienbewertungen durchlaufen hatte. Die politische Planbarkeit hat sich verbessert, die Kapitalmärkte öffnen sich wieder selektiv, und die Innovationsdynamik bleibt über viele Technologien und Krankheitsbereiche hinweg breit gefächert. Während sich die Bewertungen großer Unternehmen weitgehend erholt haben, notieren viele Small- und Mid-Cap-Unternehmen weiterhin unter ihren historischen Durchschnittswerten. Dadurch entsteht ein selektiver, aber chancenreicher Markt.
Welche Therapiegebiete halten Sie derzeit für besonders vielversprechend – etwa Onkologie, seltene Erkrankungen oder Neurologie?
Wir sehen weiterhin großes Potenzial in der Onkologie, insbesondere bei präzisionsmedizinischen Ansätzen wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) und Radioligandentherapien (RLTs). ADCs bringen Chemotherapie gezielt zu Krebszellen, während klassische Chemotherapien sowohl gesunde als auch kranke Zellen angreifen und dadurch starke Nebenwirkungen verursachen können. RLTs sind ebenfalls zielgerichtete Krebstherapien, liefern jedoch statt eines chemischen Wirkstoffs Strahlung direkt an die Krebszellen. Auch die Neurologie gewinnt wieder an Dynamik, da ein besseres Verständnis von Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems zu glaubwürdigeren Spätphasenprogrammen führt. Im Bereich Stoffwechselerkrankungen treiben GLP-1-Therapien die Behandlung von Adipositas und kardiometabolischen Erkrankungen voran. Für ausgewählte Biotech- und Pharmaunternehmen entwickeln sich diese Therapien zu bedeutenden langfristigen Wachstumstreibern.
Welche Rolle spielt derzeit der M&A-Markt? Werden große Pharmakonzerne wieder verstärkt zukaufen?
Der M&A-Markt wird von strukturellen Faktoren angetrieben, insbesondere von den sogenannten Patent Cliffs. Viele Medikamente verlieren bis 2030 ihren Patentschutz, wodurch günstigere Generika oder Biosimilars auf den Markt kommen können. Dadurch entstehen erhebliche Umsatzrisiken für große Pharmakonzerne. Deshalb greifen diese Unternehmen zunehmend auf externe Innovationen durch Übernahmen zurück, insbesondere bei späten Entwicklungsphasen und bereits kommerzialisierten Biotech-Unternehmen. Die Transaktionsaktivität zieht bereits wieder an und dürfte sich aus unserer Sicht fortsetzen, sobald sich regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen weiter stabilisieren.
Welche Technologieplattformen werden die Biotechbranche in den kommenden zehn Jahren prägen – mRNA, Zell- und Gentherapie oder etwas völlig Neues?
Wir erwarten Fortschritte über viele verschiedene Plattformen hinweg und nicht nur bei einer dominierenden Technologie. Zell- und Gentherapien, RNA-basierte Ansätze sowie neuere Modalitäten wie ADCs und Radiopharmazeutika erweitern bereits heute die Zahl behandelbarer Krankheiten und dürften weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Parallel dazu beginnen Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML), die Medikamentenentwicklung, Wirkstoffforschung und Durchführung klinischer Studien grundlegend zu verändern. Dadurch könnten Prozesse effizienter und risikoärmer werden.
Welche wissenschaftlichen Fortschritte werden vom Kapitalmarkt derzeit unterschätzt?
Wir glauben, dass der Markt die Breite und Nachhaltigkeit der Innovationen im Gesundheitssektor unterschätzt. Während sich zuletzt vieles auf Adipositas und GLP-1-Medikamente konzentriert hat, sehen wir starke Fortschritte bei Plattformen wie ADCs, Radiopharmazeutika und RNA-basierten Therapien. Auch der Einfluss von KI auf die Medikamentenentwicklung – etwa bei Studiendesign oder Studienüberwachung – steht noch am Anfang und dürfte in vielen Bewertungen bislang nicht vollständig berücksichtigt sein.
Wie wählen Sie Unternehmen aus?
Unternehmen werden über unseren researchgetriebenen Bottom-up-Prozess ausgewählt. Das Team analysiert das Universum der Biotech-Aktien und entwickelt Ideen aus internen Diskussionen, Branchenkonferenzen, Expertennetzwerken, Marktsignalen und Unternehmensentwicklungen. Jedes Unternehmen wird analysiert, indem wir seine Medikamente in einzelne Therapiegebiete aufteilen und zwei zentrale Faktoren bewerten: die Erfolgswahrscheinlichkeit (positive Studiendaten oder Zulassung) und das kommerzielle Potenzial (Umsatzchancen). Dabei prüfen wir klinische Daten, Sicherheitsprofile, Wirkmechanismen, Marktgröße und Wettbewerb. Ziel ist es, Fehlbewertungen zu identifizieren, bei denen Erfolgswahrscheinlichkeit oder Marktpotenzial höher erscheinen als im Aktienkurs eingepreist.
Wie identifizieren Sie potenzielle Gewinner im Biotech-Sektor – anhand wissenschaftlicher Qualität, klinischer Daten oder Managementteams?
Klinische Daten und Erfolgswahrscheinlichkeiten stehen im Zentrum unseres Prozesses, reichen allein jedoch nicht aus. Wir analysieren auch Wirkmechanismen, Studiendesigns, Wettbewerbspositionierung und kommerzielle Tragfähigkeit. Außerdem legen wir großen Wert auf die Qualität des Managements und den disziplinierten Umgang mit Kapital. Langfristig gewinnen jene Unternehmen, die Innovation in nachhaltigen kommerziellen Erfolg umsetzen können.
Wie wichtig ist der Austausch mit Wissenschaftlern, Ärzten oder Universitäten für Ihre Analyse?
Das ist ein zentraler Bestandteil unseres Prozesses. Wir sprechen regelmäßig mit Ärzten, Wissenschaftlern und anderen Experten, um klinische Annahmen zu überprüfen, reale Behandlungsmuster besser zu verstehen und unsere Marktprognosen zu verfeinern. Diese Erkenntnisse helfen uns dabei, sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Zulassung als auch die spätere Marktdurchdringung besser einzuschätzen.
Welche Rolle spielen klinische Studienphasen in Ihrem Investmentprozess?
Der Fortschritt klinischer Studien ist entscheidend für unseren Investmentprozess, weil er direkt unsere Wahrscheinlichkeitsannahmen beeinflusst. Wir nutzen historische Erfolgsquoten einzelner Studienphasen zur Risikobewertung und konzentrieren uns auf wichtige Wendepunkte wie Spätphasendaten oder Zulassungsentscheidungen. Diese Meilensteine verfolgen wir sehr genau, da Studienergebnisse häufig erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung eines Unternehmens und die Aktienperformance haben.
Ab wann ist ein Biotech-Unternehmen für Sie investierbar – schon in frühen Entwicklungsphasen oder erst nach klinischen Erfolgen?
Wir investieren über das gesamte Spektrum hinweg – von Entwicklungsunternehmen bis hin zu profitablen kommerziellen Firmen. Frühphasige Unternehmen tragen allerdings höhere binäre Risiken, die wir durch kleinere Positionsgrößen und strikte Risikobegrenzungen auf Portfolioebene steuern. Zudem stehen wir auch mit privaten Unternehmen im Austausch, um frühzeitig Einblicke zu erhalten und gelegentlich bereits vor Börsengängen zu investieren. Mit zunehmendem Fortschritt und sinkender Unsicherheit erhöhen wir in der Regel unsere Positionsgrößen.
Wie balancieren Sie etablierte Biotech-Unternehmen und kleinere forschungsgetriebene Firmen im Portfolio aus?
Etwa die Hälfte des Portfolios entfällt gewichtet auf Entwicklungsunternehmen, allerdings sind diese Positionen typischerweise kleiner und stärker diversifiziert. Wir kombinieren Kernpositionen in größeren, profitablen Unternehmen mit einer breiteren „Tail“-Struktur kleinerer Positionen mit höherem Aufwärtspotenzial und steuern das Risiko über die Positionsgrößen.
Wie viele Aktien halten Sie typischerweise im Portfolio?
Typischerweise halten wir rund 80 bis 90 Positionen. Dadurch erreichen wir Diversifikation über verschiedene Entwicklungsstadien und Marktkapitalisierungen hinweg und können gleichzeitig klare Überzeugungen ausdrücken.
Welche Rolle spielen große Biotech-Unternehmen in Ihrer Strategie?
Large Caps sorgen im Portfolio für Stabilität und Ausgleich – insbesondere in Phasen von Marktstress. Sie verfügen meist über etablierte Produkte, diversifizierte Einnahmequellen und geringere Risiken als kleinere Unternehmen. Dadurch gleichen sie die höhere Volatilität von Entwicklungsunternehmen aus.
Wann entscheiden Sie sich, eine Position aufzustocken oder komplett zu verkaufen?
Wir passen Positionsgrößen an, wenn unsere Überzeugung wächst. Wir erhöhen Positionen typischerweise dann, wenn neue Daten die Erfolgswahrscheinlichkeit verbessern oder das kommerzielle Potenzial stärken. Wir reduzieren oder verkaufen Positionen, wenn Aktienkurse unser geschätztes Fair-Value-Niveau erreichen oder neue Informationen – etwa Konkurrenzentwicklungen oder negative Studiendaten – unsere Investmentthese verändern.
Was unterscheidet den Franklin Biotechnology Discovery Fund von anderen Fonds seiner Vergleichsgruppe?
Wir kombinieren einen researchgetriebenen Bottom-up-Ansatz mit tiefgehender Sektorexpertise. Gleichzeitig steuern wir dynamisch zwischen unterschiedlichen Marktkapitalisierungen, um Innovationspotenzial zu nutzen und Risiken bei chancenreichen, aber volatileren Investments zu kontrollieren. Unser Prozess basiert auf wahrscheinlichkeitsgewichteten Bewertungen, aktivem Risikomanagement und einer selektiven Allokation in kleinere Unternehmen. Zusätzlich profitieren wir vom direkten Zugang zu Unternehmen in der „Biotech Bay“ rund um San Francisco – einem Cluster mit weit über tausend Firmen aus Biotechnologie, Biopharma, Genomik und Diagnostik.
Biotech-Investments hängen stark von Studienergebnissen und Zulassungen ab. Wie steuern Sie dieses binäre Risiko?
Wir steuern binäre Risiken vor allem über disziplinierte Positionsgrößen und Diversifikation. Wir begrenzen den potenziellen Verlust einzelner Ereignisse auf klar definierte Schwellenwerte. Zusätzlich diversifizieren wir über Therapiegebiete, Entwicklungsstadien und Marktkapitalisierungen hinweg.
Welche Krankheiten könnten durch neue Therapien erstmals heilbar werden?
Neue Therapien erweitern die Möglichkeiten, Krankheiten effektiver zu behandeln – insbesondere in Bereichen mit hohem medizinischem Bedarf. Fortschritte bei Zell- und Gentherapien zeigen vielversprechende Ergebnisse bei seltenen Erkrankungen. Gleichzeitig verbessern Innovationen in der Onkologie die Behandlungsergebnisse und nähern sich teilweise kurativen Ansätzen an. Die Innovationsrichtung deutet auf erhebliche Fortschritte in vielen Krankheitsfeldern hin.
Wird KI die Medikamentenentwicklung grundlegend verändern?
KI besitzt enormes Potenzial, auch wenn wir noch am Anfang stehen. Sie verändert bereits Bereiche wie Wirkstoffforschung, molekulares Design und die Durchführung klinischer Studien. Dadurch könnten Prozesse effizienter werden und Risiken sinken. Auch wenn es Zeit brauchen wird, bis sich die volle Wirkung in klinischen Erfolgen zeigt, wächst die Bedeutung von KI entlang der gesamten Medikamentenentwicklung bereits heute sehr schnell. KI dürfte dabei eher ein leistungsstarkes Werkzeug als ein vollständiger Ersatz bestehender Methoden werden.
Wie stark beeinflussen Regulierung und Gesundheitspolitik Ihre Investmententscheidungen?
Regulierung und Preispolitik sind wichtige Faktoren – insbesondere in den USA, wo der Inflation Reduction Act und Medicare-Preisverhandlungen die Umsatzperspektiven beeinflussen. Die größere politische Klarheit zu Beginn des Jahres 2026 hat aus unserer Sicht die Unsicherheit reduziert und den Fokus der Märkte wieder stärker auf Fundamentaldaten gelenkt. Politische Rahmenbedingungen sind für uns wichtig, aber nur ein Bestandteil unserer Gesamtanalyse aus klinischem Fortschritt, Bewertung und kommerziellem Potenzial.
In den USA wird intensiv über Medikamentenpreise diskutiert. Wie groß ist dieses Risiko für Biotech-Unternehmen?
Medikamentenpreise bleiben ein strukturelles Risiko für die Branche. Zwar haben jüngste politische Entwicklungen die Transparenz verbessert und kurzfristigen Druck reduziert, dennoch bleibt das Thema angesichts hoher Medikamentenkosten und der Belastung für Patienten sensibel. Wir gehen daher davon aus, dass die Diskussion regelmäßig zurückkehren wird und berücksichtigen dies in unserer Risikoanalyse.
Welche Rolle spielt die FDA-Politik für den gesamten Sektor?
Die Politik der US-Arzneimittelbehörde FDA spielt eine zentrale Rolle für Zulassungsprozesse, Zeitpläne und das allgemeine Risiko im Sektor – insbesondere für Entwicklungsunternehmen, die auf schnelle Entscheidungen angewiesen sind. Trotz jüngster Sorgen über personelle Veränderungen bei der FDA wurden die meisten Fristen bislang eingehalten. Regulatorische Klarheit bleibt ein wesentlicher Faktor für unsere Risiko- und Bewertungsanalysen.
Ist der Biotech-Sektor aktuell unterbewertet oder inzwischen wieder ambitioniert bewertet?
Die Bewertungen bleiben 2026 bislang uneinheitlich. Große Unternehmen haben sich weitgehend von den Schwächen der vergangenen Jahre erholt, während viele Small- und Mid-Caps weiterhin unter historischen Durchschnittsbewertungen handeln. Das schafft attraktive Chancen für selektive aktive Manager.
Wo sehen Sie derzeit die größten Bewertungsanomalien?
Die größten Unterschiede sehen wir bei kleineren Entwicklungsunternehmen. Lang anhaltende Finanzierungsschwierigkeiten haben trotz fortlaufender Innovationen zu stark gedrückten Bewertungen geführt. Für selektive, researchorientierte Investoren entstehen dadurch interessante Chancen.
Wie wird sich die Biotechbranche in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren verändern?
Die Branche wird voraussichtlich durch anhaltende wissenschaftliche Innovation und den verstärkten Einsatz neuer Technologien geprägt werden. Wir erwarten eine stärker datengetriebene und global vernetzte Industrie, die zunehmend von Plattformtechnologien und KI-gestützter Entwicklung geprägt wird. Zudem dürfte die Konsolidierung anhalten, da große Pharmakonzerne externe Innovationen benötigen, um potenzielle Umsatzverluste durch auslaufende Patente auszugleichen.
Zur Person:
Evan McCulloch ist Senior Vice President, Portfoliomanager und Research-Analyst bei Franklin Equity. Er ist leitender Portfoliomanager des Franklin Biotechnology Discovery Fund. McCulloch ist spezialisiert auf die Analyse von Biotechnologie- und Pharmaunternehmen mit therapeutischem Fokus auf Infektionskrankheiten, Augenheilkunde, Pneumologie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gastroenterologie sowie Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Zuvor umfasste seine Research-Abdeckung auch die Bereiche Medizintechnik und Gesundheitsdienstleistungen.
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