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Bastian Nominacher: „Wir müssen evangelisieren“

Das Start-up Celonis hilft Firmen, in der Krise liquide zu bleiben und Lieferketten aufrechtzuerhalten. Der Mitgründer und Co-CEO erklärt die Technologie dahinter und warum sie 2,3 Milliarden Euro wert ist.

28.07.2020 | 09:40 Uhr von «Sabine Gusbeth»

Die Corona-Krise hat dem Software-Start-up Celonis zahl­reiche neue Kunden beschert. Dank der Technologie der 2011 gegründeten Firma können Unternehmen in Echtzeit überwachen, bei welchen Geschäftsprozessen Probleme auftreten, und frühzeitig gegensteuern. Schon vor der Krise wurde der digitalen Prozessoptimierung ein Milliardenpotenzial vorhergesagt.

Das spiegelt sich auch in der Bewertung der jungen Münchner Firma wider. Auf 2,3 Milliarden Euro wird sie taxiert. Damit ist ­Celonis eines der wertvollsten Start-ups Deutschlands. Mitgründer und Co-CEO Bastian Nominacher erklärt das Geschäftsmodell des Unternehmens und warum junge, schnell wachsende Firmen in Deutschland einen systemischen Nachteil haben.

Herr Nominacher, Celonis hilft DAX-Unternehmen und anderen Großkonzernen, in der Corona-Krise Lieferketten aufrechtzuerhalten und liquide zu bleiben. Was können Sie, was traditionelle Firmen nicht können?

Bastian Nominacher: Wir haben eine Technologie entwickelt, von der fast jedes Unternehmen der Welt profitieren kann: Unsere Software analysiert Daten, die ­tagtäglich bei Geschäftsprozessen entstehen, und optimiert diese mithilfe von künstlicher Intelligenz in Echtzeit. In der aktuellen Situation kann unsere Software schnell Krisenhilfe leisten, indem sie zeigt, welche Abläufe gestört sind, und Vorschläge macht, wie das Problem gelöst werden kann.

Können Sie Beispiele nennen?

Der Konsumgüterhersteller Reckitt Benckiser nutzt unsere Technologie, um das Cashmanagement zu optimieren und die Beziehung zu wichtigen Lieferanten besser zu steuern. Der Industriekonzern ABB hat auf Basis unserer Software ein digitales Krisenmanagement-­System aufgebaut. Das hilft nicht nur jetzt in der Krise, um Lieferketten aufrechtzuerhalten. Es soll künftig genutzt werden, um beispielsweise auf Cyberangriffe schnell zu reagieren. Aber auch BMW, Fresenius, Lufthansa, Siemens und Telekom zählen zu unseren Kunden. Sie nutzen Process Mining im Einkauf, in der Fertigung, bei der Rechnungsprüfung oder in der Verwaltung.

Sie haben gesagt, die Optimierung erfolgt in Echtzeit. Wie funktioniert
das genau?

Es bringt ja nichts, wenn Sie erst im Nachhinein feststellen, dass ein Produkt nicht pünktlich beim Kunden angekommen ist oder kein Geld mehr auf dem Konto ist. Unsere Software lernt aus vergangenen Prozessen. Dieses Machine- Learning hilft, eine Fehlentwicklung zu antizipieren und zu warnen: Wenn wir jetzt nichts ändern, werden wir nicht pünktlich liefern. Die Technologie besteht aus drei Hauptkomponenten: Sie versteht laufende Prozesse, indem sie Daten aus Transaktionssystemen vereinheitlicht und den wahren Ist-Zustand der Prozesse rekonstruiert. Dann spürt sie Reibungspunkte, ihre Ursachen und ihre Auswirkungen auf. Zu guter Letzt ergreift sie entweder automatisch intelligente Maßnahmen oder empfiehlt einem Mitarbeiter, welche Schritte man ergreifen sollte. Dadurch können die Unternehmen gut und gern 20 bis 30 Prozent der Prozesskosten einsparen. 

Aktuell versuchen viele Unternehmen, Kosten zu sparen. Ist durch die Corona- Krise die Nachfrage gestiegen?

Ja, das Interesse an unserer Technologie ist deutlich gestiegen. Wir können Firmen helfen, in der aktuellen Krise ihre Liquidität zu bewahren und die Lieferkette aufrechtzuerhalten. Dafür bieten wir unseren Kunden seit Ende März drei spezielle Apps kostenlos an. Die Nachfrage danach ist sehr hoch. Zudem versuchen wir, gemeinnützige Organisationen oder Firmen im Gesundheitswesen kostenlos zu unterstützen, damit zum Beispiel Lieferungen von Medikamenten sichergestellt werden können.

Was kostet es für Unternehmen sonst, Ihre Software zu nutzen?

Wir vermieten die Software zu einer monatlichen Nutzungsgebühr. Der Preis hängt davon ab, wie breit die Unternehmen sie nutzen, also wie viele Nutzer unsere Software verwenden und wie viele Daten verarbeitet werden müssen.

Celonis hat sein Geschäftsjahr Ende Mai beendet. Für 2018 haben Sie einen Auftragseingang von 100 Millionen US-­Dollar vermeldet. Wie hat sich das Geschäft im abgelaufenen Jahr entwickelt?

Wir sind ein privates Unternehmen, deshalb geben wir keine Daten heraus. Nur so viel: Wir sind eines der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen der Welt und gehen davon aus, dass das auch so bleibt.

Ihr Mitgründer Alexander Rinke hat kürzlich auf einer Veranstaltung gesagt, dass Celonis zuletzt 150 Prozent gewachsen ist. Stimmt das?

Wir freuen uns darüber, dass wir unseren Kunden bei der Bewältigung der durch Corona verursachten Herausforderungen helfen können und dass unser Unternehmen weiterhin stark wächst. Unser jährliches Wachstum bewegt sich im dreistelligen Prozentbereich.

Das heißt, Sie haben das Volumen aus dem Vorjahr mehr als verdoppelt?
Genau.

Ist Celonis profitabel?

Da wir am Anfang keine Investoren gefunden haben, mussten wir unser Geschäft so aufbauen, dass es nachhaltig funktioniert und sich selbst finanziert.

Inzwischen haben Sie kein Problem mehr, Investoren zu finden. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im November hat Celonis 290 Millionen US-Dollar eingesammelt und wird nun mit 2,3 Milliarden Euro bewertet. Wie kommt diese hohe Bewertung zustande?

Der Markt für digitale Prozessoptimierung entwickelt sich gerade erst, aber ihm wird ein enormes Marktpotenzial von 40 bis 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr vorhergesagt. Das spiegelt sich in der Bewertung unserer Firma wider.

Wie lange dauert es, bis dieses Volumen erreicht wird?

Ich schätze fünf bis sieben Jahre. Bisher ist gerade einmal ein Prozent des Markts erschlossen.

Davon hat Celonis aber einen Anteil von 95 Prozent ...

Ja, aber das Problem ist der Rest. Den müssen wir erst evangelisieren.

Was meinen Sie damit?

Das ist unsere größte Herausforderung: Unsere Technologie kann für fast jedes Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern einen enormen Mehrwert bringen. Der Markt ist also theoretisch unglaublich groß. Aber nicht jeder kennt unser Produkt. Wir arbeiten hart daran, unsere Software global bekannt zu machen. Wir wollen ein weltweit führendes Technologieunternehmen aufbauen.

Sie hatten überlegt, 2020 an die Börse zu gehen. Steht das noch zur Debatte?

Wir sind im Moment in der schönen Situation, dass unser Geschäft sehr gut läuft und wir dank der Finanzierungsrunde Ende 2019 ausreichend Mittel haben, um zu wachsen. Deshalb können wir in Ruhe darüber entscheiden, wann ein Börsengang der richtige Schritt ist. Das muss sich aus der Geschäftsentwicklung ableiten. Ich bin kein Freund davon, immer auf die nächste Finanzierungsrunde oder den IPO zu schielen.

Das klingt eher nicht nach 2020 ...

Nein, im Moment gibt es dafür keine konkreten Pläne.

Wenn der Markt so lukrativ ist, haben Sie keine Sorge, dass ein großer Softwarekonzern Ihnen Konkurrenz macht?

Unsere Technologie ist sehr komplex. Wir haben sehr viel Zeit und Energie hineingesteckt und unsere Software mit Patenten abgesichert. Aber klar, Wett­bewerb kann es immer geben, das ist in jedem Markt so.

Wie viele Patente haben Sie denn?

Wir haben eine bemerkenswerte Anzahl von Patenten: insgesamt 17, davon sechs erteilte und elf angemeldete. Es ist unglaublich schwierig, ein Software-Patent zu bekommen. Dazu muss man wirklich eine neue Grundlagentechnologie entwickeln. Im Hardware-Bereich gibt es sehr viele Patente. Bei Software ist die Zahl deutlich geringer, allerdings mit viel breiterer Abdeckung. Am wichtigsten ist, dass diese Patente alle unsere Kernbereiche abdecken: die Benutzeransicht der Datenintegration, die hoch-performante In-Speicher-Verarbeitung und unsere eigene Programmiersprache zum Verwalten von Prozessmodellen, PQL.

Wofür verwenden Sie das Geld aus der jüngsten Finanzierungsrunde?

Nach unserer ersten Finanzierungsrunde 2016 haben wir das Wachstum in den USA vorangetrieben. Jetzt wollen wir über Branchen- und Ländergrenzen hinweg wachsen, also breit skalieren. Dazu bauen wir unsere weltweite Vertriebs- und Service-Infrastruktur aus. Denn die Nachfrage nach der neuesten Generation unserer Software, die wir seit 2018 als Cloud-Lösung anbieten, ist unglaublich hoch. Und natürlich müssen wir unsere technische Plattform immer weiter entwickeln.

Was ist der Unterschied zu früheren Software-Versionen?

Früher mussten die Kunden unsere Software auf ihren Servern installieren. Heute können sie sich über eine Internetplattform einloggen. Für die Kunden ist diese Cloud-Lösung viel einfacher. Sie müssen sich um nichts kümmern, können die Technologie sofort einsetzen und haben wesentlich niedrigere Betriebskosten. Für uns als Hersteller ist das natürlich wesentlich komplexer. Aber wenn ich mir den Erfolg bei den Kunden ansehe, muss ich sagen, das hätten wir schon viel früher machen sollen.

Auch wenn Celonis keine Finanzsorgen hat: Vielen Start-ups droht in der Corona-Krise das Geld auszugehen. Halten Sie das Rettungspaket der Bundesregierung für ausreichend?

Ich halte das Rettungspaket für den richtigen Schritt, und finde es beeindruckend, wie konsequent, schnell und stark die Bundesregierung auf die Situation reagiert hat. Hervorzuheben ist auch, dass insbesondere für Start-ups besondere Hilfen bereitgestellt wurden.

Unabhängig von der aktuellen Krise wird häufig geklagt, dass es hierzulande zu wenig Geld für Start-ups gibt. Auch wenn es auf Celonis nicht zutrifft, teilen Sie diese Meinung?

Nicht uneingeschränkt. Auf jeden Fall hat sich sehr viel verbessert. Es gibt immer mehr Fonds, die insbesondere Start-ups in der Frühphase fördern. Für die ganz großen Wachstumsrunden ist es schwieriger, Investoren zu finden. Deutschland hat da einen systemischen Nachteil, weil Pensionskassen und Versicherer nicht so stark in Wachstumskapital investieren dürfen wie in anderen Ländern. Ein weiteres Problem ist die Besteuerung von Mitarbeiteraktien, genauer gesagt Aktienoptionen. Die ist in Deutschland viel höher als in anderen Ländern und damit für die Arbeitgeber unattraktiver. Das bremst die Entwicklung des Ökosystems für Start-ups in Deutschland.

Können Sie das genauer erklären?

Schauen Sie mal ins Silicon Valley. Das einzigartige Ökosystem dort ist unter anderem entstanden, weil Mitarbeiter von Technologieunternehmen durch Aktien am Erfolg ihres Arbeitgebers beteiligt worden sind. Das lockt nicht nur Talente an, sie haben später auch das Startkapital, um ein eigenes Start-up zu gründen. Wenn die Politik diese beiden Pro­bleme angeht, könnten wir den Innovationsgeist hierzulande noch besser nutzen. Ich sehe die Situation für Start-ups in Deutschland aber nicht so negativ wie viele andere.

Gibt es etwas in Deutschland, was Sie positiv hervorheben können?

Die staatliche Förderung ist sehr gut. Celonis hat stark von dem Exist-Förderprogramm des Wirtschaftsministeriums profitiert. Und wir haben hierzulande sehr gut ausgebildete Köpfe und eine starke, breit aufgestellte Wirtschaft als Heimatmarkt. Letztes hat uns wirklich geholfen, unsere Technologie schnell und breit, also über viele Anwendungsfälle, zu entwickeln.

Ein Großteil Ihrer Geldgeber kommt aus den USA. Bei der letzten Finanzierungsrunde hat das eine Debatte ausgelöst, ob es einen Ausverkauf deutscher Start-ups gibt. Was halten Sie von dieser Diskussion?

Ich sehe diese Entwicklung eher positiv: Es gibt immer mehr deutsche Start-ups, die so bedeutende Technologien entwickeln, dass sie weltweit relevant werden. Das ist etwas, worauf wir stolz sein können. Wer weltweit Erfolg haben will, braucht global aufgestellte Investoren.

Das heißt, Sie sehen kein Problem darin, dass die großen Geldgeber nicht aus Deutschland kommen?

Nein, das Wichtige bei der Investorensuche ist, dass man Partner findet, die für die eigene Firma einen relevanten Mehrwert mitbringen.

Können Sie beschreiben, wie Start-ups bei der Suche nach dem richtigen Partner und Investor vorgehen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder in einem strukturierten Prozess, teilweise mit Unterstützung von Investmentbanken. Oder informell, aus dem bestehenden Netzwerk. So war es bei uns. Wir haben uns häufiger zu bestimmten Themen ausgetauscht. Da findet man schnell heraus, ob man zusammenpasst. Auf der persönlichen Ebene, aber auch was Ziele angeht, die man erreichen will. Ich persönlich halte das für den besseren Ansatz. Aber ich kenne auch die andere Seite, weil ich selbst als Business Angel aktiv bin.

Das heißt, Sie unterstützen andere Gründer mit Geld und Know-how. Warum machen Sie das?

Mir macht das sehr viel Spaß, und da wir auch große Unterstützung erfahren haben, würde ich gern etwas ­zurückgeben. Wir unterstützen zum Beispiel die Firma Instrunext, die Automatisierungslösungen für Forschung und Industrie entwickelt.


Vita

Steile Karriere

Bastian Nominacher (35) wuchs im oberbayerischen Forstern auf. Nach der Mittleren Reife machte er eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Er holte das Abitur nach und studierte in München und Glamorgan (Wales) Wirtschaftsinformatik, Finanzmathematik und International Business. Bei einem Projekt für die studentische Unternehmensberatung, Academy Consult, lernte er Martin Klenk und Alexander Rinke kennen. Zusammen gründeten sie 2011 aus Nominachers Studentenbude heraus Celonis.

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