Matthias Scheiber vom US-amerikanischen Asset-Manager Allspring spricht im Interview zur jüngsten Senatsanhörung von Ken Warsh zum Fed-Vorsitz.
23.04.2026 | 13:15 Uhr von «Nico Hoffmann»
TiAM Fundresearch: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der Fed ein, nachdem die Anhörung von Kevin Warsh begonnen hat? Ist es noch möglich, dass er nicht bestätigt wird?
Matthias Scheiber: Kevin Warsh ist der klare Favorit für den Vorsitz der US-Notenbank, doch seine Bestätigung ist nicht garantiert. Rechtliche und politische Spannungen rund um Powell sowie Widerstand im Senat bleiben zentrale Risiken. Aus diesem Grund sind Verzögerungen möglich, auch wenn die Märkte eine Bestätigung von Warsh weitgehend einpreisen. Wir würden als Basisszenario letztlich einen Kompromiss der Trump-Regierung und Zugeständnisse hinsichtlich der rechtlichen Spannungen mit der Fed erwarten, um Warsh zu ernennen, schließen jedoch kurzfristig weitere politische und rechtliche Auseinandersetzungen nicht aus.
Was wird sich ändern, wenn Kevin Warsh der nächste Gouverneur/Vorsitzende wird?
Wir erwarten eine engere Fokussierung des Fed-Mandats: eine stärkere Betonung der Preisstabilität, geringere Toleranz für klimapolitische oder sozialpolitische Maßnahmen und Offenheit für Zinssenkungen bei sinkender Inflation, gleichzeitig aber eine Rhetorik zur Verteidigung der geldpolitischen Unabhängigkeit. Strukturelle Veränderungen hinsichtlich der Bilanzführung, eine geringere Abhängigkeit von Quantitative Easing (QE) und die Bevorzugung von ausschließlich US-Staatsanleihen dürften nur sehr schrittweise eingeführt werden.
Trump sprach erneut davon, Jerome Powell zu entlassen, sollte er im Federal Open Market Committee (FOMC) bleiben – was erwarten Sie?
Rechtlich wäre es äußerst schwierig, Powell ohne „triftigen Grund“ als Gouverneur zu entlassen. Wir erwarten eher rhetorischen Druck und juristisches Taktieren als eine Entlassung, insbesondere wenn sich die Bestätigung von Warsh im Senat verzögert. Wir sehen ein gewisses Konfrontationsrisiko, aber die anstehende Entscheidung über FED-Gouverneur Cook könnte der FED eine klare Richtung weisen und für weniger Unsicherheit sorgen.
Wie steht es derzeit um die Unabhängigkeit der Fed – ist sie besorgniserregend oder erst später im Jahr?
Die Unabhängigkeit wird auf die Probe gestellt, ist aber nicht aufgehoben. Das kurzfristige Risiko ist aufgrund des politischen Drucks erhöht; die größere Bewährungsprobe könnte später im Jahr 2026 kommen, wenn es bei Zinsentscheidungen vor dem Hintergrund eines nachlassenden Wachstums oder einer hartnäckigen Inflation zu Konflikten mit den Präferenzen des Weißen Hauses kommen sollte. Allerdings dürfte der Kern des FED-Stimmrechtsgremiums um die regionalen FED-Präsidenten herum eine hawkische Ausrichtung haben und sich darauf konzentrieren, die Inflation wieder auf das Zielniveau zu bringen – zumal die Gesamtinflation aufgrund des Nahostkonflikts nach oben tendiert.
Was erwarten Sie in diesem Jahr von der FED mit Blick auf die Geldpolitik, und wie wirkt sich der Irankonflikt darauf aus?
Unser Basisszenario ist eine anhaltende Pause bei den Zinsanpassungen und möglicherweise eine Senkung im weiteren Jahresverlauf, sollte das geopolitische Risiko nachlassen. Der Iran-Konflikt ist ein inflationärer Schock, der eine Lockerung der Zinsen vorerst unwahrscheinlich macht. Ein anhaltender Druck auf die Ölpreise könnte die Inflation und die Inflationserwartungen weiter nach oben treiben. Gleichzeitig ist das Wachstum in den USA robust geblieben, und die Verbraucher geben trotz höherer Benzinpreise weiterhin Geld aus, da sich der Arbeitsmarkt stabilisiert hat. Die FED kann es sich leisten, geduldig zu bleiben und datenorientiert zu agieren, bis sich der Abwärtstrend bei der Inflation wieder durchgesetzt hat.
Matthias Scheiber ist Senior-Portfoliomanager und Leiter des Multi-Asset-Teams bei Allspring Global Investments. In dieser Funktion entwickelt und verwaltet er ergebnisorientierte Multi-Asset-Anlagelösungen. Er wechselte von der Vorgängerfirma Wells Fargo Asset Management (WFAM) zu Allspring. Vor seinem Eintritt bei WFAM war Matthias als Senior Investor bei Schroders tätig und Mitglied des Global Asset Allocation Committee. Zuvor war Matthias Partner und Fondsmanager bei Aethra Asset Management. Davor war er als Portfoliomanager und Stratege bei ABN AMRO Asset Management tätig. Matthias begann seine Karriere in der Investmentbranche im Jahr 2000 bei der Raiffeisen Bank in Wien als institutioneller Portfoliomanager. Er erwarb einen Master-Abschluss in Financial Engineering und einen Doktortitel in Mathematischer Finanzwissenschaft an der University of London, Birkbeck, sowie einen Master-Abschluss in Unternehmensfinanzierung an der Fachhochschule Wiener Neustadt. Er ist berechtigt, die Bezeichnung Chartered Financial Analyst® (CFA®) zu führen.
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