Deutschland zählt für BNY zu den wichtigsten Wachstumsmärkten in Europa. Martin Rees, Deutschland- und DACH-Chef, will das Asset-Management-Geschäft hierzulande deutlich ausbauen. Im Interview spricht er über BNY Investments Wachstumspläne, neue Kundengruppen und gefragte Anlagestrategien.
07.10.2026 | 14:00 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundREsearch: Herr Rees, Sie sind neben der Schweiz inzwischen auch für Deutschland verantwortlich. Warum zählt Deutschland für BNY zu den wichtigsten Wachstumsmärkten?
Martin Rees: Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas und damit ein Markt, den man nicht ignorieren kann. Gleichzeitig verfügen wir hier bereits über ein sehr gutes Bankgeschäft, viele wichtige Kunden und konnten neue Mandate hinzugewinnen. Ein Beispiel hierfür ist die im März dieses Jahres erfolgte Bekanntgabe, dass BNY ausgewählt wurde, um die Optimierung des Betriebsmodells bei Allianz Global Investors zu unterstützen. BNY ist zudem die größte Depotbank der Welt. Dieses Ökosystem eröffnet uns auf der Asset-Management-Seite zusätzliche Möglichkeiten, mit wichtigen Kunden ins Gespräch zu kommen und über unterschiedliche Geschäftsbereiche hinweg zusammenzuarbeiten.
Der deutsche Asset-Management-Markt gilt allerdings als ausgesprochen schwierig. Was unterscheidet ihn von anderen Märkten?
Der Wettbewerb ist enorm. Praktisch alle großen internationalen Anbieter sind vertreten, gleichzeitig gibt es sehr starke lokale Häuser. Darüber hinaus ist der Markt stark dezentralisiert und komplex segmentiert. Banken, Vermögensverwalter und Plattformen haben jeweils unterschiedliche Anforderungen. Hinzu kommt ein anspruchsvolles regulatorisches Umfeld. Auf der anderen Seite treffen wir hier auf sehr professionelle und anspruchsvolle Investoren. Das macht Deutschland für uns trotz des intensiven Wettbewerbs ausgesprochen interessant.
Was wollen Sie in den kommenden drei bis fünf Jahren konkret erreichen?
Wir veröffentlichen für einzelne Länder keine konkreten Wachstums- oder Asset-Ziele. Aber unser Anspruch ist klar: Wir wollen in Deutschland über die kommenden fünf Jahre signifikant wachsen. Da es sich um einer der zentralen europäischen Märkte handelt, wollen wir unsere Marktdurchdringung hier weiter ausbauen. Derzeit konzentrieren wir uns stark auf Key Accounts, also große Banken, große Vermögenspools und andere wichtige institutionelle beziehungsweise intermediäre Kunden. Mit Blick auf die Zukunft sehe ich erhebliche Chancen, unser Geschäft durch einen gezielten Ausbau des Teams und eine breitere Marktabdeckung zu vergrößern.
Kann das am Ende auch einen stärkeren Vorstoß in Richtung Retail bedeuten?
In diese Richtung kann es gehen, wobei noch offen ist, wie weit. Unser Zuhause ist dank unserer Ausrichtung derzeit eindeutig das B2B-Geschäft. Das hat Priorität. In einem weiteren Schritt kann ich mir aber vorstellen, stärker auf zusätzliche Bereiche des Vermögensmarktes zuzugehen. Unser Angebot bietet dafür grundsätzlich die entsprechenden Möglichkeiten. Allerdings erfordert eine breitere Retail-Abdeckung erhebliche Investitionen. Deshalb sehe ich das eher als ein Fünfjahresziel denn als etwas, das kurzfristig bevorsteht. Wir analysieren kontinuierlich die Bedürfnisse unserer Kunden und erweitern unser Angebot gezielt und bedarfsorientiert.
Viele Wettbewerber verfolgen ähnliche Wachstumspläne. Womit wollen Sie sich abheben?
Zunächst mit der Qualität unserer Investmentstrategien. Der zweite wichtige Punkt ist die Verbindung mit der Infrastruktur und den Kompetenzen der gesamten Bank. BNY Investments profitiert von der Breite und der Expertise der eigenen Vertriebsplattform. Darüber hinaus nimmt die Bank seit über 240 Jahren eine zentrale Stellung im Ökosystem der Finanzdienstleistungen ein. Als ich vor rund zehn Jahren zu BNY kam, hätte man das Unternehmen vielleicht als eine Art „Sleeping Giant“ bezeichnen können: sehr traditionsreich, stabil und mit hervorragender Reputation, aber eher zurückhaltend. Unter dem heutigen CEO Robin Vince ist die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Geschäftsbereichen sehr viel stärker in den Mittelpunkt gerückt. Ziel ist es, Kunden ganzheitliche Lösungen anzubieten. In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Kunden, die bei drei oder mehr BNY-Geschäftsbereichen Leistungen in Anspruch nehmen, um mehr als 60 Prozent gestiegen. Davon können wir im Asset Management profitieren.
Welche Rolle spielt dabei die Größe von BNY im Asset Servicing?
Eine sehr wichtige. Wenn man als Depotbank bereits eng mit großen institutionellen Kunden verbunden ist, entstehen daraus natürlich Ansatzpunkte für weitere Dienstleistungen. Vereinfacht gesagt: Wenn Vermögenswerte bereits bei BNY verwahrt werden, stellt sich auch die Frage, ob wir einen größeren Teil davon managen können. Genau in dieser Verzahnung unterschiedlicher Kompetenzen sehe ich einen wichtigen Vorteil unseres Hauses.
Wo sehen Sie im Asset Management derzeit die größten Wachstumschancen in Deutschland?
Wir sehen weiterhin gute Chancen bei aktiv gemanagten Strategien. Besonders stark sind wir im Fixed-Income-Bereich, wo aus meiner Sicht nach wie vor sehr gute Argumente für aktives Management sprechen und BNY über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung verfügt. Gleichzeitig ist die Nachfrage in diesem Jahr stärker in Richtung Aktien gegangen. Gefragt sind beispielsweise Dividenden- und Income-Strategien sowie Infrastructure Equity. Viele Anleger suchen nach Möglichkeiten, ihre Abhängigkeit von den großen US-Technologiewerten zu reduzieren und ihre Portfolios breiter aufzustellen
Passt diese Nachfrage zu der eher konservativen Positionierung von BNY?
Wir machen sicherlich keine verrückten Dinge. Ein gutes Beispiel ist unser Geschäft mit Euro-Investment-Grade-Anleihen. Das ist ein klassischer, eher konservativer Baustein, aber genau solche Strategien werden in vielen Mischfonds und Multi-Asset-Portfolios benötigt. Unser Anspruch besteht nicht darin, ständig das nächste spektakuläre Thema zu finden, sondern Strategien anzubieten, die langfristig einen klaren Platz im Portfolio haben
Beobachten Sie angesichts hoher Bewertungen an einigen Aktienmärkten eine stärkere Nachfrage nach defensiveren Lösungen?
Ja, wobei ich nicht sagen würde, dass Anleger vollständig ins „Risk-off“ wechseln. Wir sehen vielmehr eine stärkere Diversifikation. Income-Strategien beziehungsweise defensive oder disziplinierte Aktienstrategien sind ein Beispiel dafür. Gleichzeitig steigt das Interesse an Risk-Overlay-Lösungen. Wir haben hier ein relativ neues eigenständiges Produkt – der BNY Adaptive Risk Overlay-Fonds (im Juli letzten Jahres aufgelegt) – bei dem wir in Deutschland eine steigende Nachfrage feststellen. Insgesamt bleiben viele Investoren aber konstruktiv gegenüber den Märkten.
BNY verfügt mit spezialisierten Geschäftsbereichen wie Newton und Walter Scott über sehr unterschiedliche Ansätze. Ist diese Vielfalt ein strategischer Vorteil?
Absolut. BNY Investments Newton ist unter anderem stark bei Income-Strategien, Multi Asset und in bestimmten Emerging-Markets-Bereichen und verfolgt einen ausgeprägt thematischen Research-Ansatz. Walter Scott steht dagegen für einen sehr langfristigen Quality-Growth-Ansatz mit niedriger Portfolioumschlagshäufigkeit. Die Unternehmen im Portfolio werden teilweise seit Jahrzehnten analysiert. Diese unterschiedlichen Kompetenzen ermöglichen es uns, abhängig von den Anforderungen und der Marktmeinung eines Kunden sehr unterschiedliche Lösungen anzubieten.
Gleichzeitig verändert sich die Branche durch ETFs, digitale Assets und Tokenisierung. Wie verändert das Ihre Strategie?
Wir beobachten diese Entwicklung sehr genau. In den USA sind wir bereits mit mehr als 20 aktiven ETFs vertreten. In Europa sind wir bislang vor allem mit aktiv gemanagten Accounts und Fonds unterwegs. Gleichzeitig stellt sich für die gesamte Branche die Frage, ob ETFs tatsächlich die endgültige Struktur für Investments darstellen oder möglicherweise nur einen Zwischenschritt auf dem Weg zu stärker tokenisierten Lösungen. BNY beschäftigt sich intensiv mit diesem Bereich und verfügt auch bei digitalen Assets und tokenisierten Lösungen über Angebote.
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