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Risikoforscher Didier Sornette: "Wir sehen aktuell viele Blasen" - heißgelaufene Märkte und überbewertete Short-Wetten

Der renommierte Risikoforscher aus Zürich über heiß gelaufene Märkte, überbewertete Short-Wetten und soziale Netzwerke mit Atombomben-Potenzial.

24.02.2021 | 12:15 Uhr von «Andreas Hohenadl»

Dass man es bei Didier Sornette mit einem ausgebildeten Naturwissenschaftler zu tun hat, merkt man schnell. Auf die Frage nach Übertreibungen an den Märkten kommt erst mal die Gegenfrage: Über welchen Zeitraum man denn reden wolle? Ein Jahrzehnt, ein Jahr oder einen Tag. „Im Fall der US-Börsen kann man sogar sagen, dass das ­gesamte 20. Jahrhundert von Überschwang geprägt war“, so der Physiker. Erst mal muss das Objekt der Betrachtung klar definiert sein.

Das gilt auch bei einem Untersuchungsgegenstand, der sich wie kaum ein anderer dem exakten Zugriff der Wissenschaft zu entziehen scheint wie „der Markt“. So viele Einflussfaktoren gibt es dort. Und nun scheint gar noch ein neuer hinzuzukommen beziehungsweise sich dramatisch zu verstärken: durch soziale Netzwerke verbundene Privatanleger, die binnen kurzer Zeit irrationale Kursausschläge erzeugen. Ein Paradethema für den in Zürich lehrenden Sornette, den wohl bekanntesten Erforscher von Finanzmarktblasen.

Herr Professor Sornette, sind die Aktienmärkte aktuell überhitzt?

Didier Sornette: Wir hatten schon vor einem Jahr einen heiß gelaufenen Markt. Dann kamen die Corona-Krise und die außergewöhnliche Reaktion von Regierungen und Notenbanken. Bis heute haben sie weltweit rund zehn Billionen Dollar zusätzlich ins System gepumpt. Diese Tatsache, verbunden mit der sehr optimistischen Erwartung, dass die Impfstoffe das Corona-­Problem 2021 lösen und die Wirtschaft schnell zur Normalität zurückkehrt, haben zu den jetzigen Kursniveaus geführt.

Bei der Aktie von Gamestop und weiteren US-Nebenwerten haben Kleinanleger die Kurse in irrationale Höhen getrieben. Stellt das eine neue Gefahr für unser Finanzsystem dar?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass dieses Phänomen für mich als Blasenforscher höchst interessant ist und ich mich über diese Gelegenheit sehr freue. Auch wenn das, was ich Ihnen zu erzählen habe, nicht so erfreulich ist.

Da bin ich gespannt.

Als Erstes würde ich sagen, dass dies ein weiteres Beispiel der unbeabsichtigten Konsequenzen des Internets und der sozialen Netzwerke ist. Bis vor etwa einem Jahrzehnt wurden das Internet und das World Wide Web gefeiert: Sie haben die Massen befreit, jedem Einzelnen mehr Macht gegeben, sie sind der große Gleichmacher. In den vergangenen zehn Jahren mit dem Erfolg von Facebook und Co haben wir jedoch gelernt, dass das genaue Gegenteil der Fall ist.

Inwiefern?

Wir haben gesehen, dass die Reichen reicher und die Mächtigen noch mächtiger werden aufgrund des außerordentlichen Reichweiten- und Herdeneffekts von sozialen Netzwerken. Dies alles ist eine unbeabsichtigte Konsequenz, aber sie führt letzten Endes zu Instabilität und größerer Ungleichheit. Das ist der eine Teil der Antwort.

Und der andere?

Das, was wir gesehen haben, kann den Finanzmärkten schweren Schaden zufügen. Ich bin weit davon entfernt, die beteiligten Kleinanleger zu kritisieren und ihnen schlechte Absichten zu unterstellen. Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Es gibt in der akademischen Literatur nahezu einen Konsens, dass Finanzmärkte der effizienteste Mechanismus sind, um Informationen in einen Preis zu übersetzen. Die Märkte bieten den besten Weg, ein Unternehmen zu bewerten. All das Wissen, die Meinungen, die Informationen zahlreicher Leute, die sich in Kauf- und Verkaufs­orders widerspiegeln, bilden den Markt — eine Art Superintelligenz.

… mit der es im Fall des Gamestop-­Flashmobs allerdings nicht so weit
her ist.

Richtig. Wenn alle gleichzeitig kaufen, gibt es eine Rally, und es kommt zu irrationalem Überschwang. Verkaufen alle zur gleichen Zeit, crasht die Börse. Die große Gefahr bei diesen durch soziale Netzwerke ausgelösten Kursbewegungen ist, dass der Markt seine ausgleichende Funktion verliert und zu einer Art Lotterie verkommt, bei der die Kurse durch sogenannte Memes, Internet-Hypes und verführerische Mani­pulationen ­getrieben werden. Damit würden wir ­eines der machtvollsten ­Instrumente verlieren, die für ein kapitalistisches System notwendig sind.

Eine sonderbare Vorstellung.​

Ja, aber bitte schön, ich behaupte nicht, dass die Kleinanleger daran schuld sind. Professionelle Investoren wie Hedgefonds treiben dasselbe Spiel — seien es Insiderdeals oder geheime Absprachen. Da passiert vieles unentdeckt unter der Oberfläche. Die sozialen Netzwerke fügen nun noch eine Dimension dazu.

Muss der Markt neu geregelt werden?

Nicht unbedingt. Wissen Sie, an der Börse herrscht ja ein fundamentaler Bias von Optimismus: Wenn Sie positiv für eine Aktie gestimmt sind, kaufen Sie und erzeugen Aufwärtsdruck. Was aber, wenn Sie die Aussichten für die Aktie negativ bewerten? Dann kaufen Sie nicht oder entscheiden sich für einen anderen Titel. Sie können normalerweise nicht auf fallende Kurse setzen.

Bestimmte Hedgefonds machen das aber.

Ja, sicher gibt es Short-Wetten, aber das betrifft nur ein kleines Segment des Markts. Um einen Vergleich zu ziehen: Es ist wie das Verhältnis von Antimaterie zu Materie im Universum. Sie können im Labor Antimaterie herstellen, aber das ist verschwindend wenig im Vergleich zur Materie auf dieser Welt. Auch an den Börsen dominiert die Materie in Form von Aktien-Long-Positionen. Um eine Short-Position einzugehen, muss man erst Aktien ausleihen. Das ist eine sehr, sehr kleine Fraktion, die das macht. Man sollte den Einfluss von Hedgefonds mit ihren Short-Wetten nicht überschätzen. Denn der Positiv- Bias an den Börsen ist sehr mächtig.

Dann regelt am Schluss doch alles der Markt?

Ich denke, das Problem ist wesentlich umfangreicher und betrifft nicht nur die Stabilität der Finanzmärkte. In den USA und speziell in Europa ist die Diskussion ja bereits im Gange, wie man die großen Techkonzerne regulieren soll. Ich würde die Frage also ausweiten, denn übergeordnet geht es um das Schicksal der Demokratie, um Wahrheit und Fakten. Das alles ist mit den sogenannten sozialen Medien verknüpft, mit der undemokratischen und monopolistischen Macht von fünf, sechs Konzernen auf dieser Welt, die die Informationsflüsse lenken und beeinflussen. Die Anomalien, die wir an den Finanzmärkten sehen, sind nur ein Teil der aktuellen Verwerfungen.

Was folgt für Sie daraus?

Wir müssen uns als Gesellschaft darüber klar werden, wie wir künftig mit den sozialen Netzwerken umgehen. Denn natürlich bieten sie fantastische Möglichkeiten. Es ist wie mit der Nukleartechnologie. In einem Gramm Plutonium steckt mehr Energie als in 1000 Tonnen Kohle oder Öl. Das ist großartig. Aber wir können daraus auch eine Atombombe bauen.

Wie groß ist aktuell die Blasengefahr an den Aktienmärkten?

Dazu muss ich etwas vorausschicken: Wenn wir uns heute die Entwicklung der großen Börsenindizes anschauen, hat das kaum Aussagekraft. Warum? Weil die Indizes meist von wenigen Unternehmen dominiert werden. Im S & P 500 sind 500 Firmen vertreten, aber die fünf größten kommen bereits auf einen Anteil von 20 bis 25 Prozent der Marktkapitalisierung. Wenn Sie die Top-Fünf-Prozent an Marktkapitalisierung von den restlichen 95 Prozent trennen, stellen Sie fest, dass die top-kapitalisierten Unternehmen in der vergangenen Dekade deutlich mehr hinzugewonnen haben als der Rest. Die unteren 95 Prozent stagnierten oder büßten sogar ein.

Eine gespaltene Entwicklung also.

Ja. Die Reaktion der Regierungen und Notenbanken auf die Corona-Krise hat zu einer spektakulären Rally an den Aktienmärkten geführt. Aber profitiert haben dabei nur die ganz großen Unternehmen und solche mit einer netten Story wie Tesla. Dabei geht es um Hoffnungen und Erwartungen. Aber auch um das Ausnutzen der riesigen Subventionen, die künftig und auch jetzt schon in den „grünen“ Sektor fließen. Die Investoren haben erkannt, dass die Regierungen geradezu besessen sind von der Transformation in eine grüne Ökonomie — auch wenn das technologisch und wirtschaftlich durchaus fragwürdig ist. Wir sehen aktuell also viele Blasen, aber nicht zwingend in allen Sektoren. Die „großen Stories“, so nenne ich es, dominieren. Ob die Erwartungen letztlich erfüllt werden, ist eine andere Frage.

Dieser Artikel erschien zuerst am 23.02.2021 auf boerse-online.de

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