TiAM FundResearch hat Investment-Profis zu den großen Trends an den Kapitalmärkten für das zweite Halbjahr 2026 befragt. Matthias Scheiber, Head of Multi-Asset bei Allspring, zu den Chancen und Risiken für Anleger.
02.07.2026 | 09:00 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundResearch: Welche übergeordneten Markt- und Konjunkturtrends werden aus Ihrer Sicht die zweite Hälfte des Anlagejahrs 2026 prägen, und was bedeutet das für Ihre Asset Allocation?
Matthias Scheiber: Das Jahr 2026 begann ähnlich wie das Jahr 2025 endete: mit robustem Wachstum, nachlassender Inflation und Märkten, die nach Jahren politikbedingter Turbulenzen wieder Fuß fassen konnten. Diese Stabilität hat sich jedoch leider als kurzlebig erwiesen. Der Iran-Konflikt hat einen ungleichmäßig verteilten stagflationären Schock ausgelöst. Unser Basisszenario geht von einer Verlangsamung des globalen Wachstums aus. Während die USA durch Energieexporte und fiskalische Konjunkturmaßnahmen relativ gut abgeschirmt sind, stehen Europa und das energieabhängige Asien vor einem schwierigeren Spagat zwischen Wachstum und Inflation. Mit Blick auf fünf aufeinanderfolgende Jahre mit einer über dem Ziel liegenden Inflation hält die Fed ihre Zinsen unverändert.
Die Inflation ist wieder zu einem wichtigen Faktor am Aktienmarkt geworden. Grund dafür ist der durch die Energiekrise ausgelöste Inflationsschock, der den Zins-Rückenwind zunichte gemacht hat. Derzeit handelt es sich jedoch eher um einen Inflations- als um einen Wachstumsschock, da das Gewinnwachstum weiterhin stark ist.
Auf längere Sicht zeichnet sich ein Rohstoff-Superzyklus ab, welcher Realrenditen abseits einer Anlage in inflationsgeschützte US-Staatsanleihen wieder wahrscheinlicher macht. Daher sollte ein breiterer Multi-Asset-Ansatz in Betracht gezogen werden, um den Bedarf an inflationsbereinigten Erträgen in den Portfolios zu decken.
Wo sehen Sie im 2. Halbjahr 2026 die attraktivsten Chancen – sei es regional, auf Ebene der Assetklassen oder bei Themen wie KI, Energiewende und Infrastruktur?
An den Devisenmärkten der Schwellenländer fallen vor allem der brasilianische Real und der mexikanische Peso ins Auge, da sie attraktive Renditen bieten könnten. Die beiden Währungen könnten inflationsbereinigt sehr positive Realzinsen erzielen. Dazu kommt, dass beide ein hohes Exposure an Rohstoffexport aufweisen, welches ein Carry-Profil liefern könnte, das sonst nur schwer zu finden ist.
Kurzfristig sehen wir daher große Chancen im KI-Sektor und zwar im Bereich der Anwendung in Unternehmen, wobei der Industriesektor an der Schnittstelle zwischen dem Ausbau von KI-Rechenzentren und der Neuordnung der Lieferketten besonders gut positioniert ist. Hier sind vor allem Small- und Mid-Cap-Industrieaktien attraktiv. Zudem können US-Kommunalanleihen attraktive absolute und steuerbereinigte Renditen bei soliden Fundamentaldaten bieten. Allerdings machen enge Spreads in Kernsegmenten eine selektive Auswahl nach Standort und/oder Steuerstatus unter Anleihen aus den Bereichen höhere Bildung, Gesundheitswesen, Revenue Bonds und „Off-the-Run“-Treasuries erforderlich.
Langfristig dürften Schwellenländeraktien, die strukturell untergewichtet sind, von einem überdurchschnittlichen Gewinnwachstum und einer wachsenden inländischen Anlegerbasis profitieren.
Welche zentralen Risiken – etwa Inflation, Zinsen, politische Eingriffe oder geopolitische Konflikte – bereiten Ihnen für die zweite Jahreshälfte am meisten Sorge, und wie steuern Sie diese im Portfolio?
Wir befinden uns in einem unsicheren Umfeld mit regional sehr unterschiedlich stark ausgeprägten Auswirkungen eines stagflationären Schocks. Mit Blick auf die Inflation entfällt der größte Druck auf die energiegetriebenen Gesamtinflationskennzahlen, während die Kerninflation moderat bleibt. Dies könnte sich ändern, sollten sich die Rohstoffmärkte weiter verknappen und die Produzenten beginnen, ihre Einkaufskosten in größerem Umfang weiterzugeben. Dies wird durch ein strukturelles Versorgungsdefizit im Bereich der Energie- und Industriemetalle in Kombination mit dem sprunghaften Anstieg der Nachfrage aufgrund des Ausbaus von KI-Rechenzentren und der allgemeinen Energiewende verschärft. Versorgungsengpässe könnten die künftigen Preise beeinflussen und damit wiederum zu einer über dem Zielwert liegenden Inflation beitragen.
Die Märkte werden weniger nachsichtig. Und auch wenn der Kreditmarkt gesund wirkt, nimmt die idiosynkratische Dispersion weiter zu.
Insgesamt wird die richtige Auswahl von Aktien und Anleihen und ein aktives Management deutlich relevanter für die Rendite.
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