Fed: Verdammt zur Tatenlosigkeit

Fed: Verdammt zur Tatenlosigkeit
FED

Ölpreisschock, Ungewissheit um wirtschaftliche Auswirkungen von Nahost-Konflikt – und ungeklärte Personalfrage um Powell-Nachfolge

19.03.2026 | 12:39 Uhr

Die jüngste Sitzung der Fed macht deutlich: Die Unsicherheiten aufgrund des Nahost-Konflikts erschwert die Entscheidungsfindung der US-Währungshüter – und könnte die Zinsen sogar dauerhaft auf dem aktuellen Niveau halten. Dennoch rechnet Eric Winograd, Chief US Economist bei AllianceBernstein, mittelfristig mit Zinssenkungen von insgesamt 50 Basispunkten – auch wenn der Zeitpunkt noch unsicher ist. Welche Szenarien er rund um die geldpolitische Entwicklung sieht – und welche Folgen die Ungewissheit hinsichtlich des zukünftigen Fed-Vorsitzenden mit sich bringt, ordnet er in folgendem Kommentar ein.

Dass die Fed bei ihrer Sitzung in dieser Woche den Leitzins unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen würde, war keine große Überraschung. Bemerkenswerter war, dass das Komitee mit deutlicher Untertreibung feststellte, dass die Auswirkungen des Krieges im Iran auf die Wirtschaft „ungewiss“ seien. Angesichts der bestehenden Unsicherheit ist es sicherlich nicht sinnvoll, allzu viel in die übrigen Daten hineinzuinterpretieren, die der Ausschuss bei seiner Sitzung vorlegte. Jede Prognose für Wachstum und Inflation muss bestenfalls als vorläufig angesehen werden, bis sich die Auswirkungen des Krieges bemerkbar machen. Auch Fed-Chef Jerome Powell betonte diesen Punkt in seiner Pressekonferenz; Niemand könne wissen, wie sich der Ölschock auf die Weltwirtschaft auswirke. Konkret deutete er jedoch an, dass die Fed sich gut aufgestellt sieht, um auf verschiedene Szenarien zu reagieren.

Wenn wir die Analyse der Fed zur Wirtschaft als Basis betrachten, deutet der wahrscheinliche Zinspfad mittelfristig auf schrittweise Zinssenkungen hin – etwa 50 Basispunkte in den nächsten 18 Monaten. Zwar betonen die US-Währungshüter, dass sie beide Seiten ihres Mandats im Blick behalten. Mit einer Zinserhöhung im Jahr 2026 rechnet zum aktuellen Stand jedoch kein Mitglied des Komitees – und nur ein einziges geht von einem Schritt nach oben in 2027 aus. Die Frage ist, ob und in welchem Umfang es zu Lockerungen kommen wird. Fed-Chef Powell deutete an, dass die entscheidende Variable auf kurze Sicht – abgesehen von den potenziellen Auswirkungen des Ölpreisschocks – die Entwicklung der Kerninflation ist. Hier rechnet die Fed mit einer Verlangsamung, sobald die Zölle aus der Berechnung herausfallen.

Fed zur Tatenlosigkeit verdammt

Sollte dies tatsächlich eintreten, muss die Fed abwägen, ob sie den Ölpreisschock ignoriert und sich stattdessen auf die wahrscheinlichen Wachstumsverluste konzentrieren soll. Aktuell steht diese Frage jedoch längst nicht zur Debatte – zunächst müssen sich die Preise außerhalb des Ölsektors besser entwickeln. Anschließend muss die Fed die Auswirkungen des Krieges auf die Wirtschaft bewerten. Erst dann macht es Sinn, über mögliche Reaktionen zu diskutieren. Zum aktuellen Stand müssen die Währungshüter tatenlos zusehen.

Angesichts der erheblichen Unsicherheit ist zu bezweifeln, dass die Fed bei ihrer nächsten Sitzung im Mai ausreichend Vertrauen in ihre Prognosen hat, um die Zinsen anzupassen. Es müssten schon deutliche Anzeichen für einen Zusammenbruch des Arbeitsmarktes geben, um die Währungshüter zu einer Senkung zu bewegen. Und danach? Auch hier hängt die Entwicklung entscheidend davon ab, wie sich die Ölpreise entwickeln. Sollte der Krieg enden und sich die Preise auf einem niedrigeren Niveau stabilisieren, könnte der Ausschuss durchaus wieder eine Lockerung der Geldpolitik einleiten.

Nächster Schritt: Zinssenkung – oder doch -erhöhung?

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang durchaus Beachtung verdient, ist, ob der nächste Schritt der Fed eher eine Zinserhöhung als eine Senkung sein könnte. Wie oben erwähnt, sieht dies aktuell nur eines der 19 Mitglieder des FOMC voraus, und zwar mit einer Erhöhung im Jahr 2027. Für eine Erhöhung müsste es jedoch deutliche Anzeichen dafür geben, dass die langfristige Inflationserwartung steigt, oder sich eine anhaltende Phase beschleunigter Kerninflation ohne Abschwächung des Arbeitsmarktes andeutet. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass die Inflation zwar hartnäckig ist, sich aber seitwärts bewegt, und das Wachstum stagniert; in diesem Fall ist davon auszugehen, dass die Fed die Zinsen langfristig unverändert lässt. Dennoch rechne ich weiterhin mittelfristig mit Zinssenkungen von insgesamt 50 Basispunkten, wodurch der Leitzins auf 3,00 bis 3,25 Prozent sinken würde – das dürfte einer realistischen Schätzung des neutralen Zinsniveaus entsprechen. Wann ein solcher Schritt erfolgen könnte, ist aktuell noch ungewiss. Sicherlich würde jedoch ein anhaltender Krieg die Fed länger in Wartestellung halten.

Personalien Powell und Warsh weiter ungeklärt

Spannend dürfte zudem die Personalie um den neuen Fed-Vorsitz bleiben, nachdem Jerome Powells Amtszeit im Mai ausläuft. Bisher steht die Bestätigung des designierten Vorsitzenden Kevin Warsh durch den Senat aus. Powell deutete an, dass er, falls Warsh bis dahin noch nicht bestätigt sein sollte, vorübergehend im Amt bleibt – wie es das Gesetz vorsieht. Powell machte zudem deutlich, dass er den Vorstand, dem er nach Ende seiner Amtszeit weiterhin als Gouverneur angehört, nicht verlässt, bis die laufenden strafrechtlichen Ermittlungen zu den Baukostenüberschreitungen beim Fed-Gebäude vollständig und endgültig abgeschlossen sind. Für den Fall, dass Warsh bestätigt wird und die Ermittlungen abgeschlossen sind, hat Powell noch bekannt gegeben, ob er seinen Gouverneurs-Posten weiterhin füllt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er dann als Gouverneur zurücktreten würde, auch wenn er aktuell noch nicht bereit ist, diese Zusage zu machen.

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