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Vorsicht vor Türkei-Absturz

Seit langem drängt Präsident Recep Tayyip Erdogan die türkische Zentralbank dazu, die Leitzinsen zu senken, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Bald könnte sein Wunsch Wirklichkeit werden. Finanzexperten sind entsetzt. Sie warnen trotz attraktiver Renditen vor Investitionen in der Türkei.

19.07.2019 | 15:06 Uhr von «Alexandra Jegers»

In der Türkei bestimmt ab sofort der Staatschef über die Geldpolitik: Bis Ende des Jahres solle die Inflation des Landes von über 15 Prozent auf einen einstelligen Wert sinken, sagte Präsident Recep Tay­yip Erdogan dem türkischen Sender Habertürk. Er weiß auch schon, wie er sein Ziel erreicht: Die Zentralbank soll an der Zinsschraube drehen. Sobald der Leitzins in der Türkei niedriger liege, werde auch die Preisbeschleunigung deutlich zurückgehen, sagte Erdogan dem Sender.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Präsident von der türkischen Zentralbank niedrigere Zinsen fordert. Erdogan liegt seit langem im Clinch mit Notenbankchef Murat Cetinkaya, weil dieser sich bis zuletzt weigerte, die Leitzinsen zu senken. Nun aber könnte die Zentralbank dem Druck des Präsidenten nachgeben. Denn in der Nacht zum Samstag feuerte Erdogan den 43-jährigen Währungshüter Cetinkaya. Jetzt steht sein Vize Murat Uyasal an der Spitze. Von ihm erwartet Erdogan mehr Gehorsam.

Ende des Monats steht in der Türkei die nächste Zinsentscheidung an. Dann wird sich auch zeigen, wie es mit der Wirtschaft des Landes weitergeht. Erdogan ist der Ansicht, dass Zinssenkungen die galoppierende Inflation wirksam bekämpfen können. Die volkswirtschaftliche Theorie sagt allerdings genau das Gegenteil: Niedrigere Zinsen wirken normalerweise wie Brandbeschleuniger auf die Inflation, denn mit ihnen steigt die Geldmenge im Wirtschaftskreislauf noch weiter an.

Marktbeobachter sehen die Entlassung Cetinkayas und den gewachsenen Einfluss Erdogans auf die Geldpolitik des Landes äußerst kritisch. Sébastian Galy, Anlagestratege bei Nordea Asset Management, geht davon aus, dass die türkische Regierung nach dem Rausschmiss einen aggressiveren Lockerungszyklus einleiten will, als der Markt derzeit einpreist: „Die Zentralbank wird vermutlich ein stetiges Tempo der Lockerung verfol­gen, was zu einer weiteren Schwächung der Lira und damit zu einer importierten Inflation führen wird“, sagt der Anlageprofi. Als Reaktion auf die Nachricht ist die Landeswährung bereits um 2,8 Prozent gefallen. 

Vorsicht vor türkischen Staatspapieren

Investoren rät Galy zu äußerster Vorsicht: Eine schwache türkische Lira in Kombination mit nur geringem Wirtschaftswachstum berge vor allem auf der Kreditseite Gefahren. Türkische Unternehmen haben beachtliche Schulden in Euro und US-Dollar angesammelt, in der Hoffnung, dass die Lira an Wert gewinnen wird – sie zahlen nun umgerechnet in die Heimatwährung immer höhere Zinsen. Auch die Devisenreserven der Zentralbank seien gering, würden gerade einmal 20 Prozent der privaten Einlagen bei Geschäftsbanken umfassen. „Die Notenbank kann sich somit keine großen Interventionen am Devisenmarkt leisten“, sagt Galy. Das verunsichert Haushalte und Unternehmen. Und das wiederum belastet die Wirtschaft des Landes. Kurzum: Von einem Investment in die Türkei rät Galy derzeit entschieden ab.

Yasemin Ravai, Anlagestrategin beim luxemburgischen Fondsanbieter Eurizon Capital, ist ähnlich besorgt. Zwar seien die Renditen türkischer Anleihen nach wie vor attraktiv, für zehnjährige Staatspapiere mit einer Laufzeit von einem Jahr erhalten Investoren derzeit beispielsweise rund 18 Prozent Rendite. Sich darauf einzulassen, das sei aber nur vertretbar, solange sich die türkische Währung nicht bewege. Weil der Markt zuletzt fast völlig zusammengebrochen sei, sollten Anleger von den Papieren jetzt die Finger lassen. „Auch wir haben uns dort lediglich am kurzen Ende positioniert“, sagt Ravai.

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