Fed: Falke im Anflug

Eric Winograd, Director – Developed Market Economic Research und Chief US Economist
FED

Mit der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, Kevin Warsh als nächsten Vorsitzenden der Federal Reserve nominieren zu wollen, rückt die Frage nach dem künftigen geldpolitischen Kurs und möglichen Strukturreformen der Notenbank in den Fokus.

13.02.2026 | 06:10 Uhr

Warsh gilt als erfahrener, tendenziell „hawkisher“ Kandidat – zuletzt jedoch mit einer nuancierteren Haltung zu Zinssenkungen – und könnte neben der Zinsdebatte vor allem die Diskussion um Bilanzabbau, Regulierung und den Forschungsfokus der Fed prägen. Welche Implikationen das für Märkte, die Unabhängigkeit der Fed und den Ausblick 2026 hat, ordnet Eric Winograd, Director – Developed Market Economic Research und Chief US Economist, in seinem Kommentar ein.

Warsh als „sichere Wahl“ – doch seine geldpolitische Bilanz bleibt umstritten
In einem weithin erwarteten Schritt kündigte US-Präsident Donald Trump am 30. Januar an, Kevin Warsh als nächsten Vorsitzenden der US-Notenbank (Federal Reserve) nominieren zu wollen. An den Märkten gilt Warsh aufgrund seiner Erfahrung als Mitglied des Board of Governors von 2006 bis 2011 sowie seiner anschließenden Laufbahn im Finanzsektor und in der öffentlichen Wirtschaftspolitik grundsätzlich als „sichere Wahl“.

Warsh erhielt viel Anerkennung für seine Rolle als Bindeglied zwischen der Fed und der Wall Street während der globalen Finanzkrise. Seine geldpolitische Bilanz wird jedoch deutlich kritischer beurteilt. Als die Wirtschaft in der Folge der Krise schwächelte, konzentrierte sich Warsh vor allem auf Inflationsrisiken – obwohl die Arbeitslosigkeit zeitweise nahe 10 Prozent lag. Rückblickend stellte sich in der darauffolgenden Dekade jedoch heraus, dass das zentrale Problem eher eine dauerhaft unter dem Zielwert liegende Inflation war.

Falke mit Nuancen: Warum Warsh moderate Zinssenkungen wahrscheinlicher macht – ohne neue Risiko­prämie
Sollte der Senat Warsh bestätigen, würde er zunächst den derzeit offenen Gouverneurssitz einnehmen und den Vorsitz übernehmen, sobald die Amtszeit von Jay Powell im Mai endet. Warsh gilt als geldpolitischer Falke – geprägt durch seine Positionen während seiner Zeit im Board of Governors und durch die meisten seiner öffentlichen Äußerungen seitdem. Allerdings hat er sich zuletzt für Zinssenkungen ausgesprochen, weil er der Ansicht ist, dass Zölle keine dauerhaft höhere Inflation auslösen werden.

Diese jüngere Kehrtwende wirft zwar Fragen nach seiner Unabhängigkeit auf, doch begründet Warsh seine Argumentation in der Regel ökonomisch. Da er insgesamt als glaubwürdig gilt, erwarten wir, dass er das Federal Open Market Committee (FOMC) im Laufe dieses Jahres von Zinssenkungen überzeugen kann. Seine Nominierung macht eine moderate Lockerung aus unserer Sicht etwas wahrscheinlicher; für 2026 erwarten wir Zinssenkungen im Umfang von 50 Basispunkten. Zugleich reduziert seine Nominierung das Risiko unverantwortlich starker Zinssenkungen. Wir glauben daher nicht, dass seine Ernennung eine zusätzliche Risikoprämie an den Finanzmärkten erfordert.

Bilanzabbau als Langfristprojekt – Reformdruck bei Regulierung und Forschung
Der rote Faden in Warshs öffentlichen Aussagen ist seine Überzeugung, dass die Bilanz der Fed zu groß sei. Schon während seiner Zeit bei der Notenbank stand er der quantitativen Lockerung (QE) skeptisch gegenüber – und diese Skepsis ist geblieben. Kurz gesagt sieht er die Bilanzpolitik der Fed als einen Mechanismus, der unverantwortliche Fiskalpolitik begünstigen kann.

Auch wenn wir dieser Sichtweise teilweise etwas abgewinnen können, wäre es sehr schwierig, die Fed-Bilanz zu verkleinern, ohne Märkte und Wirtschaft zu stören – wie die Turbulenzen am Geldmarkt 2019 gezeigt haben, als die Bilanz schrumpfte. Eine spürbar kleinere Bilanz würde wahrscheinlich strukturelle Veränderungen erfordern, wie die Fed ihre Geldpolitik operativ umsetzt. Wir erwarten, dass Warsh bei einem so weitreichenden Schritt vorsichtig und schrittweise vorgehen würde; alles andere wäre unverantwortlich und würde nicht zu seiner bisher eher nüchtern-analytischen Herangehensweise passen.

In anderen Bereichen könnte Warsh kurzfristig stärkere Akzente setzen. Er fordert seit Langem Reformen bei der Regulierungspolitik, der Personalausstattung und dem Forschungsschwerpunkt der Fed. Insbesondere hält er die Bankenregulierung für zu strikt und die Beschäftigung mit Themen wie den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels für zu weit entfernt vom gesetzlich festgelegten Mandat der Notenbank. Ein Teil der von Warsh geforderten Reformen ist innerhalb der Fed bereits im Gange; er dürfte jedoch in der Lage sein, eine Deregulierungsneigung zu beschleunigen und die Forschung stärker zu fokussieren.

Warshs Vermächtnis: Strukturfragen, KI und die Bewährungsprobe Fed-Unabhängigkeit
Langfristig dürfte Warshs Vermächtnis als Fed-Vorsitzender weniger davon abhängen, wie er das FOMC durch konjunkturelle Schwankungen führt, sondern vielmehr davon, wie er strukturelle Veränderungen gestaltet. Märkte konzentrieren sich meist auf zyklische Trends – doch strukturelle Weichenstellungen prägen die US-Wirtschaft auf lange Sicht.

Dabei bleiben viele Fragen offen. Wenn etwa KI die Produktivität steigert, könnte das mehr Wachstum bei weniger Inflation ermöglichen. Wie schnell sollte die Fed das in ihrer Strategie berücksichtigen? Welche Evidenz braucht sie? Spricht das für niedrigere Zinsen – oder würde höheres Potenzialwachstum eher einen höheren neutralen Zins nahelegen? Ist Krypto eine Konkurrenz zur geldpolitischen Souveränität der Fed oder eine Ergänzung? Sollte Krypto reguliert werden – und wenn ja, wie und durch wen?

Warsh scheint im Senat grundsätzlich zustimmungsfähig zu sein, und wir erwarten, dass er letztlich das Amt übernimmt. Der Prozess könnte sich jedoch verzögern – wegen der laufenden strafrechtlichen Untersuchung gegen Powell im Zusammenhang mit der Aufsicht über Gebäudesanierungen. Mehrere Senatoren haben erklärt, sie würden keinen Fed-Kandidaten bestätigen, solange diese Untersuchung nicht eingestellt ist.

Und schließlich gilt: Wer die Fed führt, ist nur dann wirklich entscheidend, wenn die Institution unabhängig bleibt; der Supreme Court hat über zwei entsprechende Fälle noch nicht entschieden. Sollte das Gericht die Unabhängigkeit der Fed nicht schützen, wären Identität und Präferenzen des nächsten Vorsitzenden weit weniger relevant – denn Präsidenten könnten unliebsame Notenbankvertreter entlassen, bis sie die gewünschte Politik erhalten. Wir hoffen nachdrücklich, dass es nicht so weit kommt.

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